China Menschen statt Machtmechanismen

Pillow fight in Beijing epa04865349 People participate in a pillow fight during a concert at a bar in Beijing, China, 29 July 2015. EPA/WU HONG +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)

Die Regierung in China setzt auf Wirtschaftswachstum, rigide Beschränkung der Freiheit und Zensur. Doch was denkt, hofft und träumt das Volk? Der Publizist Evan Osnos wagt in seinem Buch "Große Ambitionen" eine Annäherung.

Von Volker Stanzel

Das Schlagwort vom "chinesischen Traum" dient heute auch dem Westen zur griffigen Beschreibung der Ziele von Xi Jinpings China. Allerdings stehen Aspekte dieses "Traums" im Vordergrund, die dem Westen weniger erfreulich erscheinen. Um die Verjüngung, um größere militärische Stärke und um den Reichtum der chinesischen Nation geht es, vor allem aber darum, dass China den ihm zustehenden Platz in der Welt wieder einnimmt.

Dieser "Traum" wurde, seitdem ihn Xi Jinping mit seinem Amtsantritt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas im November 2012 propagierte, zum zentralen Thema der chinesischen Medien, und er hat in China selbst unzählige Deutungsversuche ausgelöst.

Müsste nicht auch der westliche Marxismus verboten werden?

Da sind begeisterte Stimmen: China habe nun endlich dem "amerikanischen Traum", den amerikanischen Bevormundungsversuchen oder unliebsamen Nachbarn wie Japan etwas Eigenes entgegenzusetzen. Aber es werden außer den parteitreu-positiven auch ganz andere Stimmen im chinesischen Internet laut. Einige verspotten die offizielle Ablehnung von westlichem Gedankengut in Schulen und Universitäten mit dem Einwand, ob dann nicht auch der schließlich aus dem Westen stammende Marxismus verboten gehöre.

Xis Anti-Korruptionskampagne stößt auf die zynische Frage, ob sie nicht bloß Teil des politischen Machtkampfs sei. Und selbst die patriotischen Bekenntnisse zu Chinas territorialen Forderungen, die sich mit den Ansprüchen Japans oder der Südostasiaten stoßen, wecken die skeptische Frage, ob nicht in Wirklichkeit dieser Nationalismus das gefährlichere Übel sei.

Evan Osnos beschreibt im Plauderton die chinesische Gesellschaft

Dass die chinesische Gesellschaft vielfältiger ist, als die offizielle Propaganda behauptet und als wir im Westen es erkennen, ist Thema der Reportagensammlung von Evan Osnos. Osnos war von 2005 bis 2013 als Korrespondent des New Yorker und der Chicago Tribune in China. Über acht Jahre hinweg zeigen seine Aufsätze zunehmend in die Tiefe gehende Vertrautheit mit seinem Gastland.

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Wo anfangs nur Beobachtungs- und Meinungspixel stehen, werden daraus von Kapitel zu Kapitel überzeugendere Bilder und begründete Meinungen. Ein fesselnder Plauderton und assoziatives Springen in größter Knappheit von einem Thema zum anderen, beides ist der Vielfalt des Gegenstands angemessen. Hier liegt Osnos' Stärke und wohl auch der Grund für den verdienten National-Book-Award.

Das Buch muss allerdings in Eile publikationsfähig gemacht worden sein, um nicht zu veralten, denn es endet mit Osnos' Abreise zum Zeitpunkt der Machtübernahme Xis. Einiges ist deshalb unkorrigiert geblieben ("In China wurden Liebesgeschichten erst im 20. Jahrhundert populär"), und auch die deutsche Übersetzung ist spürbar eilig lektoriert worden.

Osnos verfolgt Schicksale über Jahre - zum Beispiel Ai Weiwei

Die Eile war überflüssig, denn Osnos' Buch ist nicht zeitgebunden. Sein China ist eines, das über längere Zeit hinweg besteht, denn es lebt von den Menschen Chinas. Osnos verfolgt Schicksale über Jahre. Ai Weiwei, der weltbekannte Künstler, steht für eine uns fast fremde, eigene chinesische Form künstlerischer Freiheit. Liu Xiaobo, der Dissident und Friedensnobelpreisträger, kritisiert die chinesischen Intellektuellen, denn sie lassen Achtung für "die Unabhängigkeit des Geistes und die Eigenständigkeit des Individuums" vermissen. Der charismatische Englischlehrer Li Yang sieht seinen eigenen Erfolg und den seiner Gesellschaft abhängig von der Internationalisierung des Landes. Der populäre nationalistische Internetaktivist Tang Jie wütet: "Alles Helle wird mit dem Westen verbunden, alles Dunkle mit dem Osten. Dieses Weltbild sollte gestürzt werden."

Chinas Entwicklungsweg unterscheidet sich vom Modell Japans und der meisten anderen ost- und südostasiatischen Länder schon durch die Größe und den Bevölkerungsreichtum des Landes, dank derer es mehrere Entwicklungsstadien gleichzeitig erlebt. Durch Jahrzehnte der Herrschaft Maos wurden tief verwurzelte kulturelle Traditionen ausgelöscht. Die herrschende KP verweigert jeden Anschein einer Demokratisierung, will die Wirtschaft aber weiter liberalisieren. Schließlich möchte China endlich den ihm längst zustehenden Platz in der Welt einnehmen.