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Bundespräsident Gaucks Rede im Wortlaut:"Nie zuvor hat ein Staat ganze Menschengruppen so systematisch vernichtet"

Was uns aber am meisten entsetzt: Nie zuvor hat ein Staat ganze Menschengruppen so systematisch stigmatisiert, separiert und vernichtet: in so großer Zahl, mit eigens geschaffenen Todeslagern und einer präzise durchorganisierten, unerbittlichen und hocheffizient betriebenen Tötungsmaschinerie - so wie in Auschwitz, das zum Symbol für den Holocaust wurde. So wie in den übrigen Vernichtungslagern im besetzten Polen: Treblinka, Majdanek, Bełżec, Sobibor und Kulmhof. In anderen Lagern wurden die Menschen durch Hunger, Zwangsarbeit und unmenschliche Grausamkeiten dahingerafft.

Und Zehntausende wurden bei Massenexekutionen in den eroberten Gebieten des Ostens erschossen und in Massengräbern verscharrt, wie in Kamenez-Podolsk und Babi Jar.

Es waren die Truppen der Alliierten, die diesem Morden bei ihrem Vormarsch ein Ende bereiteten. Die Vernichtungslager im Osten wurden von den Sowjetsoldaten befreit. Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit.

Gedenktage führen eine Gesellschaft zusammen in der Reflexion über die gemeinsame Geschichte. Denn ob wir es wollen oder nicht: Einschneidende Ereignisse hinterlassen ihre Spuren - bei den Akteuren und Zeitzeugen, aber auch bei den nachfolgenden Generationen.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit lautet zweifellos, dass Verschweigen offenkundiges Verbrechen und offenkundige Schuld nicht tilgt. Das erlebten West- wie Ostdeutsche in einem ganz unterschiedlichen Umfeld, im Kern jedoch auf ganz ähnliche Weise.

Gleich nach dem Krieg stand der Wiederaufbau im Vordergrund. In den Jahren des Wirtschaftswunders schauten im Westen zu viele Menschen nur nach vorn, und zu wenige auch zurück. NS-Verbrechen verfolgte die Justiz nur schleppend und in Einzelfällen. Mochten einzelne Intellektuelle und Schriftsteller, Widerständler und Opfer die NS-Zeit auch thematisieren, mochten einzelne Filme, Romane und Tagebücher auch auf jüdische Schicksale verweisen - etwa auf das von Anne Frank -, so blieb die Mehrheit davon doch unberührt. Sie schottete sich ab, sie schützte sich vor Schuld- und Schamgefühlen, indem sie die Erinnerung verweigerte. Dass führte dazu, dass oft Selbstmitleid an die Stelle von Empathie mit den Opfer trat.

Im Rückblick ist es beschämend, dass aus den Opfern von einst nun Bittsteller wurden - beschämend, wenn bei Entschädigungen das Leiden von Opfern der Deutschen weniger wert war als das Leiden deutscher Opfer. Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik kannte wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt. Das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel war in der Öffentlichkeit keineswegs populär damals.

Das Schweigen wurde erst allmählich durchbrochen, als Ende der 1950er Jahre größere Prozesse gegen die nationalsozialistischen Täter begannen - der Ulmer Einsatzgruppenprozess, der Prozess gegen Adolf Eichmann, die Auschwitz-Prozesse. Sie machten das Ausmaß der Verbrechen sichtbar. Auf Betreiben des unerschrockenen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer berichteten Hunderte von Zeugen über Gräueltaten, die belegten, dass es ein ganzes System der Vernichtung gab, ein System, das viele nicht für vorstellbar gehalten hatten. Zwar war das Erschrecken in der Öffentlichkeit groß. Aber eine wirklich umfassende Betroffenheit stellte sich noch nicht ein. Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei, indem sie Schuld und Verantwortung einer kleinen Zahl von Fanatikern und Sadisten zuschoben - Hitler und seiner allernächsten Umgebung. Die übrigen galten als angeblich hilflose Rädchen in einem Getriebe, als reine Befehlsempfänger, die gezwungen waren, auszuführen, was ihnen im Grunde fremd gewesen sei.

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