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Daniel Cohn-Bendit über Europa:"Das Zeitfenster für einen Türkei-Beitritt hat sich geschlossen"

Das klingt ja alles wunderbar, aber eben auch utopisch.

In der Politik können Sie den Stammtischen folgen oder Sie machen Vorschläge und versuchen Mehrheiten zu mobilisieren. Ich möchte Mehrheiten finden und das ist in diesem Sinne auch möglich.

Wie wollen Sie das anstellen?

Die Politik ist heute nicht mehr eindeutig im Lagerdenken verhaftet, das macht es komplizierter und gleichzeitig birgt es große Chancen. Wer für Chávez oder Castro ist, mag links sein, genauso wie die Freunde von Orbán und Mubarak eher auf der rechten Seite stehen. Aber mit Demokratie und Freiheit haben sie alle nicht viel am Hut, sprich: Rechts-links-Schemata greifen hier nicht, auch nicht in der Ökologie oder der Europäischen Frage. Es gibt viele überzeugte Europäer in allen demokratischen Lagern. Also müssen wir die Lager aufmischen. Das ist der Ansatz von Verhofstadt und mir.

Wer könnte in Deutschland in die Kategorie Aufmischer fallen?

Wolfgang Schäuble ist bei der Union einer, der das könnte und wohl auch machen würde, wenn er frei von der Kabinettsdisziplin wäre. Unter den Sozialdemokraten gibt es viele, vorneweg den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz. Die deutschen Grünen sind durch und durch proeuropäisch. Bei den Liberalen gibt es Westerwelle. Das muss man ihm lassen: Der Mann hat sich umorientiert und erkannt, dass man Europa voranbringen muss.

Ist für Ihre Pläne Angela Merkel ein Problem?

Ich bin mit vielem nicht einverstanden. Sparen ist an sich gut, aber so, wie sie es in Griechenland forciert hat, ist es kontraproduktiv. Dann ihre Last-Minute-Entscheidungen: Vor der NRW-Wahl 2010 sagte sie noch: Kein Geld für Griechenland. Nach der Wahl macht sie das Gegenteil. Wir brauchen endlich Leute an der Regierung, die den Bürgern reinen Wein einschenken.

Ist Peer Steinbrück so ein Mann? Der SPD-Kanzlerkandidat sagt, Europa müsste den Griechen noch etliche Jahre Zeit ergo auch Geld geben.

Da hat er recht! Das hätte man auch schon vor einem Jahr sagen müssen. Merkel wusste das wohl schon damals, aber sie traut sich einfach nicht. Manchmal bekommt man regelrecht Sehnsucht nach Helmut Kohl. Er hat sich wie Brandt und Schmidt um die europäische Einigung sehr verdient gemacht. Es war richtig von ihm, die Gemeinschaftswährung mit auf den Weg zu bringen, auch wenn er beim Vertrag von Amsterdam die Muffe bekommen hat. Damals wollten Kohl und die anderen den Weg einfach nicht zu Ende zu gehen - der Widerstand wäre zu groß gewesen.

Sie schreiben, die EU-Bürger sollen stolz auf Europa sein. Wie soll dieses Gefühl entstehen?

Wenn wir wissen, wie uns Geschichte verbindet, welche Kulturen Europa birgt und welche Werte wir gemeinsam haben: Dann entsteht dieses Gefühl. Wichtig ist, dass es keinen Hegemon gibt: Europa wird nicht genesen am französischen oder deutschen Wesen. Europa kann nur als Kompromiss gelingen - ein Kompromiss auf einen gemeinsamen Nenner.

Ist es realistisch, dass die Türkei Teil dieses Europas wird?

Für die nächsten 30, 40 Jahre leider nicht. Natürlich wäre es richtig und wichtig, auch wenn das einige Korinthenkacker mit Verweis auf Landkarten in Frage stellen. Die strategische Bedeutung wäre gerade in der Krise immens wichtig gewesen. Außerdem hätte Europa damit bewiesen, dass wir Islam und islamischen Fundamentalismus sorgsam unterscheiden. Ein Türkei-Beitritt wäre ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die totalitärische Weltanschauung des Islamismus. Aber das Zeitfenster für einen Beitritt hat sich geschlossen.

Herr Cohn-Bendit, Sie haben sich mit den französischen Grünen wegen Europa überworfen. Wohin führt Ihre politische Zukunft?

Meine Parlamentarier-Karriere endet 2014, wenn ein neues Europaparlament gewählt wird. Ich war dann 20 Jahre Europaabgeordneter. Mit 69 ist es auch für einen Politiker höchste Zeit für einen neuen Abschnitt.

Wissen Sie, wie alt Konrad Adenauer war, als er zum Bundeskanzler gewählt wurde?

Adenauer hatte eine andere Vorstellung vom Leben als ich. Die wenigen Jahre, die ich noch sicher aktiv gestalten kann, möchte ich anders verbringen. Ich will einen Film darüber machen, wie Brasilianer die Fußball WM 2014 als Ausnahmezustand erleben. Und einen weiteren Film über Europa. Sie sehen, ich bleibe der großen europäischen Sache erhalten.