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Dem Geheimnis auf der Spur:Eberswalder Schatz

Nachbildungen des spektakulären Fundes bei einer Ausstellung 2004.

(Foto: Imago Images)

1913 wurde der bedeutendste Goldfund der Spätbronzezeit in Mitteleuropa entdeckt und in Berlin gezeigt, seit dem Zweiten Weltkrieg befindet er sich in Russland. Eine Spurensuche.

"Da haben se jar eenen alten Pott mit Messing injebuddelt", ruft in bestem Eberswalder Kanaldeutsch angeblich ein Arbeiter aus, als er am 16. Mai 1913 bei Ausschachtungsarbeiten auf ein unscheinbares Tongefäß stößt. Das scheint naheliegend: Der Arbeiter machte seinen Fund in einer Messingwerksiedlung am Rand von Eberswalde bei Berlin - damals ein wichtiger brandenburgischer Industriestandort, von dessen einstiger wirtschaftlicher Potenz heute nur Ruinen und Ortsteilnamen wie Eisenspalterei und Kupferhammer zeugen.

Der Maurerpolier irrte sich: das Gefäß war gefüllt mit gülden glänzenden Drähten, Schalen, Spangen und Armbändern. Er hatte den bedeutendsten Goldschatz aus der Spätbronzezeit in Mitteleuropa geborgen. Der Schatz wird einige Zeit in der Messingwerksiedlung ausgestellt, höhere Kreise reisen eigens dafür an: Je zehn Personen dürfen zeitgleich den zum "Eberswalder Goldschatz" deklarierten Fund begutachten. Neben diversen Beamten sorgen "sechs Mann der schmuckuniformierten Werksfeuerwehr und ein revolverumgürteter Fußgendarm" für Sicherheit, so der Preußische Stadt- und Landbote am 27. Mai 1913.

Die Geschichte dieses Schatzes spiegelt auch die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert

Der Direktor der Vorgeschichtlichen Abteilung des Königlichen Museums für Völkerkunde, Carl Schuchhardt, inspiziert als erster Archäologe den Fund. 1914 beschreibt er, wie die Direktoren des Messingwerkes auf leerem Tisch goldene Gegenstände platzieren: "Binnen weniger Minuten war der ganze Tisch vor uns bedeckt mit Gold. Ich hatte es in solcher Masse nicht mehr gesehen nach den Schliemanschen Schätzen von Mykena." Schuchhardt registriert 81 Stücke und ein Gesamtgewicht von 2,59 Kilo, er schätzt den Wert des Schatzes auf 20 000 Goldmark.

Laut Gesetz gehört der Fund zur Hälfte den Arbeitern, die ihn fanden, und zur anderen Hälfte dem Grundstückseigner. Der Inhaber des Messingwerkes Aron Hirsch zahlte an den Maurerpolier 6000 Mark, weitere 3000 Mark an den ihm Nächststehenden und weitere 1000 Mark an die restlichen Arbeiter der Kolonne. Damit gehörte der Schatz ihm. Hirsch gilt als Philantrop, er möchte, dass "dieser reiche Goldschatz der deutschen Allgemeinheit erhalten bleibt": Ein Wunsch, der sich nur für einige Jahre erfüllen wird.

Kaiser Wilhelm II. hat ein Faible für Archäologie, schon bald nach dem Fund lässt er sich den Schatz von Aron Hirsch vorführen und sich von ihm, kraft kaiserlichen Macht, beschenken. Der Schatz wird im Juni 1913 im Berliner Stadtschloss ausgestellt, bis Archäologe Schuchhardt ihn für die Forschung ins Völkerkundemuseum überführen lässt. Es beginnt ein bürokratisches Ringen zwischen Forschern und kaiserlicher Verwaltung. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, gibt es andere Prioritäten, die Frage wird vertagt.

Nach Abdankung des Kaisers wird der Goldfund 1918 den Staatlichen Museen übertragen und von 1922 an in der Dauerausstellung des Völkerkundemuseums im Martin-Gropius-Bau präsentiert. Zum Schutz vor Kriegsschäden lagert man den zu Beginn des Zweiten Weltkrieges als "unersetzlich" deklarierten Schatz zunächst in der Preußischen Staatsbank und ab November 1941 im Flakturm Zoo ein.

1945 übergibt Museumsdirektor Wilhelm Unverzagt zwangsweise den Goldschatz mit anderen Kulturgütern an die Rote Armee - darunter auch den von Heinrich Schliemann in Troja entdeckten "Schatz des Priamos". Zwar gibt die Sowjetunion zwischen 1956 und 1958 etliche Stücke zurück, doch hüllt man sich beim Eberswalder Goldfund wie beim Schatz des Priamos in Schweigen. Beide gelten als verschollen oder zerstört, über Jahrzehnte gibt es keine Spur. Einige Repliken kann man bis heute ansehen, etwa im Eberswalder Stadtmuseum oder im Neuen Museum auf der Museumsinsel.

Im September 1987 kommt wieder Bewegung in den Fall, als ein Mitarbeiter des russischen Kulturministeriums Akten findet, die den Schatz des Priamos im Moskauer Puschkin-Museum verorten. Von öffentlicher Seite wird die Existenz in russischen Depots zunächst bestritten. 1994 führt man den Priamos-Schatz doch einigen Museumsleuten aus Berlin vor, er wird später Teil der ständigen Sammlung des Puschkin-Museums. Die folgende Zusammenarbeit von russischen und deutschen Forschern ist geprägt von den politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern und daher sehr wechselhaft; die deutsche Forderung nach einer Rückgabe zielt ins Leere.

Im Zuge der Kooperation werden 2004 einem deutschen Fernsehteam einige Stücke des Eberswalder Fundes vorgeführt, erst jetzt gilt seine Existenz in Moskau als verbürgt. 2013 in St. Petersburg und ein Jahr später in Moskau wird der Schatz in der Ausstellung "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen" erstmals seit 1945 wieder öffentlich präsentiert. In Deutschland ist die Schau nicht zu sehen: Russland befürchtet, dass durch Klagen eine Rückkehr der Artefakte verhindert werden könnte.

Ungeachtet der politischen Querelen untersuchen Forscher beider Nationen interdisziplinär mit modernen Methoden den Schatz für eine große Monografie. Einem Vorbericht ist zu entnehmen, dass die Wissenschaftler wegen der ähnlichen Verfertigung von einer Serienproduktion ausgehen. Die größte Überraschung: Ein Barren ist aus Messing, nicht aus Gold, er wurde anscheinend später beigefügt. Der Eberswalder Goldschatz besteht also nur aus 80 statt 81 Stücken. Doch bleiben viele Fragezeichen: Ob es sich um das Depot eines Kaufmanns, Opfergaben oder das Schmuckkästchen einer einst wichtigen Persönlichkeit handelt, bleibt wohl ewig im Glanz des Goldes verborgen.

© SZ vom 21.03.2020
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