Brexit Alt überstimmt Jung

Generationenkonflikt: Die Älteren haben im Brexit-Referendum über die Zukunft der Jungen bestimmt.

(Foto: Bloomberg)

Drei von vier Briten zwischen 18 und 24 Jahren sahen ihre Zukunft in der EU. Daraus wird nun nichts - die Älteren haben die Wahl entschieden.

Von Paul Munzinger und Katharina Brunner

Die Demokratie, zumal in ihrer radikalsten Form, dem Ja-oder-Nein-Referendum, kann es nicht allen recht machen. Sie wird immer Enttäuschte zurücklassen, die im Wortsinne überstimmt wurden und sich dem Willen der Mehrheit beugen müssen: Regionen, Berufsgruppen, Parteien, Generationen. Gerade die Briten haben sich daran gewöhnt, ihr Mehrheitswahlrecht schlägt dem Sieger alles zu. Der Verlierer muss sehen, wo er bleibt.

Das Brexit-Referendum hat nun aber ein Ergebnis hervorgebracht, das über die normalen Härten des demokratischen Mehrheitsprinzips hinausgeht. Hätten nur die unter 50-Jährigen abgestimmt, wäre Großbritannien in der EU geblieben. Unter den 18- bis 24-Jährigen haben sich am Donnerstag 75 Prozent dafür ausgesprochen, in der EU zu bleiben. Drei von vier jungen Briten hätten sich eine Zukunft in der Staatengemeinschaft gewünscht. Ein klares Votum, eine überwältigende Mehrheit.

Überstimmt wurden sie vor allem von den Älteren: Briten jenseits der 50 haben sich mehrheitlich für einen Brexit entschieden, bei den über 65-Jährigen sind es 61 Prozent. Sie haben das Land aus der Union geführt, wohl auch in dem Wunsch, die große britische Vergangenheit aufleben zu lassen. Die Älteren haben somit über die Zukunft der Jungen bestimmt - ein Phänomen, das in allen überalterten Gesellschaften zum Problem werden kann.

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Die Jungen werden sich mit dem Votum und den realen Folgen, die es für ihr Leben mit sich bringt, abfinden müssen. Die Schotten werden das wohl nicht tun. Mit deutlicher Mehrheit stimmten sie für einen Verbleib in der Europäischen Union: 62 Prozent. Vor zwei Jahren hatten die Befürworter einer schottischen Unabhängigkeit in einem Referendum noch knapp verloren. Nun werden sie die Frage erneut stellen.

Der Brexit hat ihnen neben dem Nationalstolz noch ein weiteres gewichtiges Argument geliefert: Nur eine Scheidung von London macht den Weg zu einer EU-Mitgliedschaft frei, von der die Schotten bisher finanziell stark profitieren. Die Abstimmung mache deutlich, dass die Schotten auch ihre Zukunft in der EU sehen, sagte Nicola Sturgeon, Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei und Erste Ministerin Schottlands.

Nicht nur die schottische Frage stellt sich nach dem Brexit neu, auch die irische. 55,8 Prozent der Nordiren stimmten gegen den Brexit, in den Bezirken mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung war die Ablehnung besonders groß. Die katholisch-nationalistische Sinn Féin forderte sogleich ein Referendum über die Vereinigung mit der Republik Irland. Doch auch wenn diese Forderung eher dem Reich der Phantasie zuzuordnen ist: Die EU-Außengrenze wird künftig auf der Grünen Insel verlaufen, mit unkalkulierbaren wirtschaftlichen und psychologischen Folgen für die Nordiren. Viele fürchten ein Wiederaufflammen des Konflikts, um den es in den vergangenen 20 Jahren ruhig geworden war - auch dank der Freizügigkeit für Waren und Menschen, die die EU garantierte.

So wie die Alten den Jungen ihren Willen aufgezwungen haben, so überstimmten die Engländer - unterstützt von den Walisern - Schotten und Iren. England stellt 84 Prozent der Wahlberechtigten im Vereinigten Königreich; 53,4 Prozent von ihnen wählten den Brexit. Bei den Walisern waren es 52,5 Prozent.

Doch auch in England sind die regionalen Unterschiede teils erheblich. Fast 60 Prozent der Londoner votierten mehrheitlich gegen einen Brexit - mit Spitzenwerten von fast 80 Prozent in den Bezirken Lambeth und Hackney. Ebenso entschieden sich die großen Städte Schottlands (Glasgow: 66,6; Edinburgh: 74,4 Prozent) und des englischen Nordwestens (Manchester: 60,4; Liverpool 58,2 Prozent) für einen Verbleib in der EU.

Doch das Gefälle zwischen Stadt und Land ist längst nicht so eindeutig, wie es scheint; viel ausschlaggebender ist die Region. Die Brexit-Kampagne konnte sich vor allem auf die Unterstützung der Bewohner Mittelenglands verlassen. Dort stimmte selbst Birmingham, Englands zweitgrößte Stadt, knapp für den Austritt. In Boston, Grafschaft Lincolnshire, in den East Midlands stimmten drei von vier Wählern für den Brexit - nirgendwo waren es mehr. Die Stadt erlangte schon vor einigen Jahren eine gewisse Berühmtheit: Die Volkszählung hatte ergeben, dass in keiner britischen Stadt mehr Zuwanderer aus Osteuropa leben.

Das eindeutigste Ergebnis lieferte übrigens die Exklave Gibraltar an der Südspitze Spaniens. Hier konnten sich gerade einmal 4,1 Prozent für einen Brexit erwärmen. Spaniens Außenminister forderte umgehend eine Rückgabe der Halbinsel.

Ein Drittel der Labour-Anhänger stimmt für den Brexit

Noch entscheidender für den Ausgang des Referendums ist womöglich eine andere Zahl: 69 Prozent der Labour-Wähler votierten am Donnerstag für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Nur 69 Prozent muss es trotz der großen Mehrheit gegen einen Brexit heißen. Für den Austritt stimmte fast ein Drittel - bei den Konservativen waren es, weniger überraschend, 57 Prozent. Am europafreundlichsten stimmten die Wähler der Liberaldemokraten (73 Prozent). Bei den Ukip-Anhängern überraschen eigentlich nur jene sieben Prozent, die gegen einen Brexit stimmten.

Labour-Chef Jeremy Corbyn ist es im Wahlkampf nicht gelungen, die Anhänger seiner Partei geschlossen für die Remain-Bewegung zu gewinnen. Dabei hatte er sich am Wahltag noch zuversichtlich gezeigt und auf die Prognosen der Buchmacher verwiesen, die einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU vorhersagten. Nachdem das Ergebnis des Referendums feststand, richtete er den Blick sofort in die Zukunft. Er plädierte dafür, schnell mit den Austrittsverhandlungen zu beginnen, Stabilität sei jetzt das oberste Gebot. Doch auch Corbyn wird sich wohl noch unangenehme Fragen gefallen lassen müssen.

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