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Bilanz des Papst-Besuches:Eine pessimistische Weltsicht

Vergesst Gott nicht - das heißt für den Papst aber auch: Um der Wahrheit willen darf es keine Änderung der katholischen Lehre geben, nicht, wenn es um eine mögliche Annäherung der Kirchen geht, nicht, wenn es um die Reformwünsche vieler Katholiken geht. Diese verlustängstliche Seite des Papstes hat sich umso stärker gezeigt, je länger die Pilgerfahrt dauerte. Der Verlust des festen Glaubens führt in Egoismus und Relativismus, der Relativismus in den Abgrund. Diese Denkfigur war dem Papst in diesen vier Tagen so nahe wie sein allgegenwärtiger Sekretär Georg Gänswein.

Papst Benedikt XVI. besucht Deutschland

Papst Benedikt XVI. enttäuschte während seines Deutschland-Besuches viele.

(Foto: dpa)

Vergisst eine Gesellschaft Gott, ist es nicht mehr weit bis zum Konzentrationslager, hat er dem Zentralrat der Juden gesagt. Geht dem Menschen der Glaube verloren, will er bald nur noch sich selbst verwirklichen, sagte er den Pilgern in Etzelsbach. Der Relativismus habe alle Lebensbereiche durchdrungen, klagte er vor den Laienkatholiken - und dass sie kirchliche Routiniers seien, die zu wenig dagegen täten.

Es ist eine pessimistische Weltsicht, die Benedikt den Gläubigen mit auf den Weg gegeben hat. Wer diese Weltsicht teilt, kann letztlich nicht glauben, dass es auch säkulare Begründungen der Menschenwürde gibt, dass evangelische Christen nicht den Glauben verdünnen, dass Katholiken nicht die Gottesfrage vergessen haben, wenn sie Reformen in ihrer Kirche wünschen. Und dass es eigentlich ein Geschenk Gottes ist, wenn ein Mensch sich selber verwirklichen darf, wenn er zu seiner Wirklichkeit findet. Wer glaubt, hat Zukunft, unter diesem Leitwort stand des Papstes Reise. Aber welche Zukunft kann ein Glaube haben, wenn er so kleingläubig daherkommt?

Das Kleingläubige, aus dem immer wieder die alten Konflikte Joseph Ratzingers mit den Katholiken in Deutschland durchkamen, hat verdunkelt, was Benedikt tatsächlich zu sagen hatte. Ja, die katholische Kirche wird sich in Deutschland schon allein deshalb entweltlichen müssen, weil ihre weltliche Gestalt schwächer werden wird, weil engagierte Christen zur Minderheit werden. Wenn sie nur auf Strukturen starrt, wird sie belanglos werden.

Doch zu sagen: Glaubt nur fest an das, was so von Rom kommt, dann braucht ihr keine Reformdebatte und keinen Dialog - das nimmt die realen Probleme einer Kirche nicht ernst, der im vergangenen Jahr die Mitglieder abhanden gekommen sind wie selten, die darum ringt, wie sie einen Weg zwischen Tradition und Erneuerung finden kann.

Als der weise Salomon König wurde, da hat er Gott gebeten: "Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz." Benedikt hat die Geschichte an den Anfang seiner Bundestagsrede gestellt. Und doch hat Gottes Knecht aus Rom auf der Reise durch Deutschland manches überhört.

Papst Benedikt XVI. in Deutschland

Ciao, Papa