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Coronavirus:Welcher Weg führt aus der Epidemie?

Coronavirus - München

Verhaltensregeln während der Pandemie: Ein Schild im Münchner Hofgarten.

(Foto: dpa)

Forscher machen wenig Hoffnung, dass die Beschränkungen bald gelockert werden können. Entscheidend ist, wie wir die Zeit des Stillstands jetzt nutzen.

Es ist gerade mal eine Woche her, dass in Deutschland weitreichende Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden. Seit vergangenem Wochenende sind die Menschen wegen der Corona-Epidemie weitgehend in ihre eigenen vier Wände verbannt, noch mehr Geschäfte geschlossen, Unternehmen steuern auf die Pleite zu. Viele treibt bereits die Frage um: Wie lange muss das Land im Notbetrieb bleiben? Angela Merkel versuchte sogleich, die aufkommende Debatte einzuhegen. Es sei jetzt "nicht der Zeitpunkt, über eine Lockerung der Maßnahmen zu sprechen", sagte sie am Donnerstagabend. Doch die Debatte läuft weiter. "Sobald es irgendwie geht, werden wir die Beschränkungen wieder schrittweise aufheben", sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) der Neuen Osnabrücker Zeitung. Und FDP-Chef Christian Lindner begrüßte die Diskussion über Lockerungen als "positives Zeichen". Auf Dauer seien die Beschränkungen "untragbar", auch für die Wirtschaft. Über den richtigen Zeitpunkt, den Griff des Staates zu lockern, müssten aber Gesundheitsexperten entscheiden, fügte Lindner hinzu.

Die Aussagen vieler Experten aber weisen in eine andere Richtung, sie klingen sogar noch vorsichtiger als Angela Merkel. Die Kanzlerin sagte, dass die Verdopplungszeit der Corona-Fallzahlen "in Richtung von zehn Tagen" gehen müsse, bevor man die Einschränkungen lockern könne. Dies entspräche zwar einer deutlich langsameren Ausbreitung - derzeit verdoppelt sich die Zahl der bestätigten Fälle etwa alle fünf Tage. Dennoch würde sich das Virus in Deutschland weiter exponentiell ausbreiten. Laut dem Epidemiologen Rafael Mikolajczyk von der Universität Halle befindet man sich mit zehn Tagen an der Grenze, eine noch etwas stärkere Eindämmung sei ratsam.

Wissenschaftler senden diese zentrale Botschaft seit Tagen an die Welt: Das Abmildern der Pandemie, das Abflachen der Kurve, das unter dem Hashtag #FlattenTheCurve schon eine gewisse Berühmtheit erreicht hat - es wird nicht reichen. Die Kurve lässt sich gar nicht so weit nach unten drücken, dass die Gesundheitssysteme vieler Länder nicht mehr überfordert wären. Die flache Kurve ist ein schönes Bild, aber nur, solange man in der dazugehörigen Grafik keine echten Werte einträgt. Seit die Wissenschaftler ihre Modellrechnungen zu Covid-19 laufen ließen, haben sie ein neues Ziel ausgegeben. Es geht jetzt nicht mehr um eine abgeflachte Kurve. Es darf gar keine Kurve mehr geben, jedenfalls keine, die weiter ansteigt. Der Anstieg der Fallzahlen muss ganz zum Erliegen kommen. Das gilt auch für Deutschland.

Das liegt daran, dass selbst ein moderater Anstieg der Kurve das Gesundheitssystem in jedem Land sehr schnell an seine Grenzen bringt. So wie es in Italien, im Elsass, als Nächstes womöglich in New York passiert. Es müssen dann nicht nur schwierige ethische Entscheidungen getroffen werden, wer behandelt wird und wer nicht. Wenn das Gesundheitssystem überlastet ist, steigt die Letalität, es sterben also mehr Infizierte an der Covid-19-Erkrankung als nötig. Zugleich sterben auch Menschen an anderen Krankheiten, die in anderen Zeiten überleben würden, weil Ärzte oder Betten wegen Corona-Fällen fehlen.

Den Forschern zufolge ist kein schnelles Ende der Einschränkungen in Sicht

Zahlreiche Studien bestätigen inzwischen, dass radikale Schritte nötig sind, um die Ausbreitung zu stoppen. Ein deutsch-polnisches Forscherteam hat diese Erkenntnis gerade in einer umfangreichen Modellrechnung bestätigt. Die Autoren gehen davon aus, dass sich Ansteckungen innerhalb des eigenen Haushalts kaum vermeiden lassen. Umso drastischer müssen man daher Treffen außerhalb der Familie beschränken. "Diese Kontakte müssten um mehr als 90 Prozent reduziert werden", sagt der Mathematiker Thomas Götz von der Uni Koblenz, der an der Studie mitgearbeitet hat.

Im Wissenschaftsjournal Science berichtete eine internationale Forschergruppe am Mittwoch, wie effektiv die Ausgangssperre in China die Ausbreitung der Viren gestoppt habe. Zuvor reisten die Viren in ihren menschlichen Wirten durch die gesamte Volksrepublik. Nachdem die Regierung strenge Ausgangssperren erlassen hatte, pflanzten sich die Infektionsketten nur noch in Familien fort, bis sie abbrachen.

Warum die Kontaktbeschränkung so gut funktioniert, verdeutlicht auch die Untersuchung einer Forschergruppe der University of Hongkong. Die Ärzte und Epidemiologen beobachteten 77 Paare, von denen ein Partner das Virus trug, aber noch nicht krank war; 44 Prozent der Infektionen in dieser Gruppe geschahen, bevor der zuerst Infizierte überhaupt Symptome spürte. Das bedeutet, dass viele Infizierte sogar dann das Virus schon weitergegeben haben, wenn sie sich beim ersten Kratzen im Hals selbst isolieren.

