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Coronavirus:Deutschland im Krisenmodus

Coronavirus - Atemschutzmasken

Ausverkauf der Angst: In einem Baumarkt in Hannover hängen nur noch teurere Atemschutzmasken im Verkaufsregal. Die günstigeren Varianten sind aktuell offensichtlich sehr begehrt.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)
  • Der Krisenstab von Innen- und Gesundheitsministerium beschließt die Vorsichtsmaßnahmen an den Grenzen auszuweiten.
  • Geplant ist zudem, Schutzausausstattung zentral durch den Bund zu beschaffen und zu bevorraten, um die Versorgung zu sichern.
  • Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sind vom Coronavirus schwerpunktmäßig betroffen.

Das Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus. Die Zahl der bekannten Infektionsfälle stieg bis Samstagvormittag nach Angaben des Robert-Koch-Instituts auf insgesamt 66. Darunter sind auch Patienten, die schon Ende Januar erkrankten und inzwischen wieder genesen sind. Infektionsschwerpunkte sind Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Auch in Bayern, Hessen und Hamburg wurden Infektionen gemeldet.

In Berlin sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag, die Kanzlerin habe sich ausführlich mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) beraten. Ziel sei es, die Ausbreitung des Virus einzudämmen beziehungsweise zu verlangsamen, und alles zu tun, damit alle Infizierten die erforderliche Behandlung bekämen.

Der Krisenstab von Innen- und Gesundheitsministerium beschloss die Vorsichtsmaßnahmen an den Grenzen auszuweiten. So ist den Behörden bei der Einreise an Flughäfen und Häfen der Gesundheitszustand nicht nur von Reisenden aus China, sondern auch aus Südkorea, Japan, Italien und Iran zu melden. In allen Zügen müssen Passagiere Aussteigekarten ausfüllen, wenn Corona-Verdachtsfälle festgestellt wurden. Geplant ist zudem, Schutzausausstattung zentral durch den Bund zu beschaffen und zu bevorraten, um die Versorgung zu sichern.

Wie vom Krisenstab empfohlen, wurde die Tourismusmesse ITB am Freitagabend abgesagt. Die Veranstalter begründeten die Absage der weltgrößten Reisemesse, die eigentlich am Mittwoch in Berlin eröffnen sollte, mit erhöhten Auflagen des örtlichen Gesundheitsamts. "Unter anderem ordnet die Behörde an: Jeder Messeteilnehmer muss der Messe Berlin belegen, nicht aus den definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu einer Person aus den Risikogebieten gehabt zu haben", teilte die Messe Berlin mit: "Die Auflagen insgesamt sind von der Messe Berlin nicht umsetzbar." Am Samstagmittag wurde außerdem bekannt, dass der Restaurantführer Guide Michelin seine für Dienstag geplante Sterneverleihung in Hamburg wegen des Coronavirus absagt. Die Auszeichnung der Restaurants werde nun laut einer Mitteilung in einer "digitalen Pressekommunikation" erfolgen.

Die gute Nachricht: Der Zustand eines besonders schwer Erkrankten hat sich stabilisiert

Eine gute Nachricht kam aus dem Uniklinikum Düsseldorf: Der Zustand des 47-jährigen Unternehmers aus Gangelt im Kreis Heinsberg, der seit Tagen um sein Leben ringt, hat sich etwas stabilisiert. Er leide aber weiter unter einer schweren Lungenentzündung. Der Mann war seit Rosenmontag der erste bestätigte Covid-19-Infizierte des bevölkerungsreichsten Bundeslandes.

Von den mittlerweile insgesamt 38 bestätigten Corona-Fällen in Nordrhein-Westfalen werden aber nur zwei Infizierte isoliert im Krankenhaus behandelt: der Unternehmer, geschwächt durch eine überstandene Chemotherapie, und seine Ehefrau, die als Erzieherin in Gangelt arbeitete. Die beiden und weitere Infizierte hatten am 15. Februar eine Karnevalssitzung in Gangelt-Langbroich besucht. Die anderen Infizierten kurieren ihre leichten Grippesymptome in häuslicher Quarantäne aus, ein Klinikaufenthalt sei nicht erforderlich, hieß es.

