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Nach Brand in Camp Moria:Neues Lager, alte Probleme

Refugees and migrants from the destroyed Moria camp are seen at a new temporary camp for migrants and refugees on Lesbos island

Für Beobachter von außen ist Kara Tepe weitgehend gesperrt.

(Foto: Yara Nardi/Reuters)

Tausende Geflüchtete sind auf Lesbos in das neue Lager Kara Tepe eingezogen - menschen­würdiger als in Moria scheint ihre Unterbringung nicht.

Von Tobias Zick

Die Strategie der griechischen Regierung geht offenbar auf. Inzwischen sind nach offiziellen Angaben rund 9200 Menschen in das neue, eilig errichtete Flüchtlingslager auf Lesbos eingezogen; knapp drei Viertel derjenigen also, die vorletzte Woche von den Bränden vertrieben worden waren, die das Flüchtlingslager Moria zerstört hatten. Die rund 12 700 Insassen hatten sich mehrheitlich auf die Hauptstraße in Richtung der Inselhauptstadt Mytilini geflüchtet, wo sie dann tagelang festsaßen. Die Polizei hatte das Areal abgeriegelt, viele Menschen kauerten auf Asphalt unter notdürftig improvisierten Sonnenschutzdächern, hatten zu wenig Wasser und Nahrung. Und während Hubschrauber das Material für ein neues Zeltlager auf einem alten Schießübungsplatz namens Kara Tepe abluden, protestieren immer wieder Gruppen von Migranten gegen die Pläne der Regierung, sie in dieses neue Camp zu verfrachten - sie forderten stattdessen "Freiheit" und eine Perspektive, die Insel verlassen zu können.

Hilfsorganisationen, die versuchten, die Gestrandeten mit Wasser und Nahrung zu versorgen, klagten über massive Behinderung ihrer Arbeit durch die griechischen Behörden - und vermuteten dahinter nicht zuletzt die Absicht, die Menschen in ihrem Widerstand zu zermürben und sie dazu zu bewegen, sich in das neue, mit Nato-Draht eingezäunte Zeltlager zu begeben. Die Behörden verteilten Flugblätter, auf denen sie in verschiedenen Sprachen mitteilten, dass nur jene, die sich in das Camp von Kara Tepe begeben, eine Chance auf die Bearbeitung ihrer Asylantrags bekämen.

Für Beobachter von außen ist Kara Tepe weitgehend gesperrt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen wirft den griechischen Behörden vor, "Journalistinnen und Journalisten teils sogar unter Einsatz von Gewalt davon abzuhalten, über ihren Umgang mit der Krisensituation in Moria zu berichten". Berichte, die aus dem neuen Lager Kara Tepe nach außen dringen, deuten auf menschenunwürdige Zustände hin. Es gebe zu wenig Wasser, nur eine Mahlzeit am Tag, und als Unterlage zum Schlafen auf dem steinigen Boden habe man nur eine Decke bekommen, sagte ein Insasse der SZ am Telefon.

Bei den Corona-Tests, denen sich alle vor dem Betreten von Kara Tepe unterziehen müssen, waren bis zum Montag nach Angaben der Regierung in Athen bislang 243 Infizierte ermittelt worden. Wer einen positiven Befund erhält, wird in einem separaten Abschnitt des Lagers isoliert. Zivilschutzminister Michalis Chrysoides erklärte am Montag, es seien bislang 350 Polizisten zum Schutz des Zeltcamps abgestellt worden; deren Zahl werde in den nächsten Tagen verdoppelt werden.

Laut Darstellung der griechischen Regierung handelt es sich bei dem eilig errichteten Lager in Kara Tepe um eine vorübergehende Lösung, doch daran gibt es Zweifel. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), das am Aufbau des Zeltcamps beteiligt war, hat erklärt, es handle sich dabei um eine "Nothilfe"-Einrichtung, die nicht für die langfristige Unterbringung der Menschen geeignet sie. Eine Sprecherin des UNHCR forderte die griechische Regierung auf, klarzustellen, worin die "zukünftige Nutzung dieses Gelände" bestehen solle. Man stehe jedenfalls zur Verfügung, um an "langfristigen Lösungen" mitzuwirken, "einschließlich weiterer sicherer und geordneter Transfers auf das Festland sowie Umsiedlungen mit Unterstützung der EU."

Unterdessen brach am Sonntagabend in einem anderen griechischen Flüchtlingslager ein Feuer aus. In Vathy auf der Insel Samos brannte Berichten zufolge ein Teil des Camps, in dem unbegleitete Minderjährige untergebracht waren. Drei Container brannten nach Angaben der Behörden nieder, ehe die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle brachte. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen behandelte nach eigenen Angaben mehrere Menschen, die Rauch eingeatmet hatten und erneuerte ihre seit langem vorgebrachte Kritik an den Verhältnissen in dem Lager: "4500 Menschen in Vathy sind nach wie vor ohne Schutz und Würde. Dies ist kein sicherer Ort!" Ebenso wie auch Moria ist das Camp von Vathy um ein Vielfaches überbelegt; offiziell bietet es Platz für lediglich 650 Menschen.

© SZ vom 22.09.2020
Flüchtlinge Lesbos Moria

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