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TV-Duell in den USA:"When? Inshallah"

US-Demokrat Joe Biden bei der TV-Debatte.

(Foto: JIM WATSON/AFP)

Wann, so Gott will: Biden hatte wohl als erster Kandidat in der Geschichte der TV-Duelle ein arabisches Wort in eine Debatte eingeführt.

Von Moritz Baumstieger

Die US-Außenpolitik war eigentlich gar kein Thema bei dieser ersten Präsidentschaftsdebatte vom Dienstagabend. Und dennoch hat es der demokratische Kandidat Joe Biden geschafft, mit einem einzigen Wort die Bewohner jenes Erdteils aufhorchen zu lassen, der in den vergangenen Dekaden besonders stark von amerikanischer Außenpolitik betroffen war: die islamische Welt. Von Casablanca in Marokko bis Karachi in Pakistan registrierten jene, die aufgeblieben waren, um das erste Aufeinandertreffen des Demokraten mit Amtsinhaber Donald Trump zu sehen, einen kleinen sarkastischen Einschub Bidens, schnodderig dahin genuschelt und für die meisten US-Zuschauer der kakophonischen Veranstaltung wohl nur schwer zu verstehen: Als Trump wieder einmal behauptete, seine Steuerunterlagen bald veröffentlichen zu wollen, entfuhr es Biden: "When? Inshallah..."

Wann, so Gott will: Biden hatte wohl als erster Kandidat in der Geschichte der TV-Duelle ein arabisches Wort in eine Debatte eingeführt, wenn auch nicht unbedingt in originalgetreuer Betonung. Zunächst rätselten deshalb einige, ob er nicht so etwas wie "in July" sagen wollte, doch Bidens Team verneinte. Doch auch, wenn Bidens Aussprache des Wortes verbesserungswürdig war, benutzte er es mit in jener resigniert-lakonischen Intonation, mit der viele Menschen im Nahen Osten den vielen Zumutungen begegnen, die der Alltag an sie stellt: Wird die Stromversorgung bald mal wieder Energie liefern? Wird der Gatte seine getragenen Socken zumindest ein einziges Mal in den Wäschekorb werfen? Und wird das Kabel, wegen dem seit Monaten die gesamte Straße aufgerissen ist, eigentlich irgendwann verlegt? Inshallah, so Gott will.

Der theologische Kontext der Phrase - der im Koran in der 18. Sure begründet ist, aber etwa auch in der Bibel im Jakobusbrief zu finden ist - will den Gläubigen eigentlich zur Demut anhalten, ihm verdeutlichen, dass alle seine Vorhaben letztlich dem Willen Gottes unterworfen sind. Pläne kann der Mensch ruhig machen, ob sie aber jemals Realität werden, hängt vor allem auch vom dem da oben ab. Das meinen etwa auch spanischsprachige Menschen, wenn sie einen Wunsch mit einem "ojalá" versehen, einem "hoffentlich": Nach der Requoncista der iberischen Halbinsel von ihren maurischen Herrschern blieb eine Abwandlung des "inshallah" hier erhalten.

Weil Gottes Wege vor allem in der ihm besonders nahe stehenden Region Nahost oft unergründlich sind, wird es aus vielen Vorhaben leider: nichts. Als er die Phrase "Inshallah" benutzte, wollte Biden also sagen, dass die Welt und alle US-Wähler auf ihr wohl eher das Jüngste Gericht erleben, als dass Trump seine Steuerunterlagen veröffentlicht. Einige Muslime fanden das ein wenig arrogant, es erinnerte sie an die kolonialistische Attitüde von US-Beamten, die nach der US-Invasion im Irak stationiert waren. Andere in der islamischen Welt gemeindeten den Kandidaten jedoch sofort ein, einen Youssef Beydoun aus ihm.

Anders als arabische Wörter in einer amerikanischen TV-Debatte ist diese Art der Adoption jedoch nichts Neues. Schon der wahrlich nicht als Islam-Freund bekannte Amtsinhaber hat einen arabischen Spitznamen: Seit ihn seine erste Auslandsreise nach Saudi-Arabien führte, nennen Trump einige in der Region spöttisch Abu Ivanka al-Amriki.

© SZ
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