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Corona in der Türkei:Steuerrabatt und Kölnisch Wasser

Türkei Istanbul Straßenbahn

Offiziell liegt die Zahl der Infizierten in der Türkei noch unter 200, vorsorglich desinfiziert wird in der Metropole Istanbul dennoch bereits.

(Foto: Kemal Aslan/Reuters)
  • Offiziell ist die Türkei im internationalen Vergleich mit "nur" vier Toten und knapp 400 Infizierten vergleichsweise vom Coronavirus verschont geblieben.
  • Inzwischen verschärft die Regierung aber die Maßnahmen auch im Inland.
  • Zum Problem für das Land könnte noch die Grenze zu Iran, der Rückkehr Tausender aus Mekka und die Lage in Syrien werden.

Nachdem die Lage in der Türkei in den ersten Tagen der Pandemie betont rosig und das Land von den regierungstreuen Medien als Corona-frei und bestens gewappnet dargestellt worden war, hat die Regierung in Ankara nun offenbar erkannt, dass die globale Bedrohung auch vor der Türkei nicht haltmacht. Die Frage ist, ob die türkische Führung rechtzeitig genug reagiert hat. Mindestens vier Menschen sind gestorben, offiziell hatten sich nach offiziellen Angaben vom Donnerstagabend bereits 391 Menschen angesteckt. Die Dunkelziffer könnte erheblich höher sein. Offiziell lag die Zahl der durchgeführten Tests in dem 83-Millionen-Einwohner-Land bei 10 000. Nun wolle man täglich 10 000 bis 15 000 Menschen testen, erklärte die Regierung.

Laut Innenministerium sind bereits 9800 Personen in Quarantäne. Drastische Maßnahmen scheinen fürs Erste aber nicht geplant zu sein. Finanzminister Berat Albayrak, ein Schwiegersohn von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan, sagte: "Eine Ausgangssperre ist im Moment nicht auf der Tagesordnung."

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Erdoğan selbst hatte sich am Mittwoch zum ersten Mal öffentlich zur Pandemie geäußert. In seiner Rede in Ankara appellierte er an das Nationalgefühl - "kein Virus ist stärker als die Türkei" - und stimmte so die Bevölkerung auf eine schwierige Lage ein. Er sprach auch von der Gefahr "ernsthafter Konsequenzen für die Wirtschaft".

Mit der ihm eigenen kämpferischen Rhetorik appellierte Erdoğan an die Türken, ihre sozialen Kontakte auf das Allernötigste zu begrenzen. Er betonte die Verantwortung jedes Bürgers für die Eingrenzung der Pandemie: Jeder solle sich immer wieder Hände und Gesicht waschen und nach der Arbeit direkt nach Hause gehen.

Zugleich stellte Erdoğan ein "Schutzschild für die wirtschaftliche Stabilität" genanntes Paket vor, das ökonomische Maßnahmen aus Kredithilfen und Steuererleichterung in Höhe von umgerechnet 15 Milliarden Euro umfasst. Zudem kündigte er Hilfen für besonders Bedürftige an. So sollen Mindestrenten erhöht, aber auch das im Land als gegen Corona wirksam geltende türkische Kölnisch Wasser, ein Drogerieprodukt, kostenlos verteilt werden.

Gleichzeitig sprach Erdoğan sogar von wirtschaftlichen Chancen. Die Wirtschaft wende sich von China als Ursprungsland des Virus ab und suche neue Produktionsstandorte. Dafür komme die Türkei in Frage. "Wenn wir diese ein- oder dreiwöchige Phase gut managen und die Verbreitung der Krankheit eindämmen", so der Staatschef, "haben wir erfreuliche Aussichten".

Gerade kamen Zehntausende Pilger aus Mekka zurück. Einige befinden sich in Quarantäne

Eine Ausgangssperre mag noch nicht nötig sein, weil das öffentliche Leben in weiten Teilen schon lahm liegt. Fast alle Restaurants, Kaffeehäuser, Museen, Kinos, Clubs und Sportzentren sind geschlossen. Viele Geschäfte sind zu, Massenveranstaltungen wie das Gebet in Moscheen sind gestrichen. Auslandsflüge wurden ausgesetzt, die meisten Touristen sind ausgereist. Was für viele der fußballbegeisterten Türken fast am Schlimmsten ist: Der Ball rollt nicht mehr, die Süper Lig pausiert genau wie Basket- und Volleyballligen.

Das Gesundheitssystem des Landes ist nicht schlecht, aber auch nicht übermäßig gut. Gesundheitsminister Fahrettin Koca zufolge stehen 25 466 Intensivbetten zur Verfügung, was eine sehr hohe Zahl im Vergleich zu Italien oder Frankreich wäre. Dennoch warnte ein Vertreter einer türkischen Medizinerorganisation, dass man eine Überlastung des Systems durch Massenandrang auf jeden Fall verhindern müsse.

Die Gefährdung der Türkei wird durch drei Faktoren verstärkt. Das Land hat eine 500 Kilometer lange Grenze mit Iran, einem der am schwersten betroffenen Staaten. Zudem sind gerade Zehntausende türkische Muslime von der Umrah, der kleinen Wallfahrt ins saudische Mekka und Medina, zurückgekehrt. Offenbar ist die Durchseuchung dort hoch; unter den Pilgern wurden Infektionen festgestellt. Deren Quarantäne war nicht lückenlos.

Schwer abschätzbar ist, ob der Türkei eine Infektionswelle aus Syrien droht. Im umkämpften Norden des Nachbarlandes leben weit über drei Millionen Flüchtlinge unter elenden Hygienebedingungen in Lagern. Unter ihnen sind keine Tests durchgeführt worden, die WHO will nun damit beginnen. Die Aussichten wären düster: In der nur zum Teil von den Rebellen kontrollierten Provinz Idlib gibt es kaum Kliniken. Die Grenze zur Türkei ist geschlossen, dennoch überqueren sie einige Syrer. Zudem hat Ankara als Schutzmacht der Rebellen Tausende Soldaten dort, deren Nachschub über die Grenze läuft.

© SZ vom 20.03.2020 / SZ/bix

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