Democracy Lab "Nicht mehr nur Händeschüttel-Performances"

Es folgten Jahre mit Alkohol, der Trennung von ihrem Mann und irgendwann auch von der Tochter, die in den Schwarzwald zog und bis heute nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte. 2005 geschieht etwas aus ihrer Sicht Besonderes: Hartz IV wird eingeführt. Päch, die bis dahin nur von Sozialhilfe lebte und der nie Unterstützung zur Wiedereingliederung am Arbeitsmarkt angeboten worden war, konnte einen Computerkurs belegen: "Seither bin ich Computerfreak."

"Da habe ich so einen Hals gehabt auf die Flüchtlinge"

2012 kehrte Päch wieder nach Frankfurt zurück, um der neuen Nutzlosigkeit nach den Trennungen zu entfliehen. "Zuhause ist zuhause", sagt sie und meint damit Frankfurt. Auch wenn nun "groß keiner mehr da ist: Großeltern tot, Eltern tot, aber mein Bruder ist noch hier; und die Schulfreunde".

Im Vergleich zu DDR-Zeiten habe sich Frankfurt zum Schlechteren verändert, weil viele Betriebe geschlossen seien und: "Es ist auch nichts mehr los, vor allem die Generation die in den Kneipen nicht nur Hippeldihopp tanzen will." Nun, mit Ende fünfzig, sagt Päch: "Ich weiß nicht mehr, wie bezahlte Arbeit aussieht." 2016 kommt es allerdings zu einer merkwürdigen Begebenheit: Sie wird von einem Gericht zu 60 Sozialstunden verurteilt. Weswegen - das möchte sie nicht sagen. Sie fragt bei einem Verein in ihrer Nachbarschaft, ob der noch Leute brauche. Ne, antwortet man ihr, aber sie könne es doch mal am Brückenplatz probieren. Dort sei ein Herr Kurzwelly und der suche immer Leute.

Kurzwelly sagt tatsächlich ja und alles scheint gut für Päch. Bis Kurzwelly erwähnt, dass mittlerweile auch viele Geflüchtete kommen. "Da dachte ich nur noch: Prost Mahlzeit." Warum? Stille. "Im Nachhinein sage ich mir: Da ist eigentlich die Schuld meines Vermieters und nicht die der Flüchtlinge." Pächs Vermieter gehört ein Gebäude, das er für Flüchtlinge ausbauen ließ. Als das geschah, musste Päch für anderthalb Jahre in einer Übergangswohnung leben, weil die Renovierung ihrer Wohnung zunächst gestoppt wurde. "Da habe ich so einen Hals gehabt auf die Flüchtlinge." Sie habe sich fremd gefühlt im eigenen Land - wie zu DDR-Zeiten, als so viele Leute aus anderen sozialistischen Ländern kamen.

An ihrem ersten Tag am Brückenplatz saßen "drinnen überall Syrer". Sie waren gekommen, um Deutsch zu lernen. "Und dann stand ich da, mit meiner Meinung. Aber ich wurde aufgenommen, als würde ich schon lange dazugehören." Päch sagt den Satz nicht wie die anderen zuvor. Sie stockt kurz und muss erst mal durchatmen, bevor sie weitersprechen kann. "Jetzt komme ich bombig mit denen klar, vor allem mit meinem Charlottchen." Charlottchen ist eine Frau aus Kamerun, die sich vor allem um das Café Blabla kümmert.

Und was ist, wenn Sie wieder aufs Amt gehen?

"Dann bekomme ich sofort wieder einen Hals, wenn mir jemand sagt, dass er mir keine Wohnung geben kann, weil da Flüchtlinge rein sollen. Irgendwie sitze ich nun zwischen den Stühlen und weiß nicht, wie ich reagieren soll."

"Ach ja, das sind doch die Träumer"

Fragt man die Menschen jenseits des Brückenplatzes nach Słubfurt, sagen manche: "nie gehört". Andere: "Ja, kenn ich". Und die dritten: "Ach ja, das sind doch die Träumer." Bei vielen Frankfurtern hat das Projekt also offenbar keinen hohen Stellenwert, dafür umso mehr bei Geflüchteten. Die Arbeit teilt sich Kurzwelly mittlerweile mit seinem polnischen Partner Adam Poholski, der das Reparaturcafé betreut und auch Reisegruppen durch Słubfurt führt. Das Geld für das Projekt und die beiden Leiter kommt aus unterschiedlichen Fördertöpfen und "reicht immer nur von Projekt zu Projekt", sagt Kurzwelly. Aber "ich habe gelernt, Antragslyrik zu bedienen; bei manchen Institutionen zählt mehr der europäische Aspekt, bei anderen müssen deutsch-polnische Gesichtspunkte herauskristallisiert werden und bei wieder anderen eher die politische Bildung".

Dieser Beitrag ist Teil des SZ-Projekts Democracy Lab, in dem wir vor der Wahl über Ihre Themen diskutieren wollen. Lesen Sie mehr dazu:

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Geht man auf die Webseite von Frankfurt an der Oder, fällt sofort auf, dass sich zumindest auf einem Logo die beiden Städte als Doppelstadt präsentieren. Sogar mit zwei polnischen Wörtern: Bez granic. Ohne Grenzen. Es wirkt, als habe Słubfurt Pate gestanden. Ist das so? Kurzwelly bleibt vorsichtig: "Ob das unser Verdienst ist, kann ich nicht beurteilen. Aber gemessen an den früheren Händeschüttel-Performances auf der Brücke über die Oder hat sich Frankfurt ja doch schon weiterentwickelt. Zumindest auf technischer Seite: Es gibt bereits eine grenzüberschreitende Buslinie und eine Fernwärmeleitung. Eine gemeinsame Straßenbahnlinie wurde allerdings schon zwei Mal abgelehnt: Zunächst auf deutscher Seite, später auf der polnischen.

Da ist Słubfurt schon weiter, weil es vor ein paar Jahren zur Hauptstadt von Nowa Amerika aufstieg. Das ist noch ein Projekt von Kurzwelly, dafür reichte der Künstler Beuys als Vorbild allerdings nicht mehr - Kurzwelly nahm stattdessen Anleihe bei Friedrich dem Großen. Der Preußenkönig hatte einst eine Gegend an der Oder zu Neu-Amerika erklärt, amerikanische Ortsnamen wie New York, New Hampshire oder Pennsylvania inklusive. Potenzielle Auswanderer nach Amerika wollte der Alte Fritz so im Land behalten. Heute ist von diesen Orten nicht mehr viel erhalten, aber Kurzwelly hat nun seinerseits ein größeres Gebiet zu Nowa Amerika erklärt, mit unklarem Grenzverlauf, aber Oder und Neiße als Rückgrat. "Passenderweise bekamen wir auch Geld von der Kulturstiftung des Bundes aus dem Fonds Neuer Länder", sagt Kurzwelly. "Klar. Wir sind ja auch ein neues Land."