Corona-Impfstoffe:Eine dritte Spritze nach sechs Monaten?

"Das höchste Level an schützender Wirksamkeit" vor allem gegen die Delta -Variante biete vermutlich eine dritte Impfung, glaubt man bei Biontech und Pfizer.

"Das höchste Level an schützender Wirksamkeit" vor allem gegen die Delta -Variante biete vermutlich eine dritte Impfung, glaubt man bei Biontech und Pfizer.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Hersteller Biontech und Pfizer befürworten eine Auffrischungsimpfung nach einem halben Jahr, vor allem zum Schutz gegen die Delta-Variante. Bislang ist die Datenlage aber noch unklar.

Von Christoph von Eichhorn

Die Pharmafirmen Biontech und Pfizer gehen davon aus, dass eine Drittimpfung mit dem von ihnen entwickelten Corona-Vakzin Comirnaty innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der vollständigen Impfung erforderlich ist. "Während der Schutz vor einem schweren Verlauf innerhalb der ersten sechs Monate weiterhin hoch bleibt, wird ein Rückgang der Wirksamkeit gegenüber symptomatischen Verläufen im Laufe der Zeit und das weitere Auftreten neuer Virusvarianten erwartet", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Impfstoff-Hersteller. Dabei berufen sich die Firmen auch auf Daten des israelischen Gesundheitsministeriums. Um den höchstmöglichen Schutz aufrechtzuerhalten, könne eine Auffrischungsimpfung hilfreich sein.

Die Unternehmen beziehen sich auf Daten aus einer laufenden Studie zu einer dritten Auffrischungsimpfung mit dem mRNA-Impfstoff. Diese zeigten, dass eine Drittimpfung sechs Monate nach der zweiten zu fünf bis zehn Mal höheren neutralisierenden Antikörpergehalten gegen Sars-CoV-2 sowie gegen die erstmals in Südafrika entdeckte Beta-Variante führe. Details sollen bald in einer Fachzeitschrift publiziert werden. Die Daten sollen nun bei der US-Arzneimittelbehörde FDA sowie der europäischen EMA eingereicht werden, mit dem Ziel, Drittimpfungen zu ermöglichen.

Auch eine Anpassung an die Delta-Variante ist denkbar

Neue Zahlen zeigen, dass die Delta-Variante die Schutzwirkung der Impfstoffe herabsetzen kann. Laut Daten des israelischen Gesundheitsministeriums verhindert der Impfstoff von Biontech rund 64 Prozent aller symptomatischen Infektionen mit der Delta-Variante. Bevor sich Delta in Israel ausbreitete, hatte dieser Wert noch 95 Prozent betragen. Allerdings liegt der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen, die beispielsweise einen Klinikaufenthalt erfordern, noch immer bei sehr hohen 93 Prozent, betont die israelische Behörde.

Eine dritte Dosis biete vermutlich "das höchste Level an schützender Wirksamkeit gegenüber allen bisher getesteten Varianten, einschließlich der Delta-Variante", wie Pfizer und Biontech schreiben. Zugleich arbeiten die Firmen auch an einer angepassten Version ihres Impfstoffs, basierend auf dem veränderten Spike-Protein der Delta-Variante. Die erste Studie zu diesem angepassten Vakzin soll voraussichtlich im August beginnen.

Ob die Zulassungsbehörden die Einschätzung der Impfstoff-Hersteller teilen, ist noch unklar. In einer Mitteilung der FDA und der US-Gesundheitsbehörde CDC hieß es zunächst, Amerikaner, die vollständig geimpft seien, benötigten derzeit keine Auffrischungsimpfung. Man sei aber auf die Verabreichung von Auffrischungsdosen vorbereitet, sollten wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass sie notwendig seien. Die US-Gesundheitsbehörden untersuchten die Frage, verließen sich dabei aber nicht ausschließlich auf Daten von Pharmafirmen.

Auffrischungsimpfungen waren bereits Thema zwischen Merkel und Spahn

Auch Bund und Länder bereiten sich laut Bundesregierung auf Auffrischungsimpfungen vor. Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn hätten darüber bereits gesprochen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. "Die Bürger können sicher sein, dass Bund und Länder sich vorbereiten auf das, was vorbereitet werden muss, nämlich dass nach einer ersten Immunisierungswelle Impfstoff und Impfungen zur Auffrischung zur Verfügung stehen und auch verfügbar gemacht werden", fügte er hinzu.

Bislang sei die Datenlage noch nicht ausreichend, eine dritte Impfung nach einem halben Jahr zu empfehlen, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Eine Auffrischungsimpfung werde aber aller Wahrscheinlichkeit nach nötig sein. "Wir warten jetzt noch die Daten, die vorgelegt werden, ab, und entsprechend wird auch eine Empfehlung seitens der Ständigen Impfkommission dazu erfolgen." Leif Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Berliner Charité, äußerte gegenüber der dpa die Vermutung, dass es vor allem bei älteren Menschen zu einer nachlassenden Immunantwort kommen dürfte. Für Jüngere und Gesunde seien Auffrischungsimpfungen dagegen noch kein Thema.

Bislang gibt es noch recht wenige aussagekräftige Daten zur langfristigen Schutzwirkung der zugelassenen Corona-Vakzine. Kürzlich hatte eine Studie im Fachmagazin Nature gezeigt, dass mRNA-Impfstoffe wie Biontech eine lang anhaltende Immunantwort im Körper auslösen, auch gegen verschiedene Varianten von Sars-CoV-2. Abwehrzellen, deren Antikörper an das Spike-Protein des Coronavirus binden und es damit ausschalten, ließen sich mehrheitlich noch 15 Wochen nach der ersten Impfdosis in den Lymphknoten von Probanden nachweisen. Die Immunantwort auf die mRNA-Impfung falle damit deutlich robuster aus als jene auf die Grippe-Impfung, die jährlich erneuert werden muss, betonen die Mediziner um Ali Ellebedy von der Washington University School of Medicine in der Studie. Allerdings hatten sie die Immunantwort nur für die Alpha- und Beta-Varianten untersucht, nicht für die Delta-Variante, die sich derzeit weltweit stark ausbreitet.

(Mit Material von dpa.)

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