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Angehende Technologie-Supermacht:Wie Zukunftsängste auf China projiziert werden

Vor der Internationalen Import-Messe in Shanhgai

Blick auf die Skyline von Shanhgai

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Menschen im Westen neigen dazu, China zu dämonisieren. Dabei fürchten wir uns in Wahrheit vor uns selbst.

Es ist nun 70 Jahre her, dass Mao Zedong in Peking die Gründung der Volksrepublik China ausrief. Seitdem hat das Land eine enorme Wandlung vollzogen: von dem bürgerkriegsgeschwächten Drittweltland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde und zur angehenden Technologie-Supermacht. Und wir? Wir schwanken bis heute zwischen den Extremen, wenn wir auf China blicken: Wirtschaftlich beeindruckt uns das Land, politisch aber ängstigt es uns. Die wachsende politische Kontrolle der chinesischen Bevölkerung, das Streben nach globaler Vorherrschaft in allen Bereichen und Chinas selbstbewusstes, ja mitunter aggressives militärisches Auftreten bilden den Stoff für Dystopien.

Chinas rasante Entwicklung in Technologiefeldern wie der künstlichen Intelligenz und der parallel dazu stattfindende Aufbau eines gesellschaftlichen Bonitätssystems, das auf Big Data setzt, schüren neue Ängste. Letztlich aber gewährt China uns einen Blick in unsere Zukunft. China ist nicht länger (nur) Feind in einem Systemkonflikt, sondern längst auch Teil unserer eigenen Welt geworden. Das haben wir jüngst bei den emotional aufgeladenen Debatten um die Zulassung von Huawei im 5G-Netz gemerkt. Und das ist nicht zu übersehen, wenn Chinas staatliche Industriepolitik Deutschland zwingt, seine Außenwirtschaftspolitik strategischer anzugehen als bislang. China prägt unsere Zukunft bereits viel stärker, als vielen von uns bewusst sein dürfte.

Häufig dämonisieren wir China und fühlen uns bestätigt durch das, was die chinesische Führung - auch - tut und beschließt: die Ein-China-Politik beispielsweise, die harte Haltung gegenüber Hongkong, die Verfolgung von Christen, die Niederschlagung der Protestbewegung im Frühjahr 1989, Pekings zunehmend nationalistisches Auftreten wie zum Beispiel bei Territorialstreitigkeiten mit anderen Staaten im Südchinesischen Meer, all dies verleitet uns dazu, China als eine böse Macht zu stilisieren.

Andererseits bewundern wir die Erfolge von 40 Jahren Reformpolitik und hoffen darauf, dass China endlich so wird wie wir. Dabei merken wir nicht, dass wir China stets durch eine Schwarz-Weiß-Brille betrachten. Wann immer etwas passiert, das wir nicht einordnen können, suchen wir die Extreme: "Der schlafende Gigant", die "gelbe Gefahr" oder die "neue Technologie-Supermacht" - darunter geht es nicht.

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Selten wurde diese Ambivalenz in unserer Wahrnehmung Chinas so deutlich wie 2008, als China erstmals die Olympischen Sommerspiele ausrichtete und damit seine Reformbestrebungen und wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte krönen wollte. China, die erfolgreiche, offene Weltmacht, so hoffte sich das Land präsentieren zu können. Dabei erlag die chinesische Führung jedoch der Versuchung, auch im Ausland den Blick auf das eigene Land zu kontrollieren.

Als Tausende Journalisten ins Land strömten, wurden diese reglementiert, die Regierung in Peking verwehrte ihnen freien Internetzugang. Und so dominierte - wenige Monate nach den Selbstverbrennungen tibetischer Mönche und einem Erdbeben in der Provinz Sichuan - ein anderes Narrativ die Berichterstattung: die des repressiven und skrupellosen Chinas. Die Soft-Power-Strategie der Regierung, die zum Ziel hat, das Land als friedliebende Nation darzustellen, die sich konstruktiv in die Weltgemeinschaft eingliedert, erwies sich als ineffizient. Mancher Betrachter begann zu realisieren: Wer "soft" ist, braucht keine Soft-Power-Strategie.

Andererseits fand und findet China viele Verehrer - von dem US-amerikanischen Journalisten Edgar Snow, der einst begeistert von seinen Gesprächen mit Mao Zedong im Jahr 1936 berichtete, über Teile der deutschen Studentenbewegung, die sich als Maoisten inszenierten, bis hin zu Altbundeskanzler Helmut Schmidt oder dem Journalisten und Buchautor Frank Sieren. Sie alle fasziniert(e) China - wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Viele beeindruckt die Fähigkeit der chinesischen Führung, das Riesenreich stabil zu halten. Die Gegner und Opfer der Diktatur bleiben dabei unerwähnt. Stattdessen wird vor kultureller Herablassung und Einmischung in innere Angelegenheiten gewarnt. China, so scheint es, liebt man oder hasst man.

Heute akzeptieren wir im Westen China als ein modernes Land, das in manchen Bereichen moderner wirkt als unsere eigenen Heimatstaaten. So wie wir einst in den 1980er-Jahren auf Japan blickten, so betrachtet der Westen heute China als die Wiege der Zukunftstechnologien. Dabei gibt es jedoch einen kleinen, aber feinen Unterschied. Unsere Ängste vor immer noch intelligenteren Technologien, die dort zum Einsatz kommen, dienen unserer Rechtfertigung, warum wir Peking dämonisieren. Wir projizieren unsere Ängste vor einer Zukunft voll allgegenwärtiger Technologie auf China und erklären es damit zugleich zum "Reich des Teufels". Das ist eine nicht nur einzigartige, sondern auch kraftvolle Mischung: Technologie, das diabolische Handwerkszeug - so unser Denken - liegt nun in den Händen des Erzfeindes, des kommunistischen Chinas.

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Dabei kennt unsere Angst vor den neuen Technologien zwei Gesichter - die "Frankenstein'sche" Angst vor Maschinen, die ihre menschlichen Erfinder überholen, und die "Orwell'sche" Angst vor Technologien, die dazu eingesetzt werden, um die Kontrolle darüber zu gewinnen, was Menschen denken und was sie tun. Wikileaks, Edward Snowden oder Cambridge Analytica haben auf unterschiedliche Weise verdeutlicht, wie sehr Meinungen, Vorlieben und politische Haltungen sich inzwischen fabrizieren oder zumindest in einem Maße manipulieren lassen, wie es im 20. Jahrhundert noch unvorstellbar erschien.

Unsere Angst vor der chinesischen Gesellschaft und dem politischen System hat also nicht so sehr damit zu tun, was China gerade macht oder potenziell tun könnte, als vielmehr mit uns selbst. Denn technische Fortschritte, die eine umfassende Kontrolle und Überwachung erlauben, sind nicht allein autokratischen kommunistischen Regimen vorbehalten - trotz aller realen Unterschiede zu demokratischen Systemen. Gesellschaften als Ganzes sind insgesamt viel formbarer geworden, und Herrschaft wandelt sich schrittweise zu "social engineering". In vielen dieser Bereiche ist China uns voraus, im Positiven wie im Negativen. Das, was wir in China vor uns zu haben scheinen - eine kommunistische Technologie-Dystopie -, ist die Summe all unserer Ängste. Aber wie real oder realistisch ist sie wirklich? Diese Frage stellen wir uns nicht. Die Vorstellung von unserer eigenen Zukunft ängstigt uns. Deshalb projizieren wir sie auf China - nicht selten unabhängig davon, was dort wirklich gerade geschieht.

70 Jahre nach der Gründung der Volksrepublik ist es an der Zeit, sich davon zu verabschieden, die Schwarz-Weiß-Brille abzusetzen und endlich zu versuchen, das ganze Bild mit all seinen Grautönen wahrzunehmen. Denn so viel ist sicher: Unabhängig davon, was wir sehen wollen oder meinen zu sehen - auch mit 80, 90 oder 100 wird die Volksrepublik China zu den führenden Großmächten gehören und unser Leben vermutlich stärker prägen, als wir bislang ahnen.

Frank N. Pieke ist Direktor des Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin.