Großbritannien Ein Brexit ohne Deal ist erschreckend realistisch

Ein Brexit-Hardliner hält bei Demonstrationen vor dem Unterhaus in London eine antieuropäische Flagge hoch.

(Foto: Bloomberg)

Premierministerin Theresa May hat sich ihren Jägern selbst als Opfer angeboten. Doch die haben eine fettere Beute vor Augen.

Kommentar von Cathrin Kahlweit, London

Theresa May hat keinen Hinweis darauf gegeben, dass sie aufgeben wird. Vergangene Woche hatte sie die letzten nötigen Stimmen ihrer widerstrebenden Fraktion für den EU-Austrittsdeal zu bekommen versucht, indem sie im Tausch ihren Rücktritt anbot, aber: vergeblich. Nun ist die Premierministerin fein raus, wenn man das in dieser verfahrenen Lage überhaupt sagen kann, denn sie hat sich ihren Jägern selbst als Opfer angeboten, aber die haben abgewinkt. Ihre Gegner haben ein größeres Ziel, eine fettere Beute vor Augen. Derweil lassen sie zu, dass May, ohne Autorität, formal im Amt bleibt.

Sie, das sind die Brexit-Hardliner in der Tory-Fraktion, die sich gern auch scherzend "Spartaner" nennen lassen - in Anlehnung an die Schlacht bei den Thermopylen, in der sich 300 Spartaner im Kampf gegen die Perser opferten. Ein Teil von ihnen, darunter der schillernde Boris Johnson und der näselnde Jacob Rees-Mogg, hatte am Freitag, bei Mays bis dato letztem Anlauf, schließlich für ihren Vertrag gestimmt. Nicht ohne öffentlich ausführlich über die schreckliche Pein zu sprechen, die ihnen dieser Akt der Selbstverleugnung bereitet habe. Sie müssen sich jetzt wieder besonders hart zeigen, um nicht als Verräter zu gelten.

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Ein Teil der Gruppe aber ist beim Nein geblieben und feiert sich als die letzten Aufrechten. Sie haben May in Geiselhaft genommen, sie wollen jede Form eines weichen Brexit verhindern. Sie verstecken sich hinter dem Argument, dass die Auffanglösung für Nordirland, der Backstop, die Union spalte; aber letztlich ist das vorgeschoben. Die Truppe um den Ex-Soldaten Steve Baker ("Am liebsten würde ich das Parlament niederwalzen") und Mark Francois ("Ich würde auch dann nicht für den Deal stimmen, wenn sie mir eine Pistole in den Mund stecken") nutzt Westernjargon, inszeniert sich als Retter des wahren Britentums und will erreichen, was das Parlament unbedingt verhindern will: den No Deal.

Mays Nachfolger wäre einer der ganz harten Jungs, die sich als Elite des Landes betrachten

Noch zwei Wochen hat das Königreich; wenn es bis dahin keine Einigung gibt, folgt der Crash. Insider berichten, die Hardliner hätten May in der Hand - und auch diese arbeite nun für einen Austritt ohne Vertrag. Das kann man glauben, man muss es nicht. Aber solange die nordirische DUP und die Brexiteers nicht umkippen, ist klar: No Deal ist erschreckend real. Und sollte May gehen müssen, wäre No Deal ebenso real: Ihr Nachfolger, das ist ziemlich sicher, wäre einer aus der Truppe der ganz harten Jungs, die sich als Elite des Landes betrachten. Was sie eint? Eton, Oxford und Cambridge, Oldtimer, Zweireiher, viel Geld und der Glaube daran, dass das Königreich zu alter Größe zurückfinden wird, wenn es radikal frei ist von den Fesseln Europas.

Am Montag ringen die Abgeordneten zum zweiten Mal gemeinsam ohne May um einen Ausweg. Es wäre ein Wunder, wenn sie sich auf einen alternativen Brexit, etwa auf eine Zollunion, einigen könnten. Dann müsste der Austrittsvertrag zwar auch angenommen werden, könnte aber mit einem neuen Konzept für die künftigen Beziehungen zur EU verknüpft werden. Brüssel ist dafür offen; offen ist aber auch, ob das in der knappen, verbleibenden Zeit gelingt.

Wenn nicht, warten schon Rattenfänger wie der Populist Nigel Farage, der den Brexit mitvorbereitet hatte. Er hat am Freitag sein Comeback angekündigt. Britische Nazis bejubelten seinen Auftritt.

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