Politische Bewegung "Aufstehen" Lockruf einer Spalterin

Sahra Wagenknecht kann provozieren und Menschen faszinieren, aber auch abstoßen. In ihrer neuen Sammlungsbewegung könnten am Ende andere wichtiger werden als sie selbst.

Von Stefan Braun, Berlin

Natürlich lächelt sie. Natürlich gibt sie sich hochzufrieden. Natürlich ist sie eine Stunde lang fest davon überzeugt, dass die Sache was ganz Großes wird. Sahra Wagenknecht wäre nicht Sahra Wagenknecht, wenn sie an diesem Morgen in Berlin auch nur einen Hauch Zweifel zulassen würde. So etwas kommt für sie nicht in Frage.

Dazu ist die Linken-Politikerin zu lange im politischen Geschäft - und dafür ist sie zu sehr von sich selbst überzeugt. Außerdem weiß sie genau, dass der Erfolg ihrer neuesten Einsammel-Aktion nicht zuletzt davon abhängt, dass die Initiatoren immer und andauernd Zuversicht und Leidenschaft ausstrahlen.

Und so erklärt die Linken-Politikerin quasi zur Begrüßung: "Ich bin wirklich beeindruckt, wie viele Menschen sich gemeldet haben." Natürlich hat sie eine aktuelle Liste dabei, "Stand heute Morgen acht Uhr". Und die weise aus, dass sich inzwischen mehr als hunderttausend Menschen angeschlossen hätten. "Ganz genau sind es 101 741", sagt Wagenknecht - und fügt wenige Sätze später hinzu, alle diese Menschen seien Gründungsmitglieder der neuen Bewegung "Aufstehen". Deshalb könne niemand behaupten, hier sei etwas von oben herab gegründet worden. "Eine Bewegung, die mit 100 000 Menschen startet, die ist nicht oben."

Süddeutsche Zeitung Meinung Das Dilemma der Sahra Wagenknecht
"Aufstehen"

Das Dilemma der Sahra Wagenknecht

Das große Interesse an der Sammlungsbewegung der Linken-Politikerin zeigt, dass sich viele Menschen in diesem Land nach grundsätzlichen Antworten sehnen. Wagenknecht verleiht dem Bündnis Popularität - und ist ihm zugleich ein Hindernis.   Kommentar von Jens Schneider

Damit reagiert Wagenknecht früh auf jene, die sich vor allem in den Reihen der Linken gegen ihre Initiative ausgesprochen hatten. Parteichefin Katja Kipping hatte sich ablehnend geäußert. Und ihr Ko-Vorsitzender Bernd Riexinger hatte hinzugefügt, gerade in Zeiten, in denen der rechte Mob wie in Chemnitz durch die Straßen ziehe, dürfe sich die politische Linke auf keinen Fall ungeeint präsentieren.

Aus Sicht Wagenknechts will auch sie selbst das nicht. Es sollen sich halt nur endlich alle hinter ihr versammeln. Bei der Begründung für die neue Initiative scheut sie auch scharfe Vokabeln nicht; mehr als einmal spricht sie von einem immer raueren Klima, einer immer aggressiveren Stimmung und einem dramatischen Verlust an Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Laut Wagenknecht zeigt sich in diesen Monaten "eine handfeste Krise der Demokratie", weil sich immer mehr nicht mehr vertreten fühlen und sich abwenden würden. Wirtschaftsforscher hätten errechnet, dass 40 Prozent der Menschen weniger verdienten als vor 20 Jahren. "In so einem Land funktioniert Demokratie nicht mehr", warnt Wagenknecht - allerdings ohne zu erklären, wo genau sie hier einen Zusammenhang herstellen würde. Stattdessen erklärt sie, ganz schnell müsse jetzt gegengesteuert werden. Geschehe das nicht, dann "wird das Land in fünf oder zehn Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein".

Wagenknecht betont die breite Basis der Bewegung

Monatelang ist dieser Tag vorbereitet worden. Von ihr, der Ko-Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Linken. Von ihrem Mann, dem Ex-SPD- und Ex-Linken-Parteichef Oskar Lafontaine. Und von etwa 80 "Künstlern, Politikern, Gewerkschaftlern, Professoren", wie Wagenknecht anfügt. Längst hat sie gemerkt, dass es problematisch werden könnte, wenn die allermeisten Menschen draußen ihre Bewegung auf eine Bewegung von Wagenknecht und Lafontaine reduzieren würden.

Dabei sind es natürlich zuallererst die beiden, die auf ihre je eigene Weise immer schon Wucht entfalten konnten. Und das soll auch jetzt helfen, ihrer Sammlungsbewegung Flügel zu verleihen. Sie haben ihr den Namen "Aufstehen" verliehen. Was wahlweise so viel heißen soll wie "Auf jetzt!", "Tut was!" oder "Raus aus der Trägheit!"