Was bedeutet das nun für eine Lockerung der Beschränkungen in Deutschland? Die Härte, die mit geschlossenen Läden und Unis, mit stillgelegten Fabriken und Kontaktverboten einhergeht, sie ist aus Sicht vieler Wissenschaftler vorerst ohne Alternative. Wie lange ist "vorerst"? Den Forschern zufolge ist kein schnelles Ende in Sicht. Es sei "damit zu rechnen, dass diese Einschnitte über die nächsten Monate aufrechterhalten werden müssen, um zu einer völligen Eindämmung der Infektionsausbreitung zu führen", heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Auch in einer viel beachteten Studie des Imperial College in London ist von "vielen Monaten" die Rede, in denen man die Sozialkontakte verhindern müsse. Werden die Einschränkungen zu früh gelockert, droht erneut ein exponentieller Anstieg, die Kurve würde nur nach hinten verschoben, aber genauso hoch klettern (Grafik).

Gibt es keine besseren Instrumente, die weniger Leid und Schaden anrichten? In einzelnen Studien wird durchaus über alternative Wege aus der Epidemie nachgedacht, die mit einem deutlich kürzeren Shutdown auskommen. In einem vertraulichen Strategiepapier des Bundesinnenministeriums, an dem neben den Experten des Robert-Koch-Instituts auch Ökonomen mitgewirkt haben, wird etwa das Szenario "The Hammer and the Dance" genannt, Holzhammer und Tanz. Den Titel entnahmen die Beamten dem Blogbeitrag eines Managers. In der Fachwelt ist der Ansatz umstritten, er gilt als riskant. Das Szenario zielt darauf ab, die Auflagen doch bereits nach einigen Wochen zu lockern. Allerdings hat dann nur ein kleiner Teil der Bevölkerung die Krankheit durchlaufen und Immunität erlangt. Es ist daher dauerhafte, höchste Vorsicht nötig, um einen erneuten Ausbruch zu vermeiden.

Wissenschaftler rechnen erst 2021 mit einem Impfstoff

Damit eine der Strategien überhaupt funktionieren kann, muss die Zeit, die ein Land durch die Stilllegung des öffentlichen Lebens gewinnt, richtig genutzt werden. Einerseits gilt es, das Gesundheitssystem zu rüsten, mit Betten, Personal und genug Schutzausrüstung, damit sich die Mitarbeiter nicht selbst infizieren. Andererseits müssen auch die Kapazitäten ausgebaut werden, die notwendig sind, um kleine Ausbrüche sofort einzugrenzen. Dazu zählen Tests auf das Virus, aber auch sogenannte Contact Tracer, eine Art Gesundheitsfahnder, die das Virus jagen, die Kontaktpersonen von Infizierten aufspüren und unter Quarantäne stellen. Erst wenn alle Vorbereitungen getroffen wurden und die Zahl der täglichen Neuinfektionen so weit gesunken ist, dass die Behörden mit individuellen Maßnahmen wie Virustests im Umfeld des Infizierten und akribischem Contact Tracing verhindern können, dass sie sich zu neuen Ausbrüchen auswachsen, kann man darüber nachdenken, die Einschränkungen zu lockern.

Vor allem die Testkapazitäten müssten deutlich ausgebaut werden. Auch über technische Möglichkeiten zum Nachverfolgen von Kontaktpersonen müsste diskutiert werden. Das Papier des Innenministeriums erwähnt in seinem Szenario 1 ("Schnelle Kontrolle") ausdrücklich die "Identifikation von Kontaktpersonen über elektronische Bewegungsprofile". Bislang scheitert diese am Datenschutz. Und immer bleibt das Risiko, dass man eine erneute Ausbreitung des Virus zu spät bemerkt und in einen exponentiellem Anstieg gerät. Es käme zu einem zackenartigen Verlauf der Epidemiezahlen (Grafik), nach Lockerungen wären erneut strenge Ausgangsbeschränkungen nötig.

Wie man aus dem Lockdown wieder herauskommt, probiert China gerade aus. Dort besteht die Strategie darin, das öffentliche Leben langsam wieder hochzufahren und nicht abrupt. Betriebe nehmen nacheinander ihre Arbeit auf, je nachdem, als wie wichtig sie eingestuft werden. Produktion ist da zum Beispiel wichtiger als Unterhaltung. Gleichzeitig wird die gesundheitliche Überwachung verstärkt. Wahrscheinlich wird jedes Land ohnehin seinen eigenen Weg finden müssen, um wieder in einen halbwegs normalen Alltag zu kommen, und seine Strategie regelmäßig überdenken.

Fest steht, dass sich die Gesellschaft entscheiden muss, was ihr wichtig ist. Denn ohne Einschränkungen wird es auch mit der besten Virus-Überwachung nicht gehen. Da müssen zum Beispiel Massenveranstaltungen gegen Schulschließungen abgewogen werden. Der Zugang zu Altenheimen muss überwacht werden.

Wenn sich das Leben in Deutschland im Sommer wieder halbwegs normalisieren sollte und das Virus unter Kontrolle bleibt, wird es im Herbst wieder spannend. Dann erwarten Epidemiologen eine zweite Infektionswelle, die hoffentlich auf ein gestärktes Gesundheitssystem und eine vorbereitete Gesellschaft trifft. Besiegt wird das Virus erst sein, wenn ein Impfstoff verfügbar ist - und damit rechnen Wissenschaftler erst im Laufe des Jahres 2021.

© SZ vom 28.03.2020/swi
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