CSU-Ministerin Aigner wechselt nach München Seehofers größter Trumpf

In Bayern politisch überleben, dann wird sich der Rest schon finden: Das ist Horst Seehofers Strategie. Deswegen holt er Ilse Aigner zurück nach München. Doch dieser Schritt des CSU-Chefs ist aus blanker Not geboren.

Ein Kommentar von Frank Müller

In den vergangenen Monaten hat Horst Seehofer die Bundespolitik mit mancher Polterei genervt. Die eigenen Koalitionspartner - CDU und FDP - waren aber immer nur in zweiter Linie deren Ziel. Vor allem geht es dem CSU-Chef darum, starke Signale in die bayerische Heimat zu senden. Dort will er Anerkennung und gute Zustimmungswerte, der Rest ist sekundär.

Jahrelang spielte Ilse Aigner die Rolle der ewigen Geheimwaffe in der CSU. Mit Horst Seehofers Ankündigung, die Minister 2013 nach München holen zu wollen, ist sie im Machtzentrum der Partei angekommen,

(Foto: dpa)

Mit der Personalie Ilse Aigner und dem Abzug der Verbraucherschutzministerin aus Berlin geht Seehofer diesen Weg weiter. Der Wechsel der im Freistaat populären CSU-Frau aus Berlin in den Landtagswahlkampf nach München zeigt ein weiteres Mal, dass Seehofer im Grunde nur ein Interesse hat: in Bayern zu überleben. Dann wird sich der Rest schon finden.

Das ist eine aus der Not geborene Strategie. Das Wahldesaster der CSU bei der Landtagswahl 2008, als die Partei weit unter die Schwelle von 50 plus X stürzte, quält Seehofer bis heute. Der CSU-Chef trägt schwer an der Erblast von Stoiber, Beckstein und Huber; ihm bleibt eine Alternative der Extreme. Entweder gelingt es Seehofer, die CSU zu alter, absoluter Machtherrlichkeit zurückzuführen. Oder er wird zum Abwickler des Niedergangs. Ein - durchaus möglicher - Gang in die Opposition wäre nicht nur das politische Ende Seehofers, sondern auch der CSU insgesamt, so wie man sie kannte.

Seehofers Lässigkeit ist nur aufgesetzt

So erklärt sich das ganze Ausmaß von Seehofers Vorwahl-Aktionismus im Freistaat und in Berlin. Ein großer Teil seiner humoristisch angehauchten Lässigkeit ist dabei nur aufgesetzt, in Wahrheit hat der angeblich so angstfreie Seehofer in den vergangenen Monaten das Fürchten längst gelernt. Aus gutem Grund: Trotz einer eher schwächelnd angelaufenen Kampagne seines SPD-Gegenspielers Christian Ude kommt Seehofers CSU in Bayern einfach nicht vom Fleck. In den Umfragen liegen die CSU und Udes Oppositionsbündnis annähernd gleichauf. Zurzeit speisen sich die CSU-Hoffnungen daraus, dass ein Einzug der Piraten in den Landtag die Opposition ausbremsen könnte.

Darauf kann keine Hoffnung ruhen, das weiß auch Seehofer. Nun soll ihm Ilse Aigner helfen - nach Lage der Dinge Seehofers derzeit größter Trumpf. Sie verkörpert traditionelle und moderne CSU fast idealtypisch in einem. Jahrelang spielte sie die Rolle der ewigen Geheimwaffe. Nun ist Aigner im CSU-Machtzentrum angekommen, als Frau, die keinen Vizeposten braucht, um dennoch die klare Nummer zwei zu sein. In der CSU belebt das die stets virulente Nachfolgediskussion für Seehofer, in der sich bislang die ehrgeizigen Bayern-Minister Markus Söder und Christine Haderthauer vorne wähnten.

Nicht nur sie könnten nun Ilse Aigners Stärke zu spüren bekommen, sondern auch Seehofer selbst. Denn dass Ilse Aigner bei allem Dirndl-Charme Mehrheiten zu organisieren und für sich zu nutzen weiß, das hat sie schon bewiesen. Das kann Seehofer im Wahlkampf beflügeln. Diese Gabe könnte aber, wenn Aigner den Zeitpunkt für gekommen hält, auch sein politisches Ende herbeiführen.