Von den Infizierten, die alle Verbindungen zum örtlichen Karneval hatten, kommt ein Großteil aus Gangelt selbst. Ein Infizierter ist Arzt einer Mönchengladbacher Klinik, weshalb dort 35 Mitarbeiter und Patienten unter Quarantäne stehen. Im Kreis Heinsberg standen am Freitag etwa 1000 Menschen unter Quarantäne. Die häusliche Isolation für die etwa 300 Karnevalisten, die am 15. Februar in Gangelt-Langbroich gefeiert hatten, und ihre Familien endet an diesem Samstag. Wer bis dahin keine Symptome hat, könne wieder am öffentlichen Leben teilnehmen, sagte ein Kreis-Sprecher. 65 Kindergartenkinder aus Gangelt, in dem eine Infizierte arbeitete, und deren Eltern warten noch in Quarantäne auf ihre Testergebnisse. Die Schulen, Kindertagesstätten und Kindertagespflegeeinrichtungen im Kreis bleiben in der kommenden Woche geschlossen, öffentliche Verwaltungen öffnen dort nur für dringliche Anliegen.

Am Samstagmorgen meldete die Stadt Bonn, dass auch ein Mitarbeiter einer Offenen Ganztagsbetreuung in einer Bonner Grundschule mit dem Virus infiziert sei. Die rund 185 Kinder, die die Clemens-August-Schule besuchten, würden nun auf das Virus getestet, sagte die Leiterin des Bonner Gesundheitsamtes. Dazu würden Krisenteams die Familien im Laufe des Tages zu Hause aufsuchen. Es handele sich bei dem Erkrankten nicht um einen Lehrer, sondern um den Mitarbeiter eines Trägers, der für die Übermittagsbetreuung zuständig ist. Er zeige nur leichte Symptome und befinde sich in häuslicher Quarantäne, sagte der Ärztliche Direktor der Bonner Uniklinik, Wolfgang Holzgreve.

Das Coronavirus aufhalten bis die Grippewelle abflacht

In Baden-Württemberg ist die Zahl der bekannten Fälle am Freitag auf 14 gestiegen. Die Gesundheitsämter bemühen sich darum, die Infektionsketten zu unterbrechen, indem sie Kontaktpersonen identifizieren und in häusliche Quarantäne schicken. Auch hier ist ein Arzt betroffen, weshalb an der Uniklinik Tübingen zwölf weitere Mediziner zu Hause bleiben. Im Kreis Böblingen sagte die CDU eine Versammlung zur Wahl ihres örtlichen Landtagskandidaten ab, weil einer der Bewerber zu den Infizierten gehört, wie die Böblinger Zeitung berichtete.

Man wolle versuchen, die Krankheit mindestens so lange aufzuhalten, bis die Grippewelle abgeflacht sei, sagt Stefan Ehehalt, Leiter des Gesundheitsamtes in Stuttgart. Weil im Südwesten am Wochenende die Faschingsferien enden, bereitet er sich auf Rückkehrer aus Regionen in Italien vor, die vom Robert-Koch-Institut offiziell als Risikogebiete eingestuft werden. Ihnen wird Gesundheitsamt "dringend empfohlen", zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Dieselbe Empfehlung gibt das Kultusministerium des Landes für Schulkinder.

Zum Problem könnte werden, dass sich in der Bevölkerung Hysterie entwickelt und einzelne Infizierte sogar angefeindet werden. "Es ist ganz wichtig, dass die Leute nicht stigmatisiert werden", betont Ehehalt. Denn nur dann könne die Infektionskette unterbrochen werden.

© SZ vom 29.02.2020/luch
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