Aufstand in Libyen:Die Maske fällt

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Der Volkszorn in Libyen, Tunesien oder Ägypten traf die Staatsführung nicht grundlos. Denn autokratische Herrscher wie Gaddafi, Ben Ali oder Mubarak versuchten aus der langjährigen Herrschaft eine immerwährende Familiendynastie zu formen. Ihre Regime sollten funktionieren wie eine Erbmonarchie - die Söhne sollten einfach übernehmen. Nun bricht dieses Modell zusammen.

Sonja Zekri

Er ist das Chamäleon unter den arabischen Diktatorensöhnen. Als Saif al-Islam, festgenommen geglaubter Sohn des libyschen Herrschers Muammar al-Gaddafi, in der Nacht zu Dienstag plötzlich vor dem Hotel Rixos in Tripolis auftauchte und ausländische Journalisten zu einer Spritztour durch das von Regierungstruppen kontrollierte Tripolis lud, trug er Kampfhose und olivfarbenes T-Shirt - und im Gesicht ein aasiges Grinsen. "Dies ist unser Volk. Hier werden wir leben, hier werden wir sterben", verkündete er.

Employees of the Libyan Embassy burn a portrait of Gaddafi in Buenos Aires

Nach 40 Jahren willkürlicher Herrschaft am Stück trieb es die Menschen auf die Straße. Libyen ist nur ein Beispiel dafür. Im Bild: Mitarbeiter der libyschen Botschaft in Buenos Aires verbrennen Gaddafi-Porträts.

(Foto: REUTERS)

Und der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, der Haftbefehl gegen ihn erlassen hat, weil er als eine Art "Premierminister" und Komplize seines Vaters Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben soll? Den Haag, sagt Saif, "kann zur Hölle gehen".

Durchbruch am Abend

Keine 24 Stunden später aber ist der Diktatorensohn Den Haag ein gutes Stück näher gekommen - und die Rebellen dem Sieg. Den ganzen Tag wogte in der Hauptstadt der Kampf. Straße um Straße, Meter um Meter wurde erobert und verloren. Am Nachmittag aber dann setzten die Kämpfer zum Sturm auf die letzte Bastion des Gaddafi-Clans an, den mehrfach gesicherten Wohn- und Militärkomplex Bab al-Asisija im Süden der Hauptstadt.

Am Abend gelang der Durchbruch: Aufständische strömten auf das ausgedehnte Gelände, rissen Gaddafi-Poster von den Wänden, trampelten auf dem Kopf einer Figur des "Bruders Führer" herum, kletterten auf die berühmte goldene Faust, die ein amerikanisches Flugzeug zerquetscht - Gaddafis künstlerische Antwort auf die Bombardierung seiner Residenz durch US-Bomber 1986.

In Pick-ups und zu Fuß stürmten Hunderte Kämpfer die baumbestandene Weite, durchkämmten jede Nische der sechs Quadratkilometer großen Anlage. Scharfschützen griffen sie von den Dächern an. Schwarzer Rauch hing über Bab al-Asisija. Feuer wüteten auf dem Gelände. Und doch: Mit Gaddafi endet in Libyen auch das Diktat seiner Söhne.

Durchschaubares Manöver

Noch vor wenigen Tagen, als das Regime glaubte, verhandeln zu können,gab sich Saif al-Islam bei einem Interview mit der New York Times als Gelegenheitsislamist mit frischem Vollbart und Gebetsperlen in den Fingern. Es war ein durchsichtiger Versuch, die Ultrafrommen unter den Rebellen in Bengasi auf seine Seite zu ziehen. "Libyen wird aussehen wie Saudi-Arabien, wie Iran. Na und?"

Zu Beginn des Aufstands hatte er gedroht, Libyen werde in "Strömen von Blut" versinken. Es war jener Saif al-Islam, der an der London School of Economics promovierte (was diese später in eine schwere Krise stürzte), der in Neuseeland jagte, Mariah Carey für eine Million Dollar auf einer Karibikinsel singen ließ, Saif al-Islam, der sich als Intellektueller, als Beau, als Reformer gab - und doch vor allem Diktatorensohn blieb.

In Ägypten und im Jemen, mit Einschränkungen auch in Syrien und Tunesien, sind die arabischen Volksaufstände auch eine Folge gescheiterter Nachfolgeregelungen: Hier wie dort brachten die Herrscher eine ohnehin unglaubwürdige Fassade von politischem Wettbewerb zum Einsturz, indem sie versuchten, enge und engste Verwandte an der Spitze zu installieren.

