bedeckt München 22°

Debatte um Loyalitäten:Wie doppelte Staatsbürgerschaften zustande kommen

Doppelte Staatsbürgerschaft

Kommen die Eltern aus unterschiedlichen Ländern, kann ein in Deutschland geborenes Kind sogar drei oder vier Staatsangehörigkeiten besitzen.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)
  • Doppelte Staatsbürgerschaften zu erfassen, ist extrem schwierig; die Zahlen dazu deshalb unsauber.
  • Um zwei oder mehr Pässe zu bekommen, müssen mehrere rechtliche Grundlagen erfüllt sein.
  • Der Deutsche Anwaltverein warnt vor Änderungen, nur um Erdoğan-Anhänger zu bestrafen.

Die vielen roten Fahnen, die für den türkischen Präsidenten Erdoğan in Deutschland wehen, lassen eine alte Debatte aufleben: Wie sinnvoll ist der Doppelpass? Länder-Innenminister der Union stellen die mehrfache Staatsangehörigkeit infrage. SPD und andere wollen sie behalten. Sie sei "eine soziale Realität", sagt Volker Beck, migrationspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. "Wenn sich ein paar Menschen auf Deutschlands Straßen hinter die autoritäre Politik eines Erdoğan stellen, ist das ein Problem der demokratischen und politischen Bildung, aber kein Problem des Passes." So viel diskutiert wird, so wacklig sind die zugrunde liegenden Zahlen: Wie viele Doppelstaatler leben überhaupt in Deutschland?

Zwar hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden vor zwei Jahren vermeintlich exakte Daten veröffentlicht. Deren Aussagekraft aber, so heißt es heute aus demselben Amt, sei gering. Die Zahl der Doppelstaatler lasse sich nur schätzen. Knapp 4,3 Millionen sollen es gemäß dem Zensus von 2011 sein, der vor allem auf den kommunalen Melderegistern basiert. Diese jedoch gelten den Statistikern als unsauber.

Innere Sicherheit Warum die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft fatal wäre
Innere Sicherheit

Warum die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft fatal wäre

Staatsangehörigkeit ist etwas anderes als ein Führerschein, den man schnell mal entziehen kann. Es tut der Gesellschaft nicht gut, wenn das Gefühl von Migranten, Minderdeutsche zu sein, noch verstärkt wird.   Kommentar von Heribert Prantl

Öffentliche Zahlen zu Doppelstaatlern sind kaum aussagekräftig

Warum, erklärt Franz Hetzenegger, der im Münchner Kreisverwaltungsreferat, einer der größten Meldebehörden Deutschlands, den dafür zuständigen Bereich leitet: Die Daten im Register beruhen auf den Angaben der Bürger. Die aber wüssten oftmals gar nicht, dass sie eine zweite Staatsangehörigkeit besitzen. Beispiel: Jemand hat aufgrund seines kroatischen Vaters einen kroatischen Pass in der Tasche - ohne sich bewusst zu sein, dass er dank seiner bosnischen Mutter auch die bosnische Staatsbürgerschaft besitzt und einen solchen Pass bekommen könnte.

Andere wiederum vergessen zu melden, wenn sie ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft abgeben. In der Bundesstatistik in Wiesbaden wiederum sind in den angeblich 4,3 Millionen Doppelstaatlern auch Staatsbürgerschaften von Ländern eingerechnet, die gar nicht mehr existieren: Sowjetunion, Jugoslawien, Tschechoslowakei. Entsprechend mit Vorsicht sind auch darauf basierende Aufschlüsselungen zu genießen: 690 000 Deutsch-Polen, 570 000 Deutsch-Russen, 530 000 Deutsch-Türken.

Die zweite offizielle Zahl dagegen hält man im Bundesamt für zu niedrig. Der jährlich durchgeführte Mikrozensus liefert sie. Der basiert auf persönlicher Befragung von einem Prozent der Bürger und ergab für das Jahr 2014 nur 1,6 Millionen Doppelstaatler. Hier wiederholt sich das Problem der Meldeämter, man ist auf die Angaben der Bürger angewiesen. Die Wahrheit, heißt es bei den Statistikern, dürfte also irgendwo zwischen 4,3 und 1,6 Millionen Doppelstaatlern liegen.

Terrorismus Entzug der Staatsbürgerschaft: Primitiver als Folter
Recht und Verbrechen

Entzug der Staatsbürgerschaft: Primitiver als Folter

Für viele klingt es brutal einleuchtend: Einheimischen Terroristen sollte die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Aber kann man Menschen entsorgen wie Giftmüll?   Von Andreas Zielcke