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Brexit:Die Briten sind Teil der Familie

Brexit

Großbritannien und Europa gehören seit Hunderten von Jahren zusammen.

(Foto: dpa)

Der Mythos, die Briten seien keine Europäer, ist falsch. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Auch in Zukunft sollte Großbritannien zu Europa gehören.

Der römische Kaiser Hadrian ließ ab 122 n. Chr. einen Wall von der Irischen See bis zur Nordsee ziehen, grob entlang der Linie zwischen England und Schottland. In der Mitte schwingt sich die noch immer eindrucksvolle Mauer auf die Felsen der Crags hinauf. Dort endete die zivilisierte Welt Europas. Wenn Roms Legionäre hinunterblickten in den Norden, sahen sie dort die Feuer der Barbaren brennen. Sollte Großbritannien die EU verlassen und, durchaus denkbar, das europafreundliche Schottland daraufhin das Vereinigte Königreich, dann wäre Europa hier erneut zu Ende. Nur würden diesmal die britischen Länder südlich des Walls nicht dazugehören und zur politischen terra incognita herabsinken.

Zu den Mythen, die man in Großbritannien und auf "dem Kontinent" pflegt, zählt die Behauptung, die Briten auf ihrer Insel gehörten eigentlich nicht zu Europa; zu anders seien Mentalität, Geschichte, Kultur. Das ist, ins Populistische gewendet, das Leitmotiv der Brexiteers; so dachte auf der anderen Seite aber auch der französische Präsident Charles de Gaulle, der einst den Beitritt Londons zur Europäischen Gemeinschaft sabotierte; dieses Denken greift wieder um sich in den Staaten Europas, wo man fassungslos bis angewidert das Brexit-Chaos in London betrachtet. Aber dieses Denken ist falsch.

England rettete Europa mehr als einmal vor sich selbst

England, später Großbritannien, hat immer zu Europa gehört. Im Mittelalter gehörten sogar erhebliche Gebiete dieses Europas zu seinem Staatsgebiet, erst 1558 fiel mit Calais der letzte Außenposten in Frankreich. "So wie Europa Britannien schuf, so schuf Britannien Europa", schreibt der britische Historiker Brendan Simms. Der Dichter Lord Byron prägte die Romantik und den erwachenden Freiheitsgeist Europas. Die industrielle Revolution begann in Großbritannien. Die parlamentarische Demokratie dort, Ergebnis einer langsamen, aber stetigen Evolution, war nach 1848 Sehnsuchtsbild der von den Fürsten besiegten Demokraten aus ganz Europa, viele fanden in London Asyl.

Vor allem aber hat England dieses Europa mehr als einmal vor sich selbst gerettet. Das Meer und mächtige Flotten beschützten die Insel, wie 1588 die spanische Armada, 1805 Napoleons Armeen und 1940 die Wehrmacht erfahren mussten. Dennoch hing das Überleben Britanniens als Handels- und Überseereich wie später auch als Demokratie immer davon ab, dass jenseits des Kanals nicht eine imperiale Macht die anderen Völker unterjochte, um sich dann den Briten zuzuwenden. 1807 erklärte der britische Außenminister Lord Cannings: "Wir folgen dem Grundsatz, dass jede Nation Europas, die sich zum Widerstand gegen den gemeinsamen Feind aller Nationen entschlossen zeigt, sofort zu unserem engen Verbündeten wird." Portugiesen, Spanier, Russen, Preußen nahmen diese Hilfe sehr gern an, bis Napoleons Traum von der Weltmacht 1815 in Waterloo versank. Dem deutschen Kaiserreich ging es 1918 nicht besser.

Brexiteers berufen sich auf Churchill - ein Paradox

Großbritannien war 1940 die belagerte Bastion der letzten Hoffnung, als das Land alleine stand und der unbeugsame Kriegspremier Winston Churchill Hitlerdeutschland entgegenschleuderte: We shall never surrender, wir werden uns niemals ergeben. Mehr noch, er prophezeite Europas unterjochten Nationen, das dunkle Zeitalter der Nazityrannei werde nicht lange dauern - and all Europe may be free.

Und Churchill war es auch, der den Eisernen Vorhang beklagte, mit dem Stalin Europa geteilt hatte, und schon 1946 in Zürich seine Zukunftsvision der "Vereinigten Staaten von Europa" verkündete, unter der Patenschaft seines Landes. Diese Vereinigten Staaten gibt es nun - und wenn sich britische Populisten wie Boris Johnson für den Irrsinn, den sie verschulden, auf die glory days Churchills berufen, beschmutzen sie das Andenken ihres Nationalhelden; welch ein Paradox.

Je enger Großbritannien und die EU verbunden bleiben, desto besser

Wie also umgehen mit dem entfremdeten Freund? Sicher nicht so, wie das Manfred Weber von der CSU tut, der Anwärter auf das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. Ginge es nach ihm, dürfte Großbritannien, wenn es schon nicht dazugehören mag, gar nicht mehr an der Europawahl im Mai teilnehmen. Doch derlei beleidigte Ignoranz vertieft die Kluft nur. Europa sollte den Briten weiterhin die Hand reichen. Sie sind ein Teil von uns, Teil der europäischen Familie. Wer sie aufgibt, hilft nur den Populisten hüben wie drüben, zum Schaden jener EU, die so viel Freiheit, Frieden und Wohlstand garantiert.

Und wer weiß, was noch geschieht. Vielleicht wird es doch noch einen Brexit geben, der die Bande wenigstens nicht kappt. Vielleicht wird ja die Europawahl, wie der kluge englische Publizist Timothy Garton Ash hofft, "wie ein zweites Referendum wirken", eines gegen den kopflosen Nationalismus. Vielleicht wird sogar ein echtes zweites Referendum kommen und mit ihm die Chance, dass das Mutterland der Vernunft und Demokratie jene Werte wiederfindet, die es einst für Europa bewahrt hat. Je enger Großbritannien ökonomisch, sicherheitspolitisch, kulturell an die EU gebunden bleibt, desto besser.

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Das britische Staatsdrama handelt von der Erhaltung der Macht. "Take back control" heißt das in der Sprache der Brexiteers, lasst uns wieder die Kontrolle über das Land und die Politik gewinnen.