Brasilien Das gespaltene Land gibt sich ein Gesetz gegen Homophobie

Ein homosexuelles Paar küsst sich auf einer Gay Pride Parade in Rio de Janeiro.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)

Brasiliens Präsident Bolsonaro hat schon mehrfach gegen Homosexuelle gehetzt. Dagegen gab es bisher kaum eine Handhabe - doch das ändert sich nun.

Von Christoph Gurk

Brasilien ist beim Thema Homosexualität und Transgender tief gespalten. Auf der einen Seite ist seit 2013 die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft landesweit anerkannt, homosexuelle Paare dürfen Kinder adoptieren, und die Gay Parade in São Paulo ist eine der größten der Welt. Gleichzeitig ist Brasilien das Land mit den meisten Katholiken weltweit, und Evangelikale gewinnen immer stärker an Einfluss. Beide Gruppen verurteilen offen Homosexualität, vor allem aber die Geistlichen der Pfingstkirchen predigen im Fernsehen vor teils Hunderttausenden Zuschauern im ganzen Land ausgiebig gegen den angeblichen Teufel der gleichgeschlechtlichen Liebe.

Alle 23 Stunden stirbt in Brasilien ein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung

Immer öfter schlägt diese offene Abneigung nun auch in physische Gewalt um, sagen Nichtregierungsorganisationen. Im Schnitt sterbe in Brasilien alle 23 Stunden ein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung, hat die Grupo Gay da Bahia errechnet. Und nirgendwo leben Transgender so gefährlich wie in Brasilien, sagt das Trans Murder Monitoring Project. Bis zum September 2018 seien in einem Jahr 167 Transmenschen ermordet worden.

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Manchmal gelangen die Videos der Gräueltaten dabei sogar ins Internet, wie im Falle der Transgender-Frau Dandara dos Santos, die im Februar 2017 von fünf Männern unter homophoben Beleidigungen zu Tode geprügelt wurde. Wer offen gegen die Diskriminierung ankämpft, lebt meist gefährlich. Erst Anfang dieses Jahres musste der homosexuelle brasilianische Kongressabgeordnete Jean Wyllys aufgrund von Morddrohungen das Land verlassen.

Experten und Menschenrechtler geben dabei ultrakonservativen Politikern eine Mitschuld am Anstieg der Gewalt, allen voran dem derzeitigen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Er steht in Verbindung zu den Evangelikalen und hat sich selbst öffentlich immer wieder als homophob bezeichnet. In Interviews erklärte der ehemalige Fallschirmjäger, er würde seinen Sohn lieber bei einem Unfall sterben sehen, als dass dieser mit einem Mann nach Hause käme. Im April erklärte er vor Journalisten, Brasilien dürfe nicht zu einem "Paradies für schwule Touristen" werden. Zudem würde er zuschlagen, sähe er zwei sich küssende Männer auf der Straße.

Solch diskriminierenden Aussagen waren bislang in Brasilien auf Bundesebene nicht strafbar. Immer wieder hatten konservative Politiker und religiöse Gruppen Antidiskriminierungsgesetze gestoppt. So nahm sich schlussendlich der Oberste Gerichtshof des Themas an. Mehr als die Hälfte seiner elf Mitglieder wurde noch von den linksgerichteten Regierungen von Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff eingesetzt, theoretisch bleiben die Richter im Amt, bis sie das obligatorische Rentenalter von 75 erreichen.

Schon vor der Abstimmung galt als sicher, dass mindestens vier der Mitglieder für das neue Antidiskriminierungsgesetz stimmen würden. Am Donnerstag sprachen sich dann noch zwei weitere Richter für das Vorhaben aus. Die neue Regelung erlaubt es, diskriminierende Äußerungen gegen eine sexuelle oder geschlechtliche Orientierung zu bestrafen. Bei einer Verurteilung drohen demnach Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren. Aktivisten, Homosexuellenverbände und Transaktivisten lobten das Urteil als Meilenstein für Brasilien.

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