Frankreich und der D-Day Aufrichten an der eigenen Geschichte

Hat alles akribisch geplant: François Hollande (hier am Morgen vor dem Memorial in Caen)

(Foto: AFP)

Für ihn ist der D-Day mehr als ein Gedenktag. François Hollande will seine kriselnde Nation daran aufrichten. Sie soll Kraft saugen aus ihrer Geschichte. Deshalb überlässt der französische Präsident nichts dem Zufall.

Von Christian Wernicke, Paris

Es ist sein Tag, und François Hollande will ihn nutzen. Für die Nation, für sich selbst. Den ganzen Tag lang wird das französische Fernsehen den Präsidenten ablichten, die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie bieten ihm die große Bühne. An diesem Freitag sollen ihn alle mit anderen Augen sehen: nicht als den unpopulärsten Bewohner des Élysée-Palastes in der Geschichte der Fünften Republik, nicht als den verzagten Sozialisten, der längst auch die eigenen Anhänger enttäuscht. François Hollande nutzt die Historie des D-Days, um seinen Landsleuten eine Geschichte zu erzählen: von Opfern und von Helden.

"Wenn wir die Vergangenheit betrachten mit ihrem Ruhm wie mit ihren Wunden", so sprach Hollande im vergangenen November, "dann werden wir stärker unserer selbst bewusst - und unserer Fähigkeit, unsere Zukunft zu meistern." Damals redete das Staatsoberhaupt von dem anderen, dem Ersten Weltkrieg, und er fügte einen Dreiklang hinzu: "Réformer, réunir, réussir!" (verbessern, vereinen, gelingen). Das sei "der Marschbefehl". Denselben Grundton wird der Präsident anschlagen, wenn er nun den 6. Juni 1944 würdigt, den Beginn der Befreiung Frankreichs und Europas. Er will, dass seine kriselnde Nation Kraft saugt aus der Erinnerung. Und dass sich sein Volk, laut Umfragen in tiefstem Pessimismus verfangen, ein wenig aufrichtet. An seiner Geschichte.

Nichts hat er dem Zufall überlassen. "Sogar kleinste Details" der Inszenierung dieses Tages, so räumt man ein im Élysée, habe der Präsident selbst entschieden. Die Trauer am Morgen, die Geste am Mittag, die Heldenverehrung am Nachmittag - überall setzt er eigene Akzente.

Erst seit zehn, 15 Jahren spricht Frankreich auch über die zivilen Opfer der Landung

Die erste Geschichtsstunde erteilt François Hollande seinen Franzosen morgens um 9 Uhr. Vor dem Memorial in Caen gedenkt der Präsident der 3000 Zivilisten, die am D-Day ihr Leben verloren. Die meisten waren Opfer alliierter Bombenangriffe, mit denen Briten und Amerikaner die deutschen Besatzer daran hindern wollten, ihre Truppen an der umkämpften Küste zu verstärken. Während der hunderttägigen Schlacht um die Normandie starben mehr als 20 000 Franzosen. "Es war lange politisch nicht korrekt, darüber zu reden", bezeugt Christophe Prime, der als Historiker im Mémorial von Caen forscht.

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Statt Bahnhöfe, Straßen oder Fabriken trafen viele alliierte Bomben damals Wohnhäuser, Schulen oder Hospitäler. Bis September 1944 versanken Städte wie Caen oder Le Havre in Schutt und Asche. Die Nazi-Propaganda wie die Marionettenregierung in Vichy hatten damals das Leid der Zivilbevölkerung ausgeschlachtet. Später legte der Kalte Krieg seinen Schleier über diese bittere Erinnerung, nun brauchte Frankreich die Amerikaner als Schutzmacht gegen die sowjetische Bedrohung. "Erst seit zehn, fünfzehn Jahren", so Christophe Prime, werde offener über diesen Teil des Horrors geredet: "Es ist fast eine natürliche Entwicklung. Die Veteranen sterben, also hört man nun die Stimmen der zivilen Opfer, die damals noch Kinder waren." Erst jetzt, 70 Jahre danach, strahlte der staatliche Fernsehsender France 3 eine erschütternde Dokumentation über "Frankreich unter den Bomben der Alliierten" aus. Insgesamt, so schätzen Historiker, habe der Sprengstoff der Befreier fast 60 000 Franzosen getötet. Hollande besiegelt in Caen nun per Staatsakt das offizielle Ende dieser nationalen Verdrängung.

