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Ausschreitungen in Hoyerswerda:Vom Fremdenhass zur offenen Gewalt

Hoyerswerda wurde vom 17. bis 23. September 1991 zum Schauplatz der größten ausländerfeindlichen Krawalle nach der deutschen Wiedervereinigung. Etwa 230 Ausländer mussten vor 20 Jahren aus der sächsischen Stadt fliehen oder evakuiert werden, 32 Menschen wurden verletzt.

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Erinnern tut in Hoyerswerda immer noch weh

Quelle: dpa

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Hoyerswerda wurde vom 17. bis 23. September 1991 zum Schauplatz der größten ausländerfeindlichen Krawalle nach der deutschen Wiedervereinigung. Etwa 230 Ausländer mussten aus der sächsischen Stadt fliehen oder evakuiert werden, 32 Menschen wurden verletzt.

Die Wiedervereinigung lag noch nicht lange zurück, da gingen schockierende Bilder von verängstigten Vietnamesen und Mosambikanern aus Deutschland um die Welt. Ausländerfeindliche Deutsche hatten im Herbst 1991 in der sächsischen 70.000-Einwohner-Stadt Hoyerswerda tagelang Wohnheime von ausländischen Arbeitern und Flüchtlingen belagert, sie mit Pflastersteinen und Molotow-Cocktails bombardiert. Die Ausschreitungen hatten begonnen, als acht Skinheads vietnamesiche Markthändler angegriffen hatten. Nachdem die Polizei die Skins vom Markt vertrieben hatte, zogen etwa 40 Jugendliche zu einem Wohnheim ausländischer Arbeiter, bedrohten Bewohner mit Knüppeln und warfen Steine.

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Die Neonazis gewannen Sympathisanten, Skinheads aus anderen Städten kamen hinzu, hunderte Anwohner versammelten sich, johlten, klatschten Beifall und heizten die Angreifer weiter an. Diese attackierten noch mehr Wohnungen und auch das Asylbewerberheim. Nur wenige mutige Mitbürger versuchten, die Eskalation zu beenden.

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Die Polizei stand den rechtsradikalen Exzessen anfangs rat- und hilflos gegenüber. Erst am dritten Tag versuchten Beamte, den wütenden Mob von bis zu 600 Menschen durch Straßenblockaden und Geländeabsperrungen zu stoppen. Zu diesem Zeitpunkt war der Straßenkrieg schon in vollem Gange. Mosambikaner wehrten sich, Deutsche schlugen mit Ketten, Baseballschlägern und Flaschen auf sie ein. Während der Ausschreitungen wurden 32 Menschen verletzt.

Vier Tage nach dem Ausbruch der Krawalle reisten die ersten Vertreter linker Gruppen und Bürgerinitiativen nach Hoyerswerda, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu demonstrieren.

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Ende der siebziger Jahre hatte die DDR Arbeiter aus Vietnam, Mosambik und Angola ins Land geholt. Viele arbeiteten in der Braunkohleindustrie, einige lebten gemeinsam mit Deutschen in Plattenbauten. Nach der Wiedervereinigung stieg die Arbeitslosenquote - und der rechtsradikale Hass.

Hoyerswerda wurde im September 1991 zu einem lebensgefährlichen Ort für Ausländer. Vertragsarbeiter und Asylbewerber beobachteten die Ausschreitungen verängstigt und fassungslos oder mit Gegenwehr. Der Polizei vertrauten sie nicht mehr. "SOS! Warum hassen Sie uns?", schrieben einige auf ein Plakat.

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Nach den schweren Ausschreitungen verließen viele Vertragsarbeiter mit ihrem Hab und Gut die Stadt. Bewohner des attackierten Asylbewerberheimes wurden in Bussen an sichere Orte gebracht. "Besser weg hier, als tot", sagte einer. Eine Evakuierung "zu ihrem eigenen Schutz", nannte es die sächsische Landesregierung. Den abfahrenden Bussen brüllten Skinheads noch Morddrohungen hinterher, andere applaudierten.

Etwa 230 Ausländer kehrten Hoyerswerda im Herbst 1991 den Rücken.

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Akribisch listete die Polizei in ihren Berichten auf, was in Hoyerswerda geschehen war. Doch oft traf sie erst am Ausschreitungsort ein, wenn bereits Fenster zertrümmert und Menschen verletzt waren. Nur wenige Angreifer wurden verhaftet.

Hoyerswerda 1991

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Auf die rechtsradikalen Ausschreitungen folgten Kämpfe zwischen linken Autonomen und der Polizei. Eine genehmigte Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit in Hoyerswerda eskalierte am 29. September 1991. Autonome gingen mit Pflastersteinen gegen Einheiten des Bundesgrenzschutzes vor. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Schlagstöcke ein.

Hoyerswerda wird bis heute in einem Atemzug mit Mölln und Rostock-Lichtenhagen genannt. Ein Jahr nach den Krawallen in der sächsischen Stadt wandelte sich Fremdenhass auch dort zu offener Gewalt.

Ausstellung zu Ausschreitungen in Hoyerswerda

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Zwanzig Jahre danach erinnert sich Hoyerswerda noch schmerzlich an die ausländerfeindlichen Krawalle. Seitdem hat sich viel verändert, die Bewohner gründeten Initiativen für Demokratie, kulturelle Vielfalt und Toleranz. Doch auch heute ist die Bedeutung dieser Begriffe noch nicht in allen Köpfen angekommen. Erst vor kurzem wurden wieder Ausländer in Hoyerswerda angepöbelt.

© sueddeutsche.de/dpa/lyb/mcs
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