Herkunft des Coronavirus:"Signifikante Menge an Belegen"

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Herkunft des Coronavirus: Es gebe "enorme Belege" dafür, dass das Coronavirus aus einem chinesischen Labor stamme, sagte US-Außenminister Pompeo. Doch das ist nach wie vor umstritten.

Es gebe "enorme Belege" dafür, dass das Coronavirus aus einem chinesischen Labor stamme, sagte US-Außenminister Pompeo. Doch das ist nach wie vor umstritten.

(Foto: AP)

Die US-Regierung befeuert erneut die Theorie, nach der das Coronavirus aus einem chinesischen Labor stammt. In Berlin sieht man dafür keine Beweise, doch die Ungeduld gegenüber Peking wächst.

Von Paul-Anton Krüger und Georg Mascolo

Mit der bislang deutlichsten Schuldzuweisung an China hat US-Außenminister Mike Pompeo den Streit um den Ausgangspunkt der Corona-Epidemie eskaliert und erneut die Theorie befeuert, dass das Virus aus einem Hochsicherheitslabor in Wuhan freigesetzt worden sein könnte. "Es gibt enorme Belege, dass das der Ort ist, an dem es begonnen hat", sagte Pompeo in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC. Beweise dafür präsentierte Pompeo nicht, fügte auf Nachfrage aber nochmals hinzu: "Ich kann Ihnen sagen, dass es eine signifikante Menge an Belegen gibt, dass dies aus dem Labor in Wuhan gekommen ist." US-Präsident Donald Trump sprach von einem "sehr fürchterlichen Fehler", den China begangen habe, ohne näher darauf einzugehen. Er kündigte einen umfassenden Bericht der US-Regierung an. "Wir werden einen sehr starken Bericht abgeben darüber, was unserer Ansicht nach passiert ist, und ich denke, er wird sehr schlüssig sein", sagte Trump.

In einem Radiointerview am Sonntag hatte Pompeo sich noch zurückhaltender geäußert. "Wir wissen nicht, ob es aus dem Institut für Virologie in Wuhan kommt", sagte er, von einem Markt in der Stadt oder sonst woher. "Wir kennen diese Antworten nicht." In dem Institut gibt es ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe vier sowie weitere Bereiche, die nach der zweithöchsten Sicherheitsstufe drei zertifiziert sind. Darüber hinaus unterhält die lokale Seuchenbehörde ein Labor der Sicherheitsstufe zwei, in dem zumindest in der Vergangenheit ebenfalls an Coronaviren geforscht wurde und Fledermäuse gehalten wurden.

In der Bundesregierung sieht man weiter keine Beweise für Washingtons These

Nach offizieller Version der Regierung Chinas soll das Virus auf dem Huanan-Markt von Tieren auf den Menschen übertragen worden sein. Die genaue Infektionskette ist aber nach wie vor unklar. Bekannt ist nur, dass es auf dem Markt zu einer Häufung von Fällen kam und der enge Kontakt zwischen Menschen und möglichen Wirtstieren schon bei früheren Epidemien als Schlüssel galt, wenn Viren von Tieren auf den Menschen übergingen. Zudem ist sicher, dass in Fledermäusen Corona-Viren vorkommen, deren Erbgut mit dem von Sars-Cov-2 weitgehend identisch ist. Gesicherte öffentlich zugängliche Beweise gibt es weder für die eine noch die andere Variante, wobei die Mehrheit der Virologen eine natürliche Übertragung für die weitaus wahrscheinlichere Erklärung halten.

Dies stützte der Notfallchef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Michael Ryan, am Montag, die UN-Behörde habe Belege, laut denen das Virus natürlichen Ursprungs ist. Die US-Vorwürfe seien aus WHO-Sicht spekulativ.

In der Bundesregierung sieht man weiter keine Beweise für die Labor-These. Auch dem Bundesnachrichtendienst, der bereits seit den ersten Januar-Tagen mit seiner Abteilung Wissenschaft und Technik versucht, Informationen über die Krankheit zu beschaffen, liegen keine entsprechenden Erkenntnisse vor. Gleichzeitig allerdings wächst die Kritik an der chinesischen Weigerung, eine Mission der WHO zur Ursprungsforschung nach Wuhan zu lassen. Dies sei wichtig, um die genaue Herkunft des Virus zu bestimmen. Zudem könnten so weitere wichtige Erkenntnisse zur Impfstoffforschung gewonnen werden, heißt es in Regierungskreisen.

Während die Bundesregierung diese Position gegenüber der chinesischen Staatsführung seit Wochen vertritt, hielt sie sich mit öffentlichen Erklärungen lange zurück. Man fürchtete, mit öffentlicher Kritik genau das Gegenteil zu erreichen. Inzwischen scheint diese Zurückhaltung nicht mehr zu gelten. Am Wochenende sagte Außenminister Heiko Maas: "Die ganze Welt hat ein Interesse, dass der genaue Ursprung des Virus geklärt wird."

Chinas Regierung konterte Pompeos Anwürfe in einem Leitartikel der staatlichen Zeitung China Global Times: Die Trump-Regierung "führt weiterhin einen beispiellosen Propagandakrieg, während sie versucht, die globalen Bemühungen im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie zu behindern". Pompeo "hat keine Beweise, und im Interview hat er geblufft". Wenn Washington solide Belege besitze, solle es diese Wissenschaftlern vorzulegen, damit diese sie untersuchen und überprüfen könnten. Die Anschuldigungen dienten Trump dazu, im Präsidentschaftswahlkampf von seiner Inkompetenz abzulenken. Die USA verzeichnen die höchste Zahl Infizierter und Corona-Toter weltweit.

Die New York Times berichtet unter Berufung auf Regierungsquellen, die Hinweise auf das Labor seien nicht eindeutig und stammten zumeist aus öffentlichen Quellen. Die Geheimdienste hätten darauf hingewiesen, dass die Frage nach dem Virusursprung womöglich nie letztgültig geklärt werden könne. Ein Problem der US-Regierung sei, dass ein Teil der Geheimdienstinformationen offenbar aus abgehörten Gesprächen chinesischer Regierungsmitarbeiter stamme - und ihre Offenlegung Rückschlüsse auf Methoden der US-Dienste zuließe. Am 7. April habe der amtierende Nationale Geheimdienstdirektor Richard Grenell, bis vor Kurzem Botschafter in Berlin, ein Treffen der US-Geheimdienste einberufen. Dabei habe es keinen Konsens gegeben, wie es zu dem Ausbruch kam.

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