Bundestag "Zusammenhalt kann man nicht von oben verordnen"

Ländliche Idylle aus der Vogelperpektive - Das Luftbild einer Drohne zeigt das Ufer der Oder in Ratzdorf unweit der Neißemündung.

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

Die Interessen von Dorfbewohnern sind in der Bundespolitik unterrepräsentiert. Ein Heimatminister allein kann das nicht richten, sagt die Soziologin Claudia Neu.

Von Hannah Beitzer

Dörfer, in denen es keinen Arzt, keine Grundschule, keinen Laden, keinen Bus mehr gibt. Werdende Mütter, die eine Dreiviertelstunde bis in den nächsten Kreißsaal brauchen - wenn sie nicht gerade auf einer Insel wohnen und sowieso einige Wochen vor der Geburt ihre Heimat verlassen müssen. Häuser, die leer stehen, weil die Jungen, Gutausgebildeten ihre Heimat verlassen. Und schnelles Internet gibt es auf dem Land auch nicht!

Volk und Vertreter

Dieser Text ist Teil eines Datenanalyse-Projekts, das die Repräsentativität des Bundestags untersucht hat. Mehr dazu lesen Sie hier.

"Abgehängte Regionen" ist das politische Schlagwort, unter dem diese Probleme verhandelt werden - und von denen zuletzt viel die Rede war, weil dort bei der Bundestagswahl die AfD gute Ergebnisse erzielen konnte. Bald soll sich ein eigens eingerichtetes Heimatministerium unter Führung der CSU um die Probleme dieser Regionen kümmern.

Abgehängt sind viele Dörfer aber nicht nur, weil ihnen Ärzte, Schulen, Läden und Krankenhäuser fehlen. Ihnen fehlt häufig auch die politische Repräsentation. Das legt eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter Bundestagsabgeordneten nahe. Demnach sind die Bewohner von Klein- und Mittelstädten sowie der Vororte in etwa so stark unter den befragten Abgeordneten vertreten wie in der Bevölkerung. Eine Diskrepanz tut sich an anderer Stelle auf. So lebt zwar eine Mehrheit der Deutschen, nämlich 34,9 Prozent, "auf dem Dorf" - aber nur 17,4 Prozent der befragten Bundestagsabgeordneten haben dort ihren Erstwohnsitz. Überrepräsentiert sind hingegen die Großstadtbewohner: 19,7 Prozent aller Deutschen leben dieser Kategorisierung des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften zufolge in einer Großstadt, aber 38,6 Prozent der befragten Abgeordneten.

Warum sind so viele Großstadtakademiker im Bundestag?

Woran das liegt, erklärt Claudia Neu, Inhaberin des Lehrstuhls Soziologie ländlicher Räume an den Universitäten Göttingen und Kassel. "Zunächst einmal muss man unterscheiden, wer über ein Direktmandat und wer über die Landesliste in den Bundestag kommt", sagt sie.

Während die Direktkandidaten auf ihre Wahlkreise in ganz Deutschland verteilt sind und häufig auch in ihrem Wahlkreis leben, werden die Listenkandidaten auf Landesebene bestimmt. "Auf den Listen sind Akademiker aus der Großstadt häufig überrepräsentiert." Das passt auf den ersten Blick dazu, dass in Befragungen das allgemeine politische Interesse in Großstädten am größten sei, sagt Neu. "Das hat auch mit einem höheren Bildungsniveau zu tun."

Allerdings sage das politische Interesse allein noch nichts darüber aus, ob jemand sich auch politisch engagiere. Und politisch aktiver als die Dorfbewohner sind die Großstädter nicht automatisch, das unterscheide sich von Region zu Region. "Menschen auf dem Dorf haben häufiger politische Ämter inne und zeigen ein starkes Engagement vor Ort", sagt sie. Während Großstädter vielleicht eher zu Demonstrationen gingen, sich mit Themen beschäftigten, die nicht unmittelbar die Nachbarschaft beträfen.

Repräsentanten des Staates fehlen

Doch das gelte nicht für alle Regionen. "In Ostdeutschland ist der ländliche Raum in der Tat deutlich weniger aktiv", sagt sie. Parteien seien dort häufig nicht gut vertreten. Damit fehle den Dorfbewohnern der Zugang zur Politik - und den Parteien Zugang zu Kandidaten aus dem ländlichen Raum.

Das füge sich ein in ein größeres Bild. "In Teilen des ländlichen Deutschlands treffen die Menschen im Alltag nur noch selten auf Repräsentanten des Staates", sagt Neu. Das gelte für etliche entlegene ländliche Räume etwa in Mecklenburg-Vorpommern. Es gebe dort Dörfer ohne Polizeiposten, ohne Verwaltungsstelle vor Ort, ohne Lehrer oder eigenen Postboten. In anderen ländlichen Regionen sei das ganz anders. "In der Eifel oder im Schwarzwald zum Beispiel haben Dörfer noch Ortsvorsteher", sagt Neu. "Das macht Politik erfahrbar."