bedeckt München

Corona:Jetzt handeln

In Deutschland sollte das öffentliche Leben nun kurz und geplant heruntergefahren werden. Je länger man damit wartet, desto härter werden die Einschnitte.

Kommentar von Felix Hütten

Zahlen sind für Menschen oft schwer zu fassen, sie sind nüchtern, kühl, abstrakt. Was genau bedeutet es, wenn sich in Deutschland innerhalb von 24 Stunden mehr als 10 000 Menschen mit dem Sars-Coronavirus-2 anstecken? Alles nicht so schlimm? In Frankreich oder Spanien sind es deutlich mehr, und noch schlagen die Krankenhäuser nicht Alarm. Warum genau also Alarm schlagen?

Man kann sich, um der Macht der Abstraktheit etwas zu entkommen, eine Epidemie wie eine Fahrt mit dem Auto vorstellen. Das Auto rast auf eine Betonwand zu. Wie lange also dürfen sich Tag für Tag 10 000 Menschen und mehr mit dem Virus infizieren, bis ein Aufprall nicht mehr zu verhindern ist? Oder anders: Wann sollte der Fahrer endlich auf die Bremse treten?

Deutschland rast, aber bislang herrscht Uneinigkeit zu diesen Fragen. Ab wie vielen Toten droht der Aufprall? Wann genau ist das Gesundheitssystem überlastet? Wann brechen Pflegerinnen und Pfleger vor Erschöpfung zusammen? Wann müssen Fabriken, Schulen und Restaurants schließen, weil so gut wie alle Menschen, die dort täglich ein und aus gehen, krank oder in Quarantäne sind?

Angesichts der aktuellen Corona-Zahlen ist es dringend an der Zeit innezuhalten. Besser jetzt, besser kontrolliert, als in ein paar Wochen panisch im Notfallmodus. Die Gesundheitsämter stehen bereits am Rande der Überlastung, eine Einzelfallverfolgung von Kontakten ist schon heute nicht mehr überall möglich. Expertinnen und Experten fordern seit Tagen alternative Konzepte, etwa die Strategie der Cluster-Nachverfolgung.

Rechtzeitiges Handeln verhindert einen Zusammenbruch

Hierfür suchen die Gesundheitsämter gezielt nach größeren Gruppen, die ein positiv getesteter Mensch in den vergangenen Tagen infiziert haben könnte, etwa Kollegen beim Mittagessen oder Mitglieder einer Chorprobe. Diese Menschen bilden ein Cluster, und dieses Cluster wird konsequent ohne Test für etwa zehn Tage in Quarantäne geschickt; später kommt es zu einer Freitestung. Diese Strategie könnte die Gesundheitsämter zeitnah entlasten.

Sinnvoll wäre auch ein kurzes, geplantes Runterfahren des öffentlichen Lebens, auf das sich die Bevölkerung einstellen kann, etwa während der Schulferien. Damit lässt sich das Virus gewiss nicht besiegen, doch aber seine Ausbreitung verzögern. Unter Fachleuten werden solche "Überlastschalter" oder "Mini-Lockdowns" bereits diskutiert. Sie wären eine Vorstufe von länger anhaltenden Lockdowns, die, da darf man sich keine Illusionen machen, auch in Deutschland bald kommen könnten.

Warum dann also noch warten? Je später jeder Einzelne den Ernst der Lage akzeptiert, desto härter werden die Einschnitte - für jeden. Rechtzeitiges Handeln, also jetzt, verhindert eine Überlastung der Krankenhäuser; es verhindert einen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens. Und so geht es am Ende überhaupt nicht um die Details der einen oder anderen ausgeklügelten Strategie, um die Vorschläge von Virologe X oder Epidemiologin Y. Sondern um eine eigentlich recht einfache Überlegung: Das Virus sucht sich seine Wirte, jeder Mensch, der nicht immun ist, kommt infrage.

Irgendwann, es wird noch ein bisschen dauern, kommt der Frühling, kommt hoffentlich ein Impfstoff. Bis dahin hilft nur eins: kräftig auf die Bremse treten.

© SZ/kit
Baden-Württemberg ruft höchste Corona-Alarmstufe aus

MeinungSteigende Corona-Zahlen
:Angst ist nicht angebracht, Umsicht schon

Es ist keine Panikmache, realistisch über die Gefahren der Pandemie zu informieren. Aber es ist jetzt wichtiger denn je, dass die Verantwortlichen den richtigen Ton treffen.

Kommentar von Christina Berndt

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite