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Flüchtlinge:"Eine Zukunft haben wir in der Türkei nicht"

Familie Jamsidi vor der Abfahrt zur Grenze in Istanbul am 3. Februar - vor ihrer Odyssee

(Foto: privat)

Familie Jamsidi ist seit zwölf Jahren auf der Flucht. Nach Erdoğans Ankündigung versuchten sie von der Türkei nach Griechenland zu kommen - erfolglos. Im Gespräch mit der SZ erzählen sie, wie sie die Gewalt an der Grenze erlebt haben.

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor einigen Tagen seine Drohungen wahr machte und die Grenzen nach Europa öffnete, glaubten viele im Land lebende Migranten an eine einmalige Chance. Sie brachen - offen ermuntert von der türkischen Regierung - in Richtung türkisch-griechischer Grenze auf. Dort wurden sie bitter enttäuscht: Nachdem die türkische Polizei die Flüchtlinge regelrecht in Richtung Grenze gedrängt hatte, wurden sie von den griechischen Einsatzkräften mit Schlagstöcken und Tränengas aufgehalten. Man nahm ihnen Handys und Geld und schickte sie zurück.

Tausende hängen nun fest, setzen auf einen zweiten Anlauf oder kehren zurück in die Städte, in denen sie in den Monaten davor in der Türkei gelebt hatten. So auch eine der Familien, über die die SZ berichtet hatte: Die Jamsidis aus Afghanistan sind inzwischen wieder zurück in Istanbul, wollen von dort zurück nach Kayseri in Zentralanatolien.

Die fünfköpfige Familie sitzt zusammen mit mehreren Dutzend anderen Flüchtlinge in der Moschee an einem Istanbuler Busbahnhof. Nachts müssen die Eltern Fariba und Sultanahmed und ihre drei Söhne Sinan, Suhail und Shuhaib das Gebetshaus verlassen, sie schlafen in einer nahen Unterführung. Die Mutter ist krank, leidet an Angststörungen, Lähmungen und Nierensteinen. Seit Tagen haben weder die drei Kinder noch die Eltern vernünftig gegessen. Türkisch sprechen die Eltern kaum. Sinan, der älteste Sohn, hat im türkischen Kayseri eineinhalb Jahre eine Schule besucht, er dolmetscht für seine Eltern.

SZ: Sie sind vor wenigen Tagen von eben diesem Istanbuler Busbahnhof aufgebrochen in Richtung Edirne an der türkisch-griechischen Grenze. Über die Grenze haben Sie es nicht geschafft, jetzt sind sie wieder in Istanbul, müde und ohne Geld. Was ist passiert?

Familie Jamsidi: Wir hatten im Internet gelesen, dass Präsident Erdoğan die Grenzen aufmacht und man ganz einfach nach Europa kommen würde. Also sind wir von Kayseri aus losgefahren. Aber es kam dann alles anders. Wir erreichten Edirne, wurden von offiziell organisierten Bussen in Richtung der Grenze gefahren. Wir hingen dort vier oder fünf Tage fest. Natürlich haben wir sofort gesehen, wie brutal die griechische Polizei die Flüchtlinge aufhält. Es gab viele Verletze, sie wurden von der Polizei geprügelt oder von Gummigeschossen getroffen. Den meisten wurde von den Griechen alles weggenommen: Geld, Telefone, Kleidung, Gepäck.

Wo genau waren Sie an der Grenze?

Wir waren an mehreren Orten, in Uzunköprü, Ipsala und am Evros-Fluß. Nirgendwo hätten wir es mit den Kindern über die Absperrungen oder das Wasser geschafft. Dann kam die türkische Polizei und hat gesagt, entweder ihr geht jetzt durch den Fluß nach Griechenland oder wir schaffen euch zurück nach Istanbul. Auch die türkischen Polizisten haben Flüchtlinge bedroht und sogar geschlagen. Am Ende wurden wir in einen Bus gesetzt und hierher an den Bahnhof in Istanbul gefahren.

Tränengas-Einsatz gegen Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze.

(Foto: AP)

Wann und warum haben sie Afghanistan verlassen?

Wir sind seit gut zwölf Jahren auf der Flucht. Unsere Familien haben sich über unsere Heirat zerstritten. Es sollte eine arrangierte Hochzeit sein, aber dann haben zwei Onkels Widerspruch eingelegt und es gab heftigen Streit, weil wir dennoch heiraten wollten. Wir hatten Angst, dass man uns töten würde - also sind wir geflohen und haben dann geheiratet.

Wohin sind Sie damals geflohen?

Zuerst nach Iran. Wir waren lange dort, da sind die Kinder auf die Welt gekommen. Aber dann bekamen wir Angst, dass uns unsere Familien etwas antun würden. Sie hatten herausgefunden, wo wir in Iran leben. Also sind wir weiter geflohen, in die Türkei. Seit eineinhalb Jahren sind wir hier, wir haben in Kayseri gelebt. Mein Mann ist gelernter Schweißer, aber er konnte in der Türkei nur Hilfsarbeiten in einer Glasfabrik für wenig Geld ausführen. Wenn einer von uns krank war, mussten wir immer viel Geld bezahlen, wir haben keine Krankenversicherung. Eine Zukunft haben wir in der Türkei nicht, das Leben hier ist viel zu teuer für uns geworden. Das einzig Gute war, dass die Kinder in Kayseri zur Schule gehen konnten.

Wo wollen Sie denn jetzt hin?

Auch wenn wir an der griechischen Grenze gescheitert sind, würden wir am liebsten sofort wieder zurück nach Edirne und es noch einmal versuchen. Jetzt fahren wir aber erst einmal nach Kayseri zurück, dort haben wir noch die alte Wohnung. Aber wir wollen unbedingt nach Europa. Nach Deutschland, Italien oder Frankreich. Damit die Kinder eine Zukunft haben. In Afghanistan erwartet uns doch nichts außer der Tod.

© SZ.de/lalse
Migranten an der griechisch-türkischen Grenze

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Von Christiane Schlötzer

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