Die letzte Rede

Verhasster noch als Ägyptens gestürzter Präsident Hosni Mubarak ist am Nil Gamal, sein jüngerer Sohn. Auch er - wie einst Saif al-Islam - wurde als Neuerer, als Nachfolger gehandelt, aber nun als Wahlfälscher und rücksichtsloser Kapitalist im Interesse eines Kreises von Günstlingen geschmäht. Dass der Vater Gamal durch Gesetzesänderungen und hohe Parteiämter den Weg an die Staatsspitze ebnete, dass Hosni Mubarak drauf und dran war, die Republik in eine Art Erbmonarchie zu verwandeln - das hatte für viele das Fass zum Überlaufen gebracht. Gamal als nächster Präsident? Das ging den meisten gegen die Ehre.

Aber am Ende, im Februar, als auf dem Tahrir-Platz in Kairo der Volkszorn kochte, wollte Gamal nicht einmal abtreten, als schon alles gelaufen war. Legende ist der von ägyptischen Blättern kolportierte Streit zwischen Gamal Mubarak und seinem älteren Bruder Alaa über die letzte Rede ihres Vaters.

Mubarak habe zurücktreten wollen, heißt es, aber Gamal habe die Rede umgeschrieben - zur Erbitterung Alaas, der dem Jüngeren vorwarf, das Land und den Ruf ihres Vaters zu ruinieren. Heute stehen beide, Alaa und Gamal, als Angeklagte vor Gericht am Krankenbett ihres Vaters, um ihn vor den Kameras zu schützen. Manche wollen den Ex-Präsidenten mit einer symbolischen Strafe davonkommen lassen. Aber Gamal, sagen sie, muss bezahlen.

40 Jahre Herrschaft

Ägypten ist eines von mehreren Beispielen. In Tunesien wurde der Unternehmer Mohamed Sakhr Al-Materi als potentieller Nachfolger von Präsident Zine el-Abidine Ben Ali gehandelt - seinem Schwiegervater. Und in Syrien schien die dynastische Machtübergabe trotz Rückschlägen zu gelingen: Hafis al-Assad hatte ursprünglich seinen Ältesten Basil ins höchste Staatsamt hieven wollen. Als dieser 1994 auf dem Weg zum Flughafen mit seiner Limousine in eine Betonabsperrung raste und starb, musste die Thronfolge anders geregelt werden.

Der schmalgesichtige Augenarzt Baschar al-Assad war eine Verlegenheitslösung, wurde aber über Jahre aufgebaut. Er ließ nach dem erwarteten Amtsantritt einen kurzen "Damaszener Frühling" der Freiheit und Demokratie anbrechen. Nun schickt er Panzer und Kanonenboote gegen syrische Städte. Vierzig Jahre Assad-Dynastie - für die Menschen in Syrien ist dies hinreichend Grund, bei Protesten ihr Leben zu riskieren.

Selbst der hochkomplizierte Konflikt in Jemen lässt sich auch auf eine Rivalität mächtiger Sprösslinge zurückführen. Als Präsident Ali Abdullah Salih seinen Sohn Ahmed Ali zum Nachfolger aufbaute, fürchtete der einflussreiche Ahmar-Clan den Verlust von Macht und Ansehen. Vor allem Hamid al-Ahmar, schwerreicher Geschäftsmann und einer von zehn Söhnen des verstorbenen Königsmachers Scheich Abdullah al-Ahmar, hatte eigene Ambitionen auf das Präsidentenamt verkündet.

Der Präsident aber hatte seinem Sohn hohe und höchste Ämter in Armee und Sicherheitsdiensten spendiert. Damit hatte er sich wiederum den Zorn eines anderen Generals zugezogen, der mit dem Volksaufstand prompt abtrünnig wurde. In den autoritären Staaten Arabiens ist der Staat Familiensache; und das heißt auch: das Militär.

Insofern fragte man sich in Tripolis am Dienstag beunruhigt, wie weit der Arm des Gaddafi-Clans noch reicht. Wie hatte Saif al-Islam - und offenbar auch sein Bruder Mohammed - entkommen können, nachdem sie wohl schon festgesetzt worden waren?

Am Abend aber schien es, als sei der Auftritt Saif al-Islams nur ein weiterer phantastischer Gaddafi-Gig gewesen. Dort, wo sich sonst Jubelchöre für Muammar die Seele aus dem Leib schrien, stromerten Aufständische in Badeschlappen umher. Libyen steht vor einem Generationswechsel - aber anders als Familie Gaddafi es geplant hatte.

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