"Aufstehen" Das Dilemma der Sahra Wagenknecht

Das große Interesse an der Sammlungsbewegung der Linken-Politikerin zeigt, dass sich viele Menschen in diesem Land nach grundsätzlichen Antworten sehnen. Wagenknecht verleiht dem Bündnis Popularität - und ist ihm zugleich ein Hindernis.

Kommentar von Jens Schneider

Man stelle sich für einen Augenblick vor, was sich viele in der SPD, bei den Grünen und den Linken auf keinen Fall vorstellen wollen: Die von Sahra Wagenknecht angestoßene linke Bewegung "Aufstehen" wird ein Erfolg. Was würde sich in diesem Land ändern?

Es könnte etwas entstehen, das Deutschland fehlt. Dies ist ein reiches Land, in dem dennoch viele zu Recht das Gefühl haben, dass dringende Probleme nicht grundsätzlich angegangen werden: die Wohnungsnot, die Altersarmut, der Verkehrskollaps in vielen Kommunen, marode Schulen, aber auch der Klimawandel, der sich in diesem Sommer tief in das Bewusstsein der Menschen gebrannt hat. Umfragen zeigen, dass viele sich nach Antworten sehnen, die auf linke, solidarische und grüne Werte setzen.

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Nur fehlen Foren, um darüber nachzudenken, wie diese Antworten aussehen sollten, und um Kampagnen zu starten. Im Idealfall könnten die Sozialdemokraten, die Grünen oder die Linken diese Plattform sein. Doch sie sind jede auf ihre Art zu wenig Bewegung und zu viel Partei. Wagenknechts Idee einer Sammlungsbewegung folgt nun einer einfachen Analyse: Die Summe der Menschen, die Sympathien für linke Standpunkte haben und aktiv werden wollen, dürfte viel größer sein als die Zahl der Wähler, die diese Parteien auf sich vereinen.

Tatsächlich gibt es links eine Lücke. Besonders eklatant zeigt sich das im Internet. Dessen Möglichkeiten nutzen vor allem hyperaktive rechte Aktivisten, die einen riesigen Resonanzraum aufgebaut haben, ohne den die AfD nie ihre Stärke erreicht hätte. Sie trüben, obwohl in der Minderheit, das politische Klima.

Wagenknecht müsste Platz für neue Köpfe und Ideen lassen

Es ist ein Indiz für das Potenzial von "Aufstehen", dass sich schon Wochen vor dem Start auf der noch starren Webseite mit ihren plakativen Filmchen mehr als 60 000 Menschen registriert haben. Aber Registrieren geht leicht. Der Erfolg wird davon abhängen, ob aus der Idee mehr erwächst als ein virtueller Zusammenschluss von Leuten, die ihre Sahra lieben.

Wagenknecht ist dabei auch ein Hindernis. Zwar wäre das Projekt ohne sie schwer vorstellbar, aber mit ihr funktioniert es vielleicht gar nicht.

Einerseits gibt es kaum andere Linke, Grüne oder Sozialdemokraten, die als Führungsfigur so viele Interessenten aus einem Spektrum erreichen, das über ihre Partei hinausreicht. Anderseits hat sie schon ihre Partei mit ihrer Selbstbezogenheit fast gespalten. Wagenknecht fehlte zu oft die nötige Debattenkultur, etwa im Streit über die Migration. Ihr müsste gelingen, was sie bisher nur selten schaffte: Platz zu lassen für neue Köpfe und Ideen.

Auch darum müsste es bei diesem Projekt gehen, dessen Ansatz ja zunächst absurd erscheint. Denn traditionell entstehen Bewegungen von unten, nicht durch den Aufruf einer Spitzenpolitikerin. Aber in Zeiten des Internets kann es, wie Vorbilder in Frankreich oder Großbritannien zeigen, anders funktionieren. Entscheidend wird nicht die Zahl der registrierten Anhänger und prominenten Mitstreiter sein, sondern die Kraft der Aktiven. Relevant wird die Bewegung, wenn sie Themen setzt und Debatten prägt.

Erst dann würde sich zeigen, ob es bei Bundestagswahlen die linke Mehrheit geben kann, von der Wagenknecht träumt. Sollte das Projekt jedoch schnell scheitern, dürfte die Lücke links nicht allein für die Gründerin von Schaden sein.

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