bedeckt München 26°

Aussage im NSU-Prozess:Carsten S. will zu den Guten gehören

Heute liest er das Buch von Semiya Simsek, "Schmerzliche Heimat", über den Verlust ihres Vaters, den der NSU erschossen hat. Beeindruckt war Carsten S. von der jungen Frau, die ihren Vater verloren hat und doch so differenziert und wohlwollend über Deutschland schreibt. Und getroffen war er, als diese Semiya Simsek dann erklärte, dass für sie auch diejenigen Mordgehilfen seien, die nur die Waffe überbracht haben. Also er. Carsten S. will zu den Guten gehören. Und versteht nur schwer, dass die Guten das nicht so einfach geschehen lassen wollen.

Jochen Weingarten von der Bundesanwaltschaft hat mit ihm immer wieder geredet. Fünfmal wurde Carsten S. vernommen, zu jedem Detail des Waffentransfers. Jetzt will er auch vor Gericht Rede und Antwort stehen - auch den Nebenklägern. Nur bei den Fragen von Ralf Wohlleben wird er sich wohl zurückhalten: Sein früherer Freund ist weiterhin eine Größe in der rechten Szene, für ihn fordern seine Kumpane "Freiheit für Wolle". Er wird alles daransetzen, die Aussage von Carsten S. zu erschüttern. Seine Anwältin hat bereits geschrieben: "War der Zeuge S. vielleicht auch ein V-Mann? Erhielt er möglicherweise die angebliche Waffe von einer Sicherheitsbehörde?" Sei nicht S. die treibende Kraft gewesen? Wollte er sich gegenüber dem Trio profilieren? "Wir haben nicht den Hauch eines Anhaltspunktes dafür, dass S. ein V-Mann war", erklärt die Bundesanwaltschaft.

Es kann unangenehm werden für Carsten S. Denn nur der verirrte, einsame Junge, der nicht wusste, was er tat - das nehmen ihm viele nicht ab; immerhin war er damals eine Führungsperson in der rechten Szene. Auch wenn ihn der Psychiater Norbert Leygraf und ein Gutachten der Jugendgerichtshilfe übereinstimmend für jugendlich einschätzen, als er die Waffe überbrachte. Er war 19 damals. Sollte sich das Gericht dieser Einschätzung anschließen, würde es bedeuten, dass Carsten S. die geringere Jugendstrafe für seine Taten bekommt.

Die härteste Strafe für ihn dürfte ohnehin sein, dass er seine neue Heimat verloren hat: seine Freunde aus der linken Szene, die Arbeit bei der Aidshilfe. Er hat seinem alten Leben im Jahr 2000 den Rücken gekehrt, sein neues Leben hat er nun auch verloren.