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Coronavirus:Griechenland fürchtet die wirtschaftlichen Schockwellen der Krise

Athens Innenstadtbezirk Plaka am Fuß der Akropolis während der Ausgangssperre: Griechenland hat früher als viele andere europäische Länder drastische Maßnahmen beschlossen, damit das Virus sich nicht verbreitet.

(Foto: AP)
  • Griechenland hat die Corona-Krise bisher gut bewältigt und früh einen umfassenden Lockdown beschlossen.
  • Doch die wirtschaftlichen Schockwellen der Pandemie drohen das Land mit brutaler Wucht zu treffen.
  • Die Achillesferse der griechischen Volkswirtschaft ist der Tourismus.

Die Corona-Horrormeldungen haben im Falle Griechenlands eine zusätzliche Schreckensnote. Mehrere der teilweise verheerend überfüllten Flüchtlingslager im Land stehen unter Quarantäne, weil das Virus dort bereits nachgewiesen wurde oder ein Ausbruch befürchtet wird. Auf Chios brachen am Wochenende gewaltsame Proteste aus, nachdem eine 47 Jahre alte Irakerin nach einer tagelangen Erkrankung mit Fieber gestorben war. Der Zorn der Demonstrierenden entzündete sich an dem Gerücht, die Frau habe unter einer Corona-Infektion gelitten. Es gab Vorwürfe, die Behörden hätten die anderen Bewohner nicht hinreichend geschützt. Zwar wurde die Frau negativ auf Covid-19 getestet - doch der Zwischenfall belegt, wie angespannt die Lage inzwischen ist.

Dabei steht das Land insgesamt im Umgang mit der Corona-Krise vergleichsweise gut da. Am Dienstagmorgen verzeichnete Griechenland den 116. Covid-19-Todesfall, bei insgesamt 2245 nachweislich Infizierten unter den elf Millionen Einwohnern. Im Vergleich zu Spanien, Italien oder Frankreich sind das geradezu verschwindend niedrige Zahlen. Dabei hat das Land einen ähnlich hohen Anteil an älteren Menschen wie Italien - und das griechische Gesundheitssystem ist nach einem Jahrzehnt der Wirtschaftskrise und der Sparmaßnahmen in einem teils kläglichen Zustand. Als das Virus im Januar Europa erreichte, ergab eine Bestandsaufnahme, dass Griechenland insgesamt nur 560 Intensivbetten hatte.

Angesichts der besonders großen Verwundbarkeit ihres Landes beschloss die griechische Regierung früh einschneidende Maßnahmen. Premierminister Kyriakos Mitsotakis beauftragte seine Beamten bereits im Januar, einen umfassenden Krisenplan zu entwickeln. Die Behörden begannen früh, Verdachtsfälle zu testen und zu isolieren - mit einem besonderen Fokus auf Reisende aus China.

Karnevalsumzüge im Februar wurden verboten, Schulen wurden am 4. März geschlossen, lange bevor die meisten anderen europäischen Staaten sich dazu entschlossen. Wenige Tage später folgten auch Restaurants, Cafés, Fitness-Studios und Museen. Ein umfassender Lockdown - mit potenziell verheerender Wirkung auf eine Volkswirtschaft, die gerade erst begonnen hatte, sich von der mehrjährigen schweren Krise zu erholen. Doch nach Einschätzung von Beobachtern war gerade der frühe Zeitpunkt des entschlossenen Eingreifens entscheidend, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Kurve wurde abgeflacht, bevor sie beginnen konnte, exponentiell nach oben zu schnellen.

Daneben hat Athen unter dem Eindruck der Corona-Krise geplante Reformen deutlich beschleunigt. Allen voran eine Digitaloffensive zur Eindämmung der berüchtigten, lähmenden Papierbürokratie. Ende April, zwei Monate früher als ursprünglich geplant, hat die Regierung ein Portal freigeschaltet, das es allen Bürgern ermöglicht, Dokumente wie Heiratsurkunden oder Wohnsitzbescheinigungen online zu beantragen.

Griechenland hat wieder mehr eigene Reserven als noch vor einigen Jahren

Die vorzeitige Einführung könne dazu beitragen, "das Leben von Millionen Griechen zu bewahren", sagte Kyriakos Pierrakakis, Minister für Digitalpolitik, da diese nun zu Hause bleiben könnten, statt sich bei Behördengängen einem Ansteckungsrisiko auszusetzen. Auch die Ausgangsbeschränkungen werden jetzt teilweise digital dirigiert: Wer das Haus verlassen wollte, um etwa einkaufen zu gehen, musste zuvor ein Antragsformular ausfüllen, mittlerweile geht das per SMS.

Doch auch wenn Griechenland eine gigantische Corona-Sterbewelle bisher erspart geblieben ist: Die wirtschaftlichen Schockwellen der Pandemie drohen das Land dennoch mit brutaler Wucht zu treffen. Die Achillesferse der griechischen Volkswirtschaft ist der Tourismus. Auf dessen Konto ging etwa die Hälfte des Wirtschaftswachstums 2018, jeder vierte Job im Land hängt davon ab, auf einigen Inseln in der Ägäis hat der Sektor einen Anteil von 90 Prozent am Bruttoinlandsprodukt.

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Angesichts der Erfolge im Eindämmen der Seuche hegen zwar viele noch die Hoffnung, dass die Tourismus-Saison 2020 nicht komplett ausfällt, sondern mit Verspätung, im Juli oder August, doch noch anlaufen kann - doch das hängt, wie Premierminister Mitsotakis der Zeitung Kathimerini am Wochenende sagte, "nicht nur von den Ereignissen in Griechenland ab" - sondern auch von jenen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, "jenen Ländern, aus denen jedes Jahr viele Touristen kommen".

Griechenland hat wieder mehr eigene Reserven als noch vor einigen Jahren, zudem genießt es wieder mehr Vertrauen in Europa: So hat die Europäische Zentralbank kürzlich beschlossen, griechische Anleihen in Höhe von zwölf Milliarden Euro aufzukaufen. Die Rezession sei wohl unvermeidlich, räumt Mitsotakis ein - aber: "Der Aufschwung 2021 wird größer sein als die Rezession 2020."

© SZ vom 21.04.2020/jsa

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