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Corona-Hotspot Sachsen:Freistaat unter Verschluss

Coronavirus - Situation im Erzgebirge

In großen Teilen Sachsens dürfen die Menschen ihre Häuser nur noch aus triftigen Gründen verlassen, so wie hier in Oberwiesenthal an der tschechischen Grenze.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

In keinem anderen Bundesland breitet sich das Coronavirus aktuell so schnell aus wie in Sachsen, nirgends sind die Maßnahmen schärfer. Doch aus den Landkreisen heißt es: Bringt nichts, wenn sich die Leute nicht daran halten.

Von Anika Blatz

Nun also flächendeckende Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen im gesamten Bundesland - die Corona-Pandemie hat Sachsen fest im Griff. "Es ist höchste Eile geboten", sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Mittwoch im ZDF. Er appellierte an die Bevölkerung, die Lage sehr ernst zu nehmen. Mit einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von 261,5 liegt Sachsen bundesweit an der Spitze bei den Corona-Neuinfektionen.

Seit dem 1. Dezember gilt im Land deshalb eine verschärfte Corona-Schutz-Verordnung. Die Landkreise und kreisfreien Städte müssen stärkere Schutzmaßnahmen ergreifen, wenn der Inzidenzwert an fünf Tagen hintereinander 200 Neuinfektionen übersteigt. Darunter fallen beispielsweise Ausgangsbeschränkungen: Die Menschen dürfen ihre Häuser nur noch aus triftigen Gründen verlassen, etwa, um zur Arbeit oder zum Arzt zu gehen. Auch das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung unter freiem Himmel gehört dazu, sofern sich die Menschen in öffentlichen Bereichen wie Fußgängerzonen oder Parkplätzen aufhalten. Nahezu der gesamte Freistaat ist mittlerweile von den Beschränkungen betroffen - mit Ausnahme der Großstädte Leipzig und Dresden.

Viele Fälle an der Grenze zu Tschechien

Besonders hoch ist der Inzidenzwert in den an Tschechien angrenzenden Landkreisen Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Bautzen und dem Erzgebirgskreis. Tschechien ist stark von Covid-19 betroffen, das ganze Land ist Risikogebiet. Viele Einwohner der Landkreise pendeln täglich zur Arbeit, durch den Grenzverkehr wird das Virus leicht weitergegeben. Man habe auf diesen Umstand mit Beschränkungen des Grenzverkehrs reagiert, heißt es aus dem sächsischen Sozialministerium. Zudem gebe es die Vermutung, dass die engeren sozialen Kontakte in den ländlich geprägten Landkreisen mit ursächlich für die massive Ausbreitung des Virus sind.

Das wäre auch eine Erklärung dafür, warum die Landkreise, aber nicht die Großstädte so stark betroffen sind. "Die engen Familienverhältnisse im ländlichen Raum, dort wo teils auch mehrere Generationen unter einem Dach beziehungsweise auf dem Hof leben, sind als Teil des Anstiegs nicht auszuschließen", sagt Cynthia Thor, Sprecherin des Landkreises Bautzen, wo der Inzidenzwert bei 382,6 liegt. Einen noch wesentlicheren Grund für das hohe Infektionsgeschehen sieht sie allerdings in Situationen, in denen sich die Menschen vermeintlich sicher fühlten und deshalb auf Abstand und Maske verzichteten - die Kaffeerunde in der Arbeit etwa oder der Besuch von Freunden und Verwandten.

Und hier liegt womöglich der Kern des Problems: die fehlende Akzeptanz der Maßnahmen bei Teilen der Bevölkerung. "Wir können so viele Verschärfungen und Gesetze erlassen, wie wir wollen - wenn sich die Bürgerinnen und Bürger nicht daran halten, bringt das alles nichts", sagt ein Sprecher des Erzgebirgskreises. Dort liegt die Wocheninzidenz am Mittwoch bei 411,4, der zweithöchste Wert im Freistaat. Im Frühjahr habe man im Landkreis wenige Fälle gehabt, im Sommer sei dann gar nichts mehr zu spüren gewesen. Und jetzt im Herbst "hat das Virus uns richtig getroffen" - so erklärt der Sprecher, warum viele Menschen die Regeln missachteten. "Wir appellieren an die Bevölkerung: Bitte haltet euch an die Corona-Regeln", sagt er, er sagt aber auch: Nur mit Verboten erreiche man nichts. Vielmehr müsse man es schaffen, die Bürger "mitzunehmen", damit sie die Notwendigkeit der Maßnahmen verinnerlichten und sich dementsprechend daran hielten. Man informiere die Bevölkerung umfassend, etwa durch Zeitungskampagnen.

In Bautzen setzt man auf die Einsicht der Bevölkerung

Auf die Vernunft in der Bevölkerung setzt man auch im Landkreis Bautzen. Um die Infektionszahlen wirklich zu senken, gebe es nur einen Königsweg: die Einsicht der Bevölkerung und die Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten, sagt Sprecherin Cynthia Thor. "Das mag naiv klingen - aber anders wird es nicht gehen."

Im sächsischen Sozialministerium heißt es, es gebe immer und überall vereinzelt Unvernünftige, die Mehrheit der Sachsen befürworte die Corona-Maßnahmen und halte sich an die Regeln. Dennoch seien in vielen Bereichen die Kontrollen verstärkt worden. Wer etwa ohne Mund-Nasen-Schutz angetroffen wird, wo dieser vorgeschrieben ist, müsse mit Bußgeldern rechnen.

Derweil spitzt sich die Lage in den Krankenhäusern Sachsens zu. Vor allem wegen der steigenden Zahl an Infektionen unter Ärzten und Pflegern werde die medizinische Versorgung zunehmend eingeschränkt, heißt es etwa aus dem Erzgebirgskreis. Auch das Landratsamt Bautzen spricht von einer "sehr kritischen Situation" im klinischen Bereich. Andere Bereiche der Grundversorgung, sagt Sprecherin Thor, seien bislang aber nicht gefährdet.

© SZ/pamu
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