bedeckt München

Gedenken in Berlin:"Er hat nur Stoff für Islamhasser geliefert"

Gedenken an die Opfer islamistischer Anschläge

Imam Mohamed Taha Sabri legt bei einer Gedenkveranstaltung an die Opfer der islamistischen Anschläge in Frankreich am Neuköllner Rathaus eine weiße Rose nieder.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Der Neuköllner Imam Taha Sabri gedenkt mit Katholiken und Protestanten der Opfer islamistischer Gewalt und verurteilt die öffentliche Demütigung einer Person in Emmanuel-Macron-Maske.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Die Runde war klein, doch die Geste groß. Martin Hikel, Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln, hatte am späten Montagnachmittag zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. Es ging darum, die jüngsten Opfer islamistischer Gewalt vor allem in Frankreich zu würdigen. Ungefähr 20 Menschen hatten sich deshalb vor dem Rathaus von Neukölln versammelt. Die Zusammenkunft wirkte fast beiläufig neben dem lautstarken Berufsverkehr auf der Karl-Marx-Straße. Aber sie hatte Gewicht.

Denn neben Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche, neben dem Grünen-Politiker Cem Özdemir legte auch Imam Mohamed Taha Sabri eine weiße Rose auf dem Neuköllner Wappen nieder. Es sollte ein vorläufiger Endpunkt nach ziemlich hitzigen Tagen in dem Bezirk sein. "Wir leben hier friedlich zusammen. Dieses Selbstverständnis macht uns aus", sagte Bürgermeister Hikel in seiner kurzen Ansprache. "Gerade hier, wo eine große Vielfalt gelebt wird."

In Neukölln wohnen viele Menschen muslimischen Glaubens, gibt es irgendwo auf der Welt einen Konflikt, in dem es auch um den Islam geht, findet er hier schnell seinen Widerhall. So auch seit dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty in Paris Mitte Oktober. Paty war auf offener Straße enthauptet worden, da er im Unterricht Karikaturen gezeigt hatte, die den Propheten Mohammed verunglimpfen. Staatspräsident Emmanuel Macron verteidigte daraufhin die Meinungsfreiheit in Frankreich und drängte auf ein härteres Vorgehen gegen Islamisten im Land. Dies führte zu teils harschen Reaktionen, unter anderem von dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der zum Boykott französischer Waren aufrief. "Solche Vorfälle haben immer auch Auswirkungen hier in Neukölln", sagte ein Sprecher des Bezirks.

Bereits in der vergangenen Woche hatten sich am Hermannplatz immer wieder junge Männer versammelt, um gegen Macron und die Mohammed-Karikaturen zu demonstrieren. Am vergangenen Samstag dann tauchte eine Gruppe von vielleicht 20 Personen in der Sonnenallee auf, einer der zentralen Straßen Neuköllns. Ein Mann sprach dabei laut arabisch, er war in ein traditionelles weißes Gewand gekleidet und zog eine andere Person an einem Strick hinter sich her. Diese trug eine blonde Perücke und eine Emmanuel-Macron-Maske und wurde durch angetäuschte Gürtelhiebe, Fußtritte und Beleidigungen gedemütigt. Am Sonntag ereignete sich eine ähnliche Szene auf dem Alexanderplatz. Dabei wurde der 24-jährige Youtuber Fayez Kanfash von der Polizei festgesetzt. Videos beider Auftritte kursieren im Netz.

In beiden Fällen hat inzwischen der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen, wobei bislang unklar ist, ob es sich um einen politisch-religiösen Protest handelt oder einfach nur Satire. "Wenn der Mann einen Scherz machen wollte, dann ist es ein beschissener Scherz. Wenn er es ernst meint, dann hat er den Muslimen stark geschadet", sagte Imam Taha Sabri am Rande der Gedenkveranstaltung. "Er hat nur Stoff für Islamhasser geliefert."

Im Bezirk selbst sieht man den Vorfall einigermaßen gelassen. Zwar sei die Situation in Neukölln immer etwas "fragil", sagt Sprecher Christian Berg. Aber die "Proteste am Hermannplatz sind sehr friedlich verlaufen". Nur, weil jemand "Allahu Akbar", Gott ist groß, rufe, drohe noch keine Gefahr. "Wir sind eigentlich recht gelassen." Selbst religiöse Vorfälle im Nahen Osten bekomme man in Neukölln zu spüren. "Dann gibt es eine Demo und noch eine Demo und dann ist es meist auch wieder gut."

Für wirklich problematisch hält Berg andere Vorfälle. So wollte in der vergangenen Woche der dänische Rechtsextremist Rasmus Paludan nach Berlin kommen. Seine islamophobe Splitterpartei "Stram Kurs" hatte über Facebook für Mittwoch zur Demonstration auf der Sonnenallee aufgerufen. Bei vergleichbaren Veranstaltungen hatten die Rechtsextremen öffentlich einen Koran verbrannt. Doch die deutsche Polizei fing Paludan bei der Landung noch im Flugzeug ab. In seiner Ansprache dankte Bezirksbürgermeister Martin Hikel der Polizei und sagte: "In Neukölln wird kein Koran verbrannt."

© SZ/pamu
Messerattacke in Nizza

Terror in Frankreich
:Tödliche Reise

Von Tunesien über Lampedusa nach Frankreich: Wie der 21-jährige Attentäter Brahim A. nach Nizza gelangte.

Von Moritz Baumstieger, Oliver Meiler, Rom, und Nadia Pantel, Paris

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite