Bundespräsident Gaucks Rede im Wortlaut "Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war"

Der Holocaust als Menschheitsverbrechen - diesen Weg der Annäherung haben auch Eingewanderte, selbst wenn sie sich nicht oder noch nicht als Deutsche fühlen. Dieser Weg ist nicht immer leicht. Manche Einwanderer erlitten in ihren Herkunftsländern selbst Verfolgung. Manche kommen aus Ländern, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel verbreitet sind. Wo derartige Haltungen bei Einwanderern nachwirken und die Wahrnehmung aktueller Ereignisse bestimmen, haben wir ihnen beharrlich die historische Wahrheit zu vermitteln und sie auf die Werte dieser Gesellschaft zu verpflichten.

Wir alle, die Deutschland unser Zuhause nennen, wir alle tragen Verantwortung dafür, welchen Weg unser Land gehen wird. Eine junge Frau aus einer Einwandererfamilie hat es in einem Brief wunderbar formuliert: "Ich habe keine deutschen Vorfahren, aber ich werde deutsche Nachfahren haben. Und die werden mich zur Rechenschaft ziehen, wenn heute Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf unserem Boden ausgeübt werden".

Hier ist jemand eingetreten in eine Verantwortungsgemeinschaft, die nicht aus einer Erfahrungsgemeinschaft herrührt. Aber wir finden uns wieder in einem gemeinsamen Willen.

Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen. Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt. Wer "in der Wahrheit leben" will, wird dies niemals leugnen.

Und doch konnten wir nach den dunklen Nächten der Diktatur, nach Schuld und Scham und Reue ein taghelles Credo formulieren. Wir taten es, als wir dem Recht seine Gültigkeit und seine Würde zurückgaben. Wir taten es, als wir Empathie mit den Opfern entwickelten. Und wir tun es heute, wenn wir uns jeder Art von

Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten.

Die moralische Pflicht erfüllt sich nicht nur im Erinnern. In uns existiert auch eine tiefe, unauslöschliche Gewissheit: Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag.

Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen.

Gedenken an Auschwitz "Auschwitz fordert uns täglich heraus"
Bundeskanzlerin zum Holocaust-Gedenken

"Auschwitz fordert uns täglich heraus"

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz mahnt Bundeskanzlerin Angela Merkel, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit die Stirn zu bieten. "Wir wollen keine hasserfüllten Parolen", sagt die Kanzlerin mit Blick auf Pegida.   Von Nico Fried

Das sagen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird."