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Verstöße gegen britischen Lockdown:Tory-Politiker fordern Rücktritt von Johnsons Top-Berater Cummings

Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in London

Der Druck auf Boris Johnsons Top-Berater Dominic Cummings steigt. Er soll sich nicht an Corona-Auflagen gehalten haben.

(Foto: Reuters)

Britischen Medien zufolge soll Dominic Cummings gleich mehrfach gegen die Corona-Auflagen der Regierung verstoßen haben. Nun wenden sich auch Konservative von ihm ab.

Nach neuen Enthüllungen des Guardian und des Daily Mirror steigt der Druck auf Boris Johnsons Top-Berater Dominic Cummings, der mehrfach gegen die Corona-Beschränkungen der britischen Regierung verstoßen haben soll. Erstmals schlossen sich am Sonntag auch Abgeordnete der konservativen Regierungspartei den Rücktrittsforderungen an.

"Dominic Cummings muss gehen, bevor er Großbritannien, der Regierung, dem Premierminister, unseren Institutionen oder der Konservativen Partei noch mehr Schaden zufügt", schrieb der Tory-Abgeordnete und Erz-Brexiteer Steve Baker am Sonntag auf der Webseite The Critic.

Cummings habe in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass er glaube, Regeln würden für ihn nicht gelten. Auch habe er die Rechenschaftspflicht für jeden, der eine mächtige Position ausfülle, mit Füßen getreten, schrieb der konservative Politiker Damian Collins und fügte hinzu: "Die Regierung wäre ohne ihn besser dran." Kollege Simon Hoare twitterte: "Bei dem Schaden, den Herr Cummings dem Ruf der Regierung zufügt, muss er über seine Stellung nachdenken."

Die oppositionelle Labour-Partei hatte bereits eine rasche Aufklärung der Vorwürfe gefodert. Die britischen Bürger hätten wichtige und schmerzhafte Opfer gebracht, um die nationale Corona-Bekämpfung zu unterstützen, sagte die Abgeordnete Rachel Reeves. Es sei deshalb wichtig, dass die Regierung deutlich mache, "dass für ihre Top-Politiker dieselben Regeln gelten wie für alle anderen auch". Kritik an Cummings' Verhalten kam demnach auch von Angehörigen der britischen Kirche, den Gesundheitsbehörden sowie von Seiten der britischen Polizei.

Cummings reiste mehrfach trotz strenger Kontaktbeschränkungen

Am Freitag hatten Guardian und der Daily Mirror berichtet, dass Cummings Ende März, während der ersten strengen Kontaktbeschränkungen in Großbritannien, mit seiner Familie von London aus 430 Kilometer in die Grafschaft Durham gefahren war, wo Verwandte von ihm leben. Cummings hatte zu dem Zeitpunkt selbst Covid-19-Symptome. Den britischen Regeln zufolge hätte sich Cummings zu Hause in Selbstisolation begeben müssen, Reisen waren untersagt.

Mit dem Vorwurf konfrontiert sagte Cummings, er habe sich "vernünftig und dem Gesetz gemäß" verhalten. Er sei nach Durham gefahren, um jemanden zu haben, der sich um seinen kleinen Sohn kümmern könne, falls sowohl er als auch seine Frau an dem Virus erkrankten.

Der britische Verkehrsminister Grant Shapps sprang Cummings am Samstagnachmittag zur Seite. Dessen Sorge sei nachvollziehbar, in Durham habe sich Cummings zudem in einer separaten Wohnung von seiner Verwandtschaft isoliert und den Ort nicht verlassen, so Shapps. Auch Kabinettsminister Michael Gove twitterte: "Sich um sein Kind und seine Frau zu kümmern ist kein Verbrechen".

Doch diese Verteidigungslinie bekommt mit den neuen Enthüllungen Risse. Demnach sei Cummings am 12. April, also während der angeblichen Isolationsphase in Durham, von Zeugen in einer 50 Kilometer entfernten Touristenattraktion gesichtet worden. Zudem sei Cummings am 19. April erneut in Durham aufgetaucht, obwohl er wenige Tage zuvor in London fotografiert worden war.

Der britische Premierminister selbst hat zu dem Fall noch nichts gesagt. Verkehrsminister Shapps ließ jedoch am Samstagnachmittag ausrichten, Cummings habe weiter die volle Unterstützung von Boris Johnson. Nicht ohne jedoch hinzuzufügen, er wisse nicht, wann Johnson selbst von Cummings' Ausflügen nach Durham erfahren habe.

Der 48-Jährige Cummings ist nicht der erste hohe Regierungsmitarbeiter, der es mit den Corona-Regeln nicht so genau nahm. Der Epidemiologe Neil Ferguson musste als wissenschaftlicher Berater der Regierung zurücktreten, weil ihn seine Freundin trotz Ausgangsverbots in London besucht hatte. Auch die medizinische Beraterin der schottischen Regierung, Catherine Calderwood, gab ihren Posten auf. Sie war zweimal von Edinburgh an ihren Zweitwohnsitz gefahren.

© SZ.de/mxm/tba/gba/sekr
Kabinettsumbildung in London

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