Hollande darf aber auch nicht die anderen Opfer jener Tage vergessen - die Toten, die die Deutschen auf dem Gewissen haben. Am Tag der alliierten Landung ermordeten Angehörige der Waffen-SS im Gefängnis von Caen 87 Häftlinge, die meisten von ihnen Angehörige des französischen Widerstands, der Résistance. Auch vor ihnen wird sich der Präsident am Memorial verneigen.

Noch zehn französische Veteranen der Landung leben - sie sollen zu Nationalhelden ernannt werden

Auch Hollandes zweite Lektion ist eine Verbeugung vor der Résistance. Denn zum Mittagessen lädt der Präsident seine hohen Gäste, unter ihnen 19 Staats- und Regierungschefs, nicht zufällig ins Schloss von Bénouville (siehe nebenstehenden Bericht). Vor 70 Jahren war der prächtige Bau ein Entbindungsheim - und ein Hort des Widerstandes. Direktorin Léa Vion, genannt "La Comtesse", hatte vor der Landung wichtige Informationen über deutsche Truppenbewegungen geliefert. In den Kellergewölben des Schlosses versteckte sie Landsleute, die der Deportation zum Arbeitsdienst in Hitlerdeutschland entkommen wollten. Oder abgeschossene alliierte Piloten. Eine sehr patriotische Geschichte also. Eine, die Mut machen soll.

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Genau diesem Zweck dient ebenso Hollandes dritte Lehrstunde, inszeniert am Nachmittag im Seebad Ouistreham. Die internationale Gedenkfeier mit 8000 geladenen Gästen ehrt sämtliche 150 000 Soldaten, die bei der größten Landungsoperation aller Zeiten innerhalb eines Tages in der Normandie ankamen. Aber es hat einen sehr französischen Grund, dass der Präsident diesen Sandstrand auswählte: Hier stürmten vor 70 Jahren auch 177 Franzosen ans Ufer, um ihre Heimat zu befreien.

Die 177 Männer des "Kommando Kieffer", benannt nach ihrem Chef Philippe Kieffer, trugen die Uniformen britischer Elitetruppen, als sie am 6. Juni 1944 deutschem MG-Feuer trotzten. Als Freiwillige hatten sie in England trainiert, am Abend des D-Day waren bereits zehn von ihnen gefallen, 34 weitere verletzt. Ihre abenteuerliche Geschichte ist bestens geeignet zum nationalen Heldenepos - und doch bis heute Millionen Franzosen unbekannt. "In der Schule habe ich davon nie gehört", sagt der junge Historiker Benjamin Massieu, der gerade ein Buch über Kieffer geschrieben hat, "diese Geschichte wurde nie Teil der Mythologie des befreiten Frankreichs."

Schuld daran war Charles de Gaulle. Nach dem Krieg zelebrierte der General und Präsident stets andere Helden - die Résistance-Kämpfer oder die Soldaten seiner Exilarmee. Erst seit 1984 steht in den Dünen von Ouistreham ein lokales Denkmal, und erst 2004 nahm die Republik all diese Veteranen in ihre Ehrenlegion auf. Zehn von ihnen leben noch. Hollande wird sie am Freitag zu Nationalhelden promovieren. Vielleicht wird er dabei sogar de Gaulle zitieren. Mit einem Satz, den er liebt: "Aus der Vergangenheit entspringt die Hoffnung."