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Bundestag lässt PID zu:Im Zweifel für die Eltern

Fast vier Stunden debattieren die Abgeordneten mit großer Leidenschaft über die Frage, ob Gentests an Embryonen in Deutschland erlaubt sein sollen. Der Fraktionszwang ist aufgehoben, die Positionen verlaufen quer durch alle Parteien - und sogar Tränen fließen. Am Ende setzen sich die PID-Befürworter durch.

Erik Schweickert sitzt wieder auf seinem Platz. Am Rednerpult des Deutschen Bundestages hat er sich noch zusammenreißen können. Jetzt aber ist es vorbei. Er zieht ein weißes Taschentuch hervor, nimmt seine Brille ab und tupft sich die Augen trocken.

Bundestag

Nach vier Stunden leidenschaftlicher Debatte geben die Abgeordneten ihre Stimme ab und entscheiden sich mehrheitlich dafür, Gentests an Empryonen in einem engen Rahmen zu erlauben.

(Foto: dapd)

Schweikert gehört zu den 170 Abgeordneten des Bundestages, die sich im Vorfeld der Debatte noch nicht auf einen der drei Gesetzesanträge zur Präimplantationsdiagnostik (PID) festgelegt haben. Und doch will er jetzt und hier reden. Er sagt, das sei er vor allem seiner Familie schuldig.

Dass er heute eine Familie habe, das sei vor zwei Jahren nicht sicher gewesen, sagt er. Das habe, wie er es formuliert, "auf der Kippe gestanden". Es ist spürbar, wie schwer es ihm noch immer fällt, darüber zu reden. Nach der Geburt seines Kindes habe sowohl das Leben des Babys als auch das seiner Frau auf dem Spiel gestanden.

Da seien auch andere Eltern gewesen, mit denen er habe sprechen können in diesen bangen Tagen auf der Intensivstation. Eltern die schon ein behindertes Kind hätten und jetzt wieder um das Leben eines Kindes fürchten müssten, Eltern die gesagt hätten, eine PID hätte ihnen geholfen. Eltern die einfach nicht so viel Glück gehabt hätten wie er.

Sein Kind und seine Frau haben überlebt.

Er habe dort Menschen kennengelernt, die in der Lage gewesen wären, individuell und verantwortungsbewusst zu entscheiden, ob sie nach einer künstlichen Befruchtung die dabei erzeugten Embryonen auf schwere Erbkrankheiten hin untersuchen lassen würden. Schweickert holt tief Luft: "Ich sehe nicht ein, dass ich diesen Paaren diese Hilfe nun verweigern soll." Er wird für die weiter gehende Freigabe der PID stimmen.

Vielleicht sind es Beiträge wie dieser, der die vielen unentschlossenen Abgeordneten bewegt, mit Schweikert zu votieren. Schon im ersten Wahlgang kommt der Antrag von Ulrike Flache (FDP), Peter Hintze (CDU), Carola Reimann (SPD) und anderen mit 306 Stimmen auf die erforderliche Mehrheit. In der Schlussabstimmung konnte der Antrag sogar noch 20 Stimmen mehr auf sich vereinigen.

Schneller als erwartet hat sich das Parlament damit auf einen Gesetzentwurf geeinigt. Auch wenn der Flach-Antrag von vornherein mehr Unterstützer aufzubieten hatte als die strikten Gegner der PID um die Grünen-Abgeordnete Katrin Göring-Eckardt und den Unions-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, die auf 228 Stimmen kommen. Der dritte Antrag des SPD-Abgeordneten René Röspel und anderen bleibt mit 58 Stimmen chancenlos.

Bald vier Stunden debattieren die Abgeordneten vor der Entscheidung. Der Fraktionszwang ist aufgehoben, die Positionen verlaufen quer durch alle Parteien, so dass sich etwa CDU-Mann Kauder unterstützt sieht von der Linken-Abgeordneten Kathrin Vogler und die Grüne Göring-Eckhardt vom FDP-Kollegen Pascal Kober.

Die Embryo-Perspektive

Der Unterscheid zwischen den beiden Lagern wird schnell deutlich: Die PID-Gegner argumentieren ausschließlich aus Sicht des in der Petri-Schale gezeugten Embryos. Wolfgang Thierse von der SPD warnt, mit der PID "ermöglichen wir die Qualitätsüberprüfung menschlichen Lebens". Menschliches Leben beginne mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Menschenwürde müsse also "zu diesem Zeitpunkt beginnen". Mit der PID aber würden Embryonen "als Sachen behandelt". Sie würden "erzeugt zum Zwecke der Auswahl".

Andere wie der CSU-Politiker Wolfgang Zöller oder der Linken-Abgeordnete Ilja Seifert - selbst an den Rollstuhl gebunden - erklären, PID führe zu Selektion und öffne das Tor zur Diskriminierung von Behinderten. Viele Gegner warnen vor der Gefahr, dass künftig Babys nach dem Baukastenprinzip zur Welt gebracht werden könnten.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, selbst lange Jahre ungewollt kinderlos, wie sie in der Debatte bekennt, erzählt von einer Freundin, die ein zweites Kind mit Hasenscharte zur Welt brachte und danach in Tränen ausbrach. Eine Ärztin habe beiläufig bemerkt: Ja, haben Sie sich denn nicht genetisch beraten lassen? Mit der PID werde das zur "Standartfrage von Ärzten".

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