Besuch in Deutschland Obama entpuppt sich als gläubiger Europäer

Barack Obama Einheit, Freiheit, Sicherheit: Obamas Rede in Hannover Video

Obamas Deutschlandbesuch

Einheit, Freiheit, Sicherheit: Obamas Rede in Hannover

Barack Obama mahnt die Europäer bei seinem letzten Besuch als US-Präsident zur Einheit und einem größeren Beitrag im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Nie hat ein US-Präsident Europa so eindringlich zur Einheit aufgerufen wie Obama in Hannover. Dass selbst er Angst bekommt, zeigt, wie schlimm es um den Kontinent bestellt ist.

Kommentar von Hubert Wetzel

Barack Obama hat kein sehr sentimentales Verhältnis zu Europa. Er hat es nie so gesagt, aber Europa war für ihn immer ein Ort der Vergangenheit, nicht selten einer dunklen Vergangenheit. Kolonialisten aus Europa unterwarfen einst seine schwarzen Vorfahren in Afrika und verkauften sie als Sklaven. Faschisten aus Europa betrieben das Zwangsarbeitslager Ohrdruf, eine Außenstelle von Buchenwald, das sein Großonkel 1945 mit befreite. Europa war für Obama nicht die gute, alte, heimelige Welt, die es für viele (vor allem weiße) Amerikaner ist, sondern ein Ort, der in früheren Zeiten viel Böses hervorgebracht hat - der aber mit Hilfe und unter dem Schutz Amerikas etwas Großartiges zustande gebracht hat: Versöhnung, Frieden, Wohlstand und Sicherheit für Hunderte Millionen Menschen.

Als Barack Obama 2009 US-Präsident wurde, war er deswegen froh und erleichtert, dass das "Problem Europa", das Amerikas Außenpolitik über drei Generationen, durch zwei heiße und einen kalten Krieg hindurch geplagt hatte, gelöst zu sein schien. Europa war - so lautete die damalige Formel der Diplomaten - "geeint, frei und friedlich". Die Vergangenheit war vorbei, die Zukunft lag für den auf der Pazifikinsel Hawaii geborenen Obama in Asien.

Noch nie hat ein US-Präsident so besorgt auf die EU geblickt

Man muss diese Vorgeschichte kennen, wenn man den wichtigsten Satz verstehen will, den Obama am Montag in seiner Rede an die Europäer gesagt hat: "Vielleicht muss Sie erst ein Außenstehender, einer, der kein Europäer ist, daran erinnern, wie gewaltig das ist, was Sie erreicht haben." Wäre Obama ein weniger höflicher Mensch, hätte er vielleicht gesagt: Seid Ihr völlig verrückt? Ihr setzt die Erfolge der besten sechs Jahrzehnte, die dieser Kontinent je erlebt hat, aufs Spiel? Ihr hetzt wieder gegen Minderheiten und besauft Euch am Nationalen? Wie kann man so dumm sein? Europa, das war Obamas Hauptbotschaft, solle nicht aus Engstirnigkeit, Geschichtsvergessenheit und purer Ignoranz all das einreißen, was in einem halben Jahrhundert mühsam aufgebaut wurde - nicht zuletzt dank der Amerikaner.

Barack Obama Obamas Anti-Angst-Rede Video
Hannover Messe

Obamas Anti-Angst-Rede

IS-Terror, Flüchtlinge, Gleichheit, Einheit. US-Präsident Obama hält in Hannover eine große Rede und erinnert die Europäer daran, woher sie kommen.   Von Lars Langenau

Das ist ein neuer Tonfall. Man kennt von US-Präsidenten die Klage, dass die Europäer nicht genug täten im Kampf gegen Terroristen oder bei der Bewältigung von Krisen. Auch Obama beschwert sich gelegentlich darüber, etwa wenn er das Chaos in Libyen sieht und laut darüber nachdenkt, dass sich eigentlich die Europäer etwas stärker um ihr afrikanisches Nachbarland kümmern sollten. Doch es gibt kein Beispiel dafür, dass jemals ein amerikanischer Präsident mit so großer Sorge auf den inneren Zustand der EU geblickt und die Europäer so eindringlich zur Einheit aufgerufen hat - weil Amerika einen stabilen Partner in der Welt braucht, vor allem aber, weil Europa selber so viel zu verlieren hat. Das macht Obamas Appell so bemerkenswert wie beunruhigend. Denn wie schlimm muss es um Europa bestellt sein, wenn ein Mann, dem Europa eigentlich wenig bedeutet, Angst bekommt?

Werden sich die Europäer davon beeindrucken lassen? Man wird es sehen, am deutlichsten, wenn die Briten im Juni über Austritt oder Verbleib in der EU abstimmen. Obama hat sich durch sein Plädoyer gegen den Brexit tief in die britische Innenpolitik eingemischt, und das wütende Aufjaulen der Europagegner zeigt, dass seine Mahnung vielleicht etwas bewirken könnten. Andererseits: Obama ist kein Jahr mehr im Amt; wenn er Besuche macht und Reden hält, dann als jemand, der Abschied nimmt. Gestalten kann er nicht mehr.

Was für eine Ironie: Barack Obama, der "pazifische Präsident", der Mann, der einst den Schwerpunkt der US-Außenpolitik nach Asien verschieben und Amerika von all dem alten Ballast lösen wollte - er entpuppt sich in seinen letzten Amtstagen als gläubiger Europäer.