Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand:Spaltendes Gedenken in Sarajevo

100 Jahre nach dem Mord an dem österreichischen Thronfolger trennt die Erinnerung die Menschen in Bosnien-Herzegowina. Die Bosnier versuchