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Frühzeit des BND:Peinlichkeiten aus Pullach

Einfahrtsbereich zum langjährigen Gelände des Bundesnachrichtendiensts (BND) in Pullach bei München.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)
  • Der Bundesnachrichtendienst hat bis zum Bau der Mauer in allen großen Krisen versagt.
  • In der Frühphase der DDR verfügte der BND kaum über ergiebige Quellen in der DDR, die Fehleinschätzungen häuften sich, von manchen Entwicklungen erfuhr der Geheimdienst aus dem Radio.
  • Dies alles dokumentiert der Historiker Ronny Heidenreich in einem neuen Buch.

Wenn ein deutscher Historiker sich mit der hiesigen Geheimdienstgeschichte befasst", weiß der Militärhistoriker Sönke Neitzel, "dann ist sehr wahrscheinlich, dass er mit moralischem Impetus zu dem Schluss kommt: Es war alles noch viel schlimmer als gedacht."

Der junge Geschichtswissenschaftler Ronny Heidenreich, Jahrgang 1980, bestätigt das Verdikt des erfahrenen Kollegen. Man ahnte ja schon immer, dass der Bundesnachrichtendienst (BND), von Kanzler Helmut Schmidt als "Dilettantenverein" verspottet und von allen Bonner Regierungschefs gering geschätzt, trotz Riesenaufwand wenig Ertrag brachte.

Nun belegt Heidenreich, gestützt auf breite Aktenbasis, dass der Pullacher Geheimdienst, jedenfalls in der Frühphase bis zum Bau der Berliner Mauer, bei allen großen Krisen versagt hat.

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BND-Gründer Reinhard Gehlen, vormals Chef der Wehrmachtsabteilung "Fremde Heere Ost" (FHO), hatte im Sommer 1945 seine alten Kameraden sowie Zehntausende von Karteikarten und Analysen dem US-Geheimdienst CIA angedient. Aus FHO wurde die westdeutsche CIA-Filiale "Organisation Gehlen", kurz "Org".

Durch sein Auftreten konnte der Generalmajor a. D. den Eindruck erwecken, er sei ein ausgebuffter Nachrichtenfuchs. Dabei war er als FHO-Chef, wie Sönke Neitzel ätzt, "im Grunde das Orakel von Delphi" gewesen: "Er hat nicht eine Offensive der Roten Armee richtig vorausgesagt."

Auch die Erwartungen der CIA wurden immer wieder enttäuscht. So schürte die Org im März 1948 Ängste vor einem sowjetischen Angriff, als sie umfangreiche Treibstoff-Verlegungen von Berlin nach Magdeburg meldete. Als Fehlalarm erwiesen sich Tatarenmeldungen der Org, bei dem für Pfingsten 1950 in Ostberlin geplanten "Deutschlandtreffen der Jugend" könnten in die Westsektoren eingeschleuste Volkspolizisten Krawalle provozieren.

Als nordkoreanische Truppen im Juni 1950 die Demarkationslinie auf der Halbinsel überschritten und den Koreakrieg auslösten, befand sich ein Teil der Pullacher Führung auf einer Bergtour. Erst tags darauf wurde die Org durch einen Anruf der CIA aufgeschreckt.

Berliner Mauer General Lucius D. Clay

Als es zu spät war, merkte auch der BND, dass in Berlin nun eine Mauer stand. Im Bild US-Präsidenten-Berater Lucius D. Clay im November 1962.

(Foto: dpa)

Als Stalin 1952 anbot, über einen Friedensvertrag und ein neutrales vereintes Deutschland zu verhandeln, unternahm die Org nicht einmal den Versuch zu ergründen, ob die Offerte ernst gemeint war oder das Ziel verfolgte, eine weitere Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern.

Ihre Berichte beschränkten sich auf knappe Kommentare, die sich auf Zeitungslektüre stützten. Die Org, resümiert Heidenreich, "erweckte nicht einmal den Anschein, ihre Kenntnisse aus Ostberlin oder gar Moskau zu beziehen".

Quelle "Gänseblümchen" wurde hingerichtet

Ein einziges Mal schien die Org eine Quelle im Zentrum der DDR-Macht platziert zu haben. Aber Elli Barczatis, eine Sekretärin im Vorzimmer von Ministerpräsident Otto Grotewohl, wurde ohne ihr Wissen durch ihren Geliebten abgeschöpft und hatte nur randständige Kenntnisse. Das "Gänseblümchen", so ihr BND-Deckname, wurde enttarnt und hingerichtet.

Vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 erfuhr die Org aus dem Radio. Sie hielt die Demonstrationen der Arbeiter für eine Inszenierung der Sowjets, um den Boden für eine deutsche Wiedervereinigung nach dem Muster der Stalin-Note zu bereiten; dementsprechend falsch wurde das Kanzleramt informiert.

Weil der Organisation Gehlen "Zugänge in die politischen Entscheidungszentren in Ostberlin oder gar Moskau" fehlten, wie Heidenreich schreibt, bezog sie ihre Informationen aus antikommunistischen Westberliner Vereinen wie dem "Kampfbund gegen Unmenschlichkeit": "Ihre Interpretation basierte auf eigenen Überzeugungen, die durch Einflüsterungen aus Pressekreisen und von zwielichtigen Ostexperten bestärkt wurden."

Die mangelnde fachliche Qualifikation sowohl der westlichen Führungskräfte wie auch ihrer ostdeutschen Zuträger erleichterte es der DDR-Staatssicherheit und anderen östlichen Diensten, die Org zu unterwandern. Zahlreiche Informanten in der DDR wurden verhaftet, etliche exekutiert, was auf potenzielle V-Leute abschreckend wirkte und deren Anwerbung erschwerte.

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Das Defizit wurde auch nicht geringer, als die Organisation Gehlen 1956 zum amtlichen Auslandsnachrichtendienst der Bundesregierung avancierte. Besonders blamabel war die Rolle des BND vor dem 13. August 1961. Dass das DDR-Regime schon lange erfolglos in Moskau darauf drängte, wegen der anhaltenden Fluchtbewegung die Westsektoren Berlins abzuriegeln, war seit 1959 allgemein bekannt.

Doch noch im Juli 1961 rechnete der BND allenfalls "mit Sofortmaßnahmen innerhalb der Zone", einem Sperrgebiet um Berlin herum mit Reisebeschränkungen für DDR-Bürger.

Der BND ging den Desinformationen des KGB-Doppelagenten Willi Leisner auf den Leim. Wiederholt berichtete Leisner, Moskau habe den Wunsch des SED-Parteichefs Walter Ulbricht nach einer radikalen Absperrung Westberlins zurückgewiesen.

Der BND-Informant berief sich auf Gespräche mit sowjetischen Gewährsleuten und mit SED-Propagandachef Albert Norden, demzufolge die Sowjetunion "allen Wünschen der SED auf 'Berliner Sperrmaßnahmen' ein schnelles Ende bereiten werde". Diese Entwarnung legte der BND am 1. August dem Kanzleramt vor.

Auch in den folgenden Tagen ließ sich der BND von Leisner in Sicherheit wiegen. Noch am 9. August informierte der BND das Kanzleramt, Moskau habe Ulbrichts Begehren strikt abgelehnt; tatsächlich hatte der SED-Chef bereits freie Hand bekommen.

Ronny Heidenreich: Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau. Ch. Links Verlag, Berlin 2019. 704 Seiten, 50 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

Eine genaue Beobachtung des sowjetischen Militärs, der Nationalen Volksarmee der DDR und der um Berlin eingesetzten Grenzsicherungseinheiten hätte dem BND Hinweise auf eine andere Entwicklung der Lage geben können. Aber der Geheimdienst vertraute lieber seinem vermeintlichen Spitzenagenten und dessen angeblich exklusiven Zugängen.

Das bei der DDR-Aufklärung mit dem BND konkurrierende Bundesamt für Verfassungsschutz kam durch Aussagen von Flüchtlingen und Deserteuren aus den Reihen der bewaffneten Organe sowie augenscheinlich eigenen Quellen mit Zugang zur Ostberliner SED-Bezirksleitung zu besseren Erkenntnissen.

Mit der minutiösen Rekonstruktion der internen Informationsabläufe widerlegt Heidenreich auch die zuerst vom Spiegel 2001 in die Welt gesetzte Legende vom "wohl größten Coup" des BND, ein V-Mann habe am 11. August vor einer unmittelbar bevorstehenden Grenzschließung gewarnt.

Nach dem Mauerbau hieß es: Fehlprognose kleinreden

Der windige Informant, "politische Unterquelle" eines Westberliner Boulevardjournalisten, hatte einen schlechten Ruf in Pullach; er weigerte sich, die Herkunft seiner Information preiszugeben, sodass sich ihre Glaubwürdigkeit nicht überprüfen ließ. Deshalb nahm der BND den Hinweis nicht ernst.

Am 13. August hüllte sich der BND erst einmal in Schweigen, dann versuchte er, seine Fehlprognose kleinzureden. Nun argumentierte der Dienst, "das Zonenregime" habe "nach allen Anzeichen kurzfristig" die Erlaubnis zum Bau der Mauer erhalten.

Eine solch überraschende Entwicklung sei angesichts der hermetisch abgeriegelten Parteizentralen in Ostberlin und Moskau für niemand vorhersehbar gewesen - obwohl der BND durch Leisners Berichte genau diesen Einblick gehabt zu haben glaubte.

Norbert F. Pötzl ist freier Autor und beschäftigt sich vorwiegend mit DDR-Themen. Über west-östlichen Agentenaustausch hat er ein Buch geschrieben ("Basar der Spione"). Jüngste Buchveröffentlichung: "Der Treuhand-Komplex".

© SZ vom 03.02.2020/odg
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