Bundeswehr:Erfolg im Nirgendwo

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Bundeswehr: Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht bei ihrem Besuch in Tillia. Hier werden nigrische Spezialkräfte von der Bundeswehr ausgebildet.

Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht bei ihrem Besuch in Tillia. Hier werden nigrische Spezialkräfte von der Bundeswehr ausgebildet.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Anders als in Mali, wo die Mission der Bundeswehr als gescheitert gilt, trägt ein Ausbildungseinsatz im benachbarten Niger inzwischen Früchte. Das liegt auch daran, dass dort von Beginn an realistische Ziele festgelegt wurden.

Von Mike Szymanski, Tillia

Wer lernen will, wie Ausbildungsmissionen der Bundeswehr in Afrika Erfolg haben können, muss in die Wüste fliegen, bis an einen heißen, staubigen Ort, den die Bundeswehrsoldaten selbst als "gefühlt im Nirgendwo" bezeichnen.

In Niger, einige Kilometer von der Ortschaft Tillia entfernt, liegt die Spezialkräfteschule der nigrischen Armee. Asphaltierte Straßen gibt es weit und breit nicht, dafür aber eine Schotterpiste, auf der auch A-400-M-Militärtransporter der Bundeswehr landen können. Vor gut einer Woche hatte Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) einen Abstecher nach Tillia unternommen. Dort wollte sie sich persönlich einen Eindruck davon machen, wie eine "Blaupause" für funktionierende Auslandseinsätze aussieht.

Seit 2018 unterstützt die Bundeswehr die Streitkräfte in Niger mit Training und Ausbildung für den Kampf gegen islamistische Terrorgruppen. Im Nachbarland Mali hat die Bundeswehr dies auch versucht - seit 2013. Allerdings gilt die Mission dort als gescheitert, nachdem sich die Sicherheitslage im Land verschlechtert hat. Ehemals mit internationaler Hilfe ausgebildete Vertreter des Militärs haben sich dort an die Macht geputscht und setzen inzwischen auf russische Söldnergruppen im Anti-Terror-Kampf.

Beide Ausbildungseinsätze - der in Mali und der in Niger - laufen heute formal unter dem Dach der Europäischen Militärmission "EUTM Mali". In Mali begann der Bundeswehreinsatz 2013 quasi als Nothilfe, nachdem der Norden von islamistischen Terroristen überrannt worden war. Es herrschte Chaos.

Die Mission begann 2018, zum Jahresende könnte sie abgeschlossen werden

Im Nachbarland Niger hatte die Regierung etwa seit dem Jahr 2010 den Plan verfolgt, die eigene Armee zu stärken. In kaum einem anderen afrikanischen Land sind die eigenen Streitkräfte allein zahlenmäßig so schwach aufgestellt wie in Niger. Weil das Land sich aus eigener Kraft nicht in der Lage sah, daran etwas zu ändern, sprach es internationale Partner - unter anderem die USA und Kanada an, beim Aufbau von Spezialkräfte-Bataillonen zu helfen. Auch Deutschland wurde um Hilfe gebeten und bekam den Aufbau des 41. Bataillons zugewiesen.

Damit begannen 2018 knapp zwei Dutzend Soldaten, ausgerechnet Kampfschwimmer, die in Niger unter widrigen Umständen bei weit über 40 Grad in der Sonne ihrem Job nachgingen. Ihr damaliges Camp, etwa 150 Kilometer vom heutigen entfernt, nannten sie "Wüstenblume". Im parlamentarischen Raum war die Mission so gut wie nicht bekannt, was den damaligen Wehrbeauftragten des Bundestages Hans-Peter Bartels auf den Plan rief. Dessen Kritik führte dazu, dass die Mission in Niger später EUTM Mali angegliedert wurde und vom Bundestag mandatiert werden musste.

Im Vergleich zu Mali, wo bis zu 600 Soldaten eingesetzt werden durften, kommt die Mission in Niger bis heute mit etwa 200 Soldatinnen und Soldaten aus, die ihren Kameraden aus Niger beibringen, mit dem Gewehr umzugehen, Einsätze zu planen und auf Patrouille zu gehen. Der Auftrag war konkret festgelegt - neben der Ausbildung des Verbandes sollten die Deutschen helfen, eine Spezialkräfteschule aufzubauen. Seither wächst das Areal bei Tillia kontinuierlich. Ein deutscher Soldat erzählt, das nigrische Partner-Bataillon sei mittlerweile in der Lage, im Kampf gegen die Terroristen zu bestehen. Bis Jahresende sei auch die Spezialkräfteschule imstande, komplett aus eigener Kraft zu arbeiten. 18 nigrische Soldaten seien mit Hilfe der Deutschen heute Ausbilder, zehn von ihnen würden selbst schon Lehrgänge durchführen. Man habe sich vorgenommen, zum Jahresende die Mission abschließen zu können, und das sei auch zu schaffen.

Im Lager tragen die Deutschen keine Waffen - den Schutz übernehmen einheimische Soldaten

Gefragt nach den Unterschieden zur Mission in Mali, sagte ein Soldat, dass die Herangehensweise völlig anders gewesen sei. Von Anfang an habe man ein Ziel formuliert, das erreichbar erschien, und sich dafür eine Frist gesetzt. Die nigrische Seite hatte ihrerseits einen konkreten Plan, welche Hilfe sie wollte. Darüber hätten sich die internationalen Partner auch nicht hinweggesetzt. Ein Soldat sagt, man agiere "komplett auf Augenhöhe".

Die Zusammenarbeit sei so vertrauensvoll, dass die Deutschen ihren Schutz in die Hände der nigrischen Streitkräfte legten. Im Lager würden die Deutschen keine Waffen tragen. Die Bundeswehrsoldaten begleiten ihre Partner auch auf Einsätze, aber nur um deren Arbeit auszuwerten. Für die Sicherung müssen die nigrischen Soldaten sorgen. Aus Kampfhandlungen hielten sich die Deutschen heraus, sie hätten bislang keinen einzigen Schuss abgeben müssen. Genauso sei vereinbart, dass die Bundeswehr auch keine Aufgaben übernimmt, zu denen die nigrischen Streitkräfte selbst nicht in der Lage sind - das würde nur zu Abhängigkeiten führen, heißt es. Unter diesen Bedingungen sei "richtig etwas vorwärtsgegangen", sagt ein deutscher Ausbilder.

Unter den Verteidigungspolitikern, die sich als Teil der Delegation Lambrechts persönlich ein Bild vom Einsatz machen konnten, wächst die Bereitschaft, den Einsatz fortzuführen. Er sei ein "Erfolg", sagte der CDU-Politiker Henning Otte der Süddeutschen Zeitung. Diesen solle man keineswegs gefährden.

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