Bundeswehr Maas sieht historische Chance für Afghanistan

Außenminister Maas in Afghanistan.

(Foto: dpa)

Der Außenminister erklärt den "Beginn einer neuen Phase" in Afghanistan. Den Bundeswehrsoldaten beschreibt Maas, was es bedeuten würde, falls die Amerikaner das Land wirklich verlassen.

Von Mike Szymanski, Masar-i-Scharif

Es gibt jetzt etwas Farbe im Camp Marmal, dem Feldlager im Norden Afghanistans südlich der Stadt Masar-i-Scharif. Ein paar Tupfer Rot, Grün und Gelb haben sich ins Leben der deutschen Soldaten und der Diplomaten geschlichen, die sich auf einem Schotterplatz hinter grauen Betonmauern und Stacheldraht jeden Tag aufs Neue mit der Lage arrangieren müssen.

Ein paar junge afghanische Künstler durften sich an der Mauer des neu errichteten Generalkonsulates mit ihren Werken verewigen. Das alte Gebäude, das sich damals noch in der Stadt befand, war 2016 bei einem Anschlag zerstört worden. Aber die Bilder erzählen Geschichten vom Frieden. Eines zeigt ein afghanisches Paar - er in Pluderhosen, sie verschleiert - unter einem Sonnenschirm in den Farben Schwarz, Rot und Gold.

Ein paar junge afghanische Künstler durften sich an der Mauer des neu errichteten Generalkonsulates mit ihren Werken verewigen.

(Foto: Mike Szymanski)

Seit bald 18 Jahren sind die Deutschen da. Kein Einsatz hat mehr Kraft gekostet

Außenminister Heiko Maas geht auf die vier Frauen aus der Künstlergruppe zu. Für sie hat er eine besondere Botschaft: "Geben Sie das, was sie für die Frauen erkämpft haben, nicht wieder auf." Mädchen, junge Frauen - sie können in Afghanistan jetzt zur Schule gehen. Sie studieren. Sie gehen wählen. Sie machen Kunst. Das ist es, was es gerade in Afghanistan für den deutschen Außenminister zu verteidigen gibt. Liberalität sei Realität geworden. Und wenn es stimmt, dass sich das Land mal wieder "am Beginn einer neuen Phase" befindet, wie Maas meint, dann heißt das noch lange nicht, dass in Zukunft alles so bleibt wie es ist. Oder automatisch besser wird. Das hier ist Afghanistan.

Seit bald 18 Jahren sind die Deutschen in Afghanistan engagiert. Kein Einsatz hat mehr Kraft gekostet. Soldaten der Bundeswehr haben dort gekämpft und sind im Einsatz gestorben. Heute sind sie als Berater für die afghanischen Streitkräfte unterwegs. Gut 1000 Soldaten umfasst das deutsche Kontingent. Seit dem Sturz der Taliban hat Deutschland für humanitäre Hilfe und Wiederaufbau mehr als vier Milliarden Euro investiert. 2019, sagt Maas, könne nun zum entscheidenden Jahr für das Land werden: Vielleicht bringt es den Durchbruch, den Beginn von Frieden. Vielleicht wird es so kommen, dass alles in sich zusammenfällt, was in den vergangenen 18 Jahren erreicht worden ist. Entschieden ist das noch nicht.

Politik Afghanistan Maas zu Gesprächen in Afghanistan gelandet
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Maas zu Gesprächen in Afghanistan gelandet

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US-Präsident Donald Trump hat einen Teilabzug seiner Truppen angekündigt. Amerika ist mit 14 000 Männern und Frauen im Land vertreten. Gehen die Amerikaner, dann werden auch die anderen Nationen nicht bleiben können. Sie sind auf die Infrastruktur der Amerikaner angewiesen. Konkret ist Trump bislang noch nicht geworden. Aber als Heiko Maas am Montagvormittag zu den Soldaten spricht, macht er schon mal klar, was ein Rückzug zu bedeuten hätte: Dieses Land zum jetzigen Zeitpunkt zu verlassen, könnte dazu führen, dass das Erreichte in kürzester Zeit "kurz und klein" geschlagen werde. Er hatte sich zuvor von der Bundeswehr über die Lage informieren lassen. Brigadegeneral Gerhard Klaffus hatte recht deutliche Worte gefunden, wie zu hören war.

Die Sicherheitslage hat sich wieder extrem verschlechtert. Im Januar registrierten die Sicherheitskräfte die höchste Zahl an Zwischenfällen seit Ende des Nato-Kampfeinsatzes Ende 2014. Die Zahl der Verluste unter den afghanischen Soldaten ist dramatisch. Jeden Monat verlieren zwischen 80 und 100 ihr Leben, manchmal seien es sogar bis zu 30 Tote in einer Nacht.

Die Ausbildung der Soldaten kommt nur schleppend voran. Den afghanischen Kämpfern fehle es an Basiswissen, heißt es. Es gehe schon mit den Grundlagen los, in Bewegung zu bleiben etwa, kein allzu leichtes Ziel abgeben. Das würde für Patrouillen sprechen. Aber die Distriktgouverneure legen Wert darauf, dass die Soldaten zu sehen seien. Wo Soldaten sind, ist Sicherheit, so denken sie. Aber dann kommt die Nacht, und die Checkpoints werden regelmäßig von Aufständischen überrannt. Ausbilder bekommen von ihren Schülern zu hören: "Allah hat schon entschieden, wann ich sterben werde." Und im Denken der Afghanen sei ein gefährlicher Reflex hinterlegt: Je schwieriger die Lage, desto eher kommt Hilfe von außen.

Maas wirbt gerade im Bundestag in Berlin für die Verlängerung des Afghanistan-Mandats. Vor den Abgeordneten hatte er schon klargemacht, dass es keine schnelle Lösung geben kann, gar geben konnte: Frieden in Afghanistan sei möglich, aber eine Generationenaufgaben. Dass das militärische Engagement nicht mehr benötigt werde, sei "eine gefährliche Illusion". Bei den Soldaten in Masar-i-Scharif hat man sich daran gewöhnt, in Trippelschritten voranzukommen.

Über Frieden wird im Moment noch gar nicht mit der Regierung in Kabul gesprochen

Am Vormittag reist Maas mit kleiner Delegation nach Kabul weiter. Er trifft Präsident Ashraf Ghani. Es geht darum, jetzt auch die afghanische Regierung an den Verhandlungstisch für einen Frieden im Land zu bringen. Die Afghanen wählen, die Afghanen verteidigen ihr Land - aber über Frieden wird im Moment über ihre Köpfe hinweg gesprochen. Die Amerikaner haben Gespräche mit den Taliban aufgenommen. Es geht um die Bedingungen für einen Abzug der US-Truppen. Es geht um Garantien dafür, dass von afghanischem Boden nicht wieder Terror ausgeht. Die Regierung ist bislang nur Zuschauer. In Kabul sagt Maas, das Land stehe vor einer "historischen Chance", die allen Beteiligten aber noch "mutige Entscheidungen abverlangen werde".

Ohne die Taliban, so die bittere Erkenntnis, wird es wohl keinen Frieden in Afghanistan geben. Das sieht man auch in Berlin so. Aber Außenminister Maas weiß, was damit jetzt auch auf dem Spiel steht: Werden die Taliban die Uhr zurückdrehen, all die Liberalität in der Gesellschaft wieder abwickeln, wenn sie Teil einer Regierung sein sollten? Diese Sorge bestehe in der Gesellschaft, räumt Maas ein. Es sagt aber auch: Die gewonnenen Rechte für Frauen etwa, die dürften jetzt nicht wieder verloren gehen, "auch nicht durch Kompromisse mit den Taliban".

Zumindest bei den vier Künstlerinnen, die die Farbe ins Feldlager gebracht haben, steht er jetzt im Wort.

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