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Ethik in Zeiten der Corona-Krise:Wenn zwischen Sterben und Leben entschieden wird

Blicke aus einer Parallelwelt: Ein für Notfälle errichtetes Zelt vor einem Krankenhaus im norditalienischen Brescia.

(Foto: Luca Bruno/AP)
  • Mediziner bereiten sich weltweit auf die Situation vor, dass irgendwann nicht mehr alle schwerkranken Patienten auf Intensivstationen behandelt werden können.
  • In Deutschland haben Experten eine Handlungsanweisung dazu publiziert, wann behandelt oder nur noch beim Sterben geholfen werden sollte.
  • Italien und Spanien machen solche Erfahrung bereits.

Weltweit bereiten sich Intensivmediziner auf einen drohenden Kollaps der Kliniken vor. Schießt die Zahl der an dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infizierten Menschen weiterhin in die Höhe, dann können, so die große Angst der Mediziner, irgendwann nicht mehr alle schwerkranken Patienten auf Intensivstationen behandelt werden. In Deutschland ist es noch nicht so weit, doch das könnte sich ändern.

Um auf dieses Szenario vorbereitet zu sein, haben an diesen Donnerstag Experten aus sieben medizinischen Fachgesellschaften eine Handlungsanweisung publiziert, die Ärztinnen und Ärzten bei der wohl schwersten Entscheidung ihrer Tätigkeit helfen soll. Werden Beatmungsmaschinen, Intensivbetten und Personal tatsächlich knapp, so müssen sie unter Zeitdruck entscheiden, welche Patienten eine maximale intensivmedizinsche Therapie bekommen - und welche Hilfe beim Sterben.

In dem nun publizierten Papier betonen die Autoren, dass das Alter des Patienten alleine kein Kriterium zur Auswahl sei. Vielmehr gehe es um die grundsätzliche Frage, welcher Patient die größtmögliche Chance habe, zu überleben: Auch im Krisenfall wolle man der Verpflichtung nachkommen, möglichst viele Leben zu retten. Deshalb sollen Ärzte im Überlastungsfall die Auswahl der Patienten auch unter allen intensivpflichtigen Patienten treffen - ganz gleich, ob Covid-19-Erkrankter, Schlaganfallpatient oder Unfallopfer, schreiben die Autoren. Eine Priorisierung von Corona-Patienten lehnen sie deutlich ab.

Mit der Handlungsempfehlung habe man jetzt einen roten Faden geschaffen, damit alle wissen: "Selbst in dieser schwierigsten aller Situationen wird nicht einfach nach dem Bauchgefühl entschieden", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Für ihn sei es erschütternd zu sehen, unter welchem Druck Kollegen in anderen Ländern bereits Entscheidungen dieses Ausmaßes haben fällen müssen, sagt Janssens.

Aus Spanien etwa berichten Krankenpfleger, dass Personen von 75 Jahren an mit Vorerkrankungen wenig Überlebenschancen eingeräumt würden, deshalb kämen diese erst gar nicht auf die Intensivstation.

Altenpfleger berichten, dass Krankenwagen nicht vorführen, wenn festgestellt werde, dass die Meldeadresse eines Erkrankten ein Altersheim ist. Inwieweit die Berichte stimmen und inwieweit es sich dabei um ein Massenphänomen handelt oder aber um Einzelfälle, ist derzeit nicht festzustellen.

Trotz der Dramatik im Norden Italiens: Bislang reichten dort die Intensivbetten gerade so aus

Aus Italien gab es schon in der ersten Phase der Krise Berichte, wonach Ärzte entscheiden müssten, wen sie an die lebenserhaltenden Geräte anschließen und wen nicht. Manche dieser Berichte waren nicht verifiziert, zirkulierten aber rasend schnell durch die sozialen Netzwerke.

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Dann legte der Verband der italienischen Anästhesisten in einem Dokument Regeln für "außerordentliche Zustände" vor: Unter Punkt 3 hieß es, im Extremfall könne ein Maximalalter für die Zulassung in Intensivstationen nötig werden. Aber gab es bisher tatsächlich Fälle von Triage? Als neulich der Chef des nationalen Zivilschutzes danach gefragt wurde, sagte Angelo Borrelli, er wisse von keinem einzigen. Bei aller Dramatik der Lage im Norden des Landes: Die Intensivbetten reichten bisher immer gerade mal aus. Und nun, da die Zahl der Neuinfektionen etwas sinkt, ist man zuversichtlich, dass der Wettlauf gewonnen werden kann.

Zur Verwirrung trug wohl auch bei, dass die Italiener selbst die blauen Zelte, die sie vor dem Eingang der Krankenhäuser errichtet haben, eine "Vor-Triage" nennen: Gemeint ist, dass da die Patienten mit Covid-19 von anderen getrennt werden.

Israels Premier Benjamin Netanjahu gab am Mittwoch die Warnung aus: "Wenn die gegenwärtige Geschwindigkeit der Infektionen weitere 15 Tage anhält, dann werden wir uns in einer Situation befinden, in der wir entscheiden müssen, wer an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wer nicht." In Szenarien, die Wissenschaftler der Hebrew University in Jerusalem im Auftrag der Regierung erarbeitet hatten, wird in einem Fall mit 10 000 Toten und im zweiten mit 25 000 Toten gerechnet. Bis Ende April werden schlimmstenfalls eine Million Infizierte in dem Land mit neun Millionen Einwohnern erwartet.

Nach den bisherigen Regeln muss in Israel jedes Krankenhaus und jeder Arzt die Entscheidung treffen, ob ein Patient an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird oder nicht. Laut israelischen Medienberichten werden für den Fall, dass die Krankenhäuser einem großen Ansturm gegenüberstehen, Altersgrenzen diskutiert - dass über 60-Jährige dann nicht mehr an Beatmungsgeräte angeschlossen werden. Überlebenschancen könnten ein weiteres Kriterium sein. Medienanfragen, ob bereits an einem Kriterienkatalog gearbeitet werde, beantwortete das israelische Gesundheitsministerium bisher nicht.

Polens Gesundheitsminister versucht unterdessen, Platz für erwartete Covid-19-Patienten zu schaffen - indem Routineoperationen verschoben werden und selbst Krebspatienten verzögert behandelt werden sollen. Im Rundschreiben 1203 empfahl das Ministerium Krankenhäusern, Krebspatienten im stabilen Zustand Medikamente bis zu einem halben Jahr im Voraus zu verordnen, sie zu den Patienten nach Hause zu schicken oder Visiten aufzuschieben. Krankenhäuser, die zu einer von 19 ausschließlich für Covid-19-Patienten vorgesehenen Kliniken umgestaltet wurden, sollen Krebskranke an andere Häuser verweisen.

© SZ vom 27.03.2020
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