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FDP-Frontfrau Lencke Steiner:Die Senkrechtstarterin

Wahl Bremen

"Das Ergebnis ist Wahnsinn": Die Bremer Spitzenkandidatin der FDP, Lencke Steiner, auf der Wahlparty der Liberalen in der Hansestadt.

(Foto: dpa)
  • Die FDP in Bremen ist den Prognosen zufolge mit 6,5 Prozent zurück in der Bürgerschaft.
  • Der Erfolg der Partei verbindet sich - ähnlich wie in Hamburg - mit einer jungen Spitzenkandidatin: Lencke Steiner, 29, erfolgreiche Jungunternehmerin, aber ohne große politische Erfahrungen.

Vor vier Jahren hieß der Bremer FDP-Kandidat Oliver Möllenstädt, er wirkt heute wie ein Mann aus einer anderen Zeit. Guido Westerwelle, auf dessen Schuhsohle eine kleine Ewigkeit zuvor noch die Zahl 18 für 18 Prozent zu lesen gewesen war, hatte seinen Job als Parteivorsitzender und Vizekanzler gerade an Philipp Rösler abgegeben. Die Liberalen, damals noch Mitglied der Regierungskoalition in Berlin und mit einigen der wichtigsten Ämter der Republik ausgestattet, schienen sich ihrem Zusammenbruch zu nähern. Ein Tiefpunkt erreichte die Riege an jenem 22. Mai 2011: 2,4 Prozent bekam die FDP bei den Wahlen zur Bremischen Bürgerschaft. 31 176 Stimmen. Weniger als die rechtspopulistische Splittergruppe "Bürger in Wut".

Es war ein Debakel, Möllenstädt trat zurück und ist nun fast vergessen, ein verblasstes Mahnmal. Denn nun stand da am frühen Sonntagabend eine junge Frau mit langem blonden Haar bei der Wahlparty und strahlte dermaßen, als habe sie gerade den Bürgermeister und Senatspräsidenten Jens Böhrnsen abgelöst. Lencke Steiner, 29 Jahre alt, hatte gemäß der Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen 6,5 Prozent gesammelt, fast dreimal so viel wie ihr Vorgänger. Verdreifachen lässt sich der Ertrag zwar relativ einfach, wenn die Vorgaben so miserabel waren wie bei der Bremer FDP. Doch der Partei, die mancher schon für tot erklärt hatte, gelang die Rückkehr in das Landesparlament gegenüber dem ehrwürdigen Rathaus am Marktplatz. Ausgerechnet mit einer parteilosen Debütantin ohne politische Erfahrung, die erst am Wahlabend ankündigte, in die FDP eintreten zu wollen.

"Was wir heute geschafft haben, ist eine Sensation", verkündete die junge Frau vor ihrem Anhang und den Kameras bei der Wahlparty. "Das Ergebnis ist Wahnsinn, das beste, was die Freien Demokraten hier jemals hingelegt haben." Jedenfalls das beste Ergebnis seit 1991, als sie auf 9,5 Prozent kamen. 2007 waren es sechs Prozent, vier Jahre später flog die Partei dann aus der Bürgerschaft. "Also wisst ihr, eigentlich bin ich sprachlos", rief die Novizin. "Das war eine Teamleistung, dieses Ergebnis gebührt allen."

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Auch der Berliner Parteiführung? Unter Westerwelle und Rösler waren ja weitere Debakel gefolgt, die FDP flog außer aus dem Kabinett auch gleich aus dem Bundestag. Unter Christian Lindner ging es wieder aufwärts, zuletzt in Hamburg. Bei den Wahlen dort führte Katja Suding die FDP wieder in die Bürgerschaft, was nach Ansicht vieler Beobachter auch daran lag, dass das Fernsehen recht ausführlich ihre Beine zeigte und sie auf diese Weise bekannter machte. Da kam ein weiterer Blickfang gerade recht. Gemeinsam mit der Kollegin Suding und Nicola Beer trat Lencke Steiner wie eine Gymnastin, Discotänzerin oder Eiskunstläuferin im engen Anzug in der Klatschzeitschrift Gala auf. "Drei Engel für Lindner", stand darüber. Statt Guidos Spaßpartei jetzt Christians Spaßpartei?

Die Bewerberin Steiner stammt obendrein aus gutem Hause. Sie ging auf eine Privatschule und verweist schon mal darauf, dass sie stolz darauf sei. Sie leitet zusammen mit ihrem Vater die familieneigene Verpackungsfirma sowie eine GmbH, die sich um Investitionen für Startup-Projekte kümmert. Sie ist Bundesvorsitzende der Jungunternehmer, kühle Jurorin einer Fernsehshow für werdende Geschäftsleute und Mitglied im Beirat der Deutschen Bahn mit sicher recht wenig Verständnis für den Streik des Gewerkschaftsführers Weselsky. Und geheiratet hat sie einen Jungunternehmer, der auf Öl und Gas macht. Frisch, wohlhabend, ehrgeizig.

Bei ihren knalligen Wahlkampfauftritten wetterte Lencke Steiner gegen staatliche Regulierung und die Bremer Schulden, Arbeitslosigkeit und Erziehungsmisere. Bremen brauche bessere Kitas und Schulen und mehr Anreize für Gründer. Wie genau das alles gehen soll, verriet sie mangels eingehender Zahlenkenntnis nicht. Doch die Verpackung stimmte.

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Da gratulierte sogleich Christian Lindner, der oberste Erwecker der FDP. Ein Trend zugunsten der Partei? Das nicht, räumte er ein, doch Bremen zeige, dass Hamburg kein Zufall gewesen sei. Man habe sich wieder Vertrauen erarbeitet. Die Richtung stimme. War da nicht mehr Äußerlichkeit als Inhalt? Aber nein, findet Lindner, Steiner verkörpere das, wofür die FDP stehe. Für den Versuch, die weltbeste Bildung nach Deutschland zu holen. Für wirtschaftliche Vernunft und Vertrauen, "statt jeden Winkel zu bürokratisieren". Da sei "Aufbruchstimmung gegen die German Angst". In Baden-Württemberg, Rheinland Pfalz und Sachsen Anhalt werde es nun weitergehen - "mit erfahrenen Männern".