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Coronavirus:Die Politik hat die Virusangst unterschätzt

Coronavirus - Supermarkt

Überall in Deutschland kaufen die Menschen massenhaft Desinfektionsmittel ein.

(Foto: Arnulf Stoffel/dpa)

Die Panik im Land ist größer, als das Virus gefährlich ist - und genau das zeigt: Deutschland ist auf einen ernsthaften Seuchenausbruch nicht ausreichend vorbereitet.

Kommentar von Kristiana Ludwig, Berlin

Die Bundesregierung ist mit einer nationalen, ja globalen Krise konfrontiert. Das Coronavirus lässt Kongresse und Flüge ausfallen, Bürger horten Desinfektionsmittel, Nudeln und Toilettenpapier. Sie haben Angst davor, schwer krank zu werden, und erwarten, dass Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sie schützt. Die Regierung muss jetzt für Sicherheit und für Ruhe sorgen. Letzteres ist angesichts der Stimmungslage zurzeit die wichtigste, aber auch die schwierigste Aufgabe.

Die Bilder aus den Quarantänestädten weltweit wirken bedrohlich - doch nach allem, was Wissenschaftler bisher wissen, ist Corona weitgehend ungefährlich. Früher oder später wird sich wohl die Mehrheit der Menschen dieses Virus einfangen, bei den meisten wird es bei Halsweh und Schnupfen bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, an der neuen Krankheit zu sterben, ist sehr gering. Rechnerisch sinkt sie sogar ständig, weil sich eben immer mehr Menschen infizieren - und auch wieder erholen. Corona ist nicht Ebola.

Das Virus ist zuerst ein Problem der Medizin. Corona kann sich im Moment schnell verbreiten, weil Impfstoffe fehlen. Selbst wenn nur ein Prozent aller Infizierten tatsächlich eine Lungenentzündung bekommt: Treten diese wenigen Fälle aber innerhalb kürzester Zeit auf, können ihnen Ärzte und Pfleger schlimmstenfalls nicht so gut helfen wie sonst. Das Ziel ist deshalb lediglich, dass sich das Virus langsamer verbreitet. Es geht nicht mehr darum, es auszurotten, dafür ist es zu spät. Corona ist eine gesellschaftliche Herausforderung, eine Gefahr für jeden Einzelnen ist es nicht.

Die Panik der Menschen dagegen ist die große Gefahr, mit der die Politik einen Umgang finden muss. Bei all der Virusangst gehen beruhigende Botschaften unter, die Spahn immer wieder in die Kameras spricht. Auch wenn es Pandemiepläne gab und Spahns Krisenmanagement bisher stringent und verlässlich ist - die Alarmstimmung hat die Bundesregierung kalt erwischt. Fatalerweise hat sie dem nur wenig entgegenzusetzen, denn für ihre Aufrufe zur Besonnenheit fehlt eine wirksame Kommunikationsstrategie.

So entwickeln sich die Hamsterkäufe von medizinischer Schutzausrüstung gerade zur eigentlichen Gesundheitskrise in Deutschland. Gesunde Bürger, die Desinfektionsmittel und Mundschutzmasken aufkaufen oder sie sogar aus Krankenhäusern stehlen - das sind die bitteren Folgen von konfusen Katastrophennachrichten auf allen Kanälen. Gefährlich ist das für all jene Menschen, die auf ein steriles Umfeld angewiesen sind, etwa Krebspatienten während einer Chemotherapie.

Für ein gefährlicheres Virus muss sich der Staat dringend besser wappnen

Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Dienstag mitteilte, seine Regierung werde nun alle Schutzmasken beschlagnahmen, verhängte der deutsche Krisenstab am Mittwoch lediglich einen Exportstopp und kündigte Steuergeld für Schutzausrüstung an. Dabei hatte die Bundesregierung erst im Februar 14 Tonnen Handschuhe, Atemmasken und anderes medizinisches Material nach China geschickt, als Hilfslieferung. Hätte zu den Pandemieplänen nicht auch gehört, einen Vorrat anzulegen? In den Bundesländern zeigen die Politiker jetzt auf das Versagen der Mediziner und umgekehrt. Dabei hat tatsächlich fast niemand die Panikkäufe der Bürger vorhergesehen. Angesichts der Wucht, die echte und falsche Nachrichten heute in sozialen Medien entfalten, ist das ein fatales Versäumnis.

Das Coronavirus zeigt, dass Deutschland auf eine ernste Seuche nicht ausreichend vorbereitet ist. Spahn räumte bereits ein, dass an vielen Stellen Notfallpläne zu selten geübt wurden. Dazu gehören auch Überlegungen, wie Arztpraxen, Kliniken und Rettungsdienste weiter funktionieren, wenn deren Personal in Quarantäne muss. Man kann von Glück sprechen, dass Corona meist einen so milden Krankheitsverlauf nimmt. Für ein Virus, das ansteckender, gefährlicher und noch angsteinflößender ist, muss sich dieser föderale Staat dringend besser wappnen.

Was jedoch jetzt gleich gebraucht wird, sind klare Ansagen, die allen Beteiligten Orientierung geben. "Nicht jeder, der bei sich Corona vermutet, muss sich testen lassen - bei Erkältung zu Hause bleiben reicht", wäre so ein Satz. Schließlich sind die Ärzte mit den vielen Coronatests ohnehin heillos überfordert. Mangels Schutzmasken dürfen sie oft gar nicht testen. Jeder Bürgermeister und jede Firma muss gerade selbst die offiziellen Virenschutzrichtlinien interpretieren. Das schafft unnötige Verwirrung. Eine flächendeckende Regelung, nach der jeder Arbeitnehmer mit Erkältung ohne Attest für eine Woche zu Hause bleiben dürfte, wäre einfacher und wesentlich wirksamer.

Die Solidarität mit den Schwächsten, sie ist die Aufgabe jedes Einzelnen, und somit tragen die Bürger nun die größte Verantwortung. Atemmasken und Desinfektionsspender zu klauen oder aufzukaufen ist übertrieben und vor allem absolut unsozial. Jetzt geht es um Rücksicht der Gesunden auf die Kranken. Um Anstand.

© SZ vom 06.03.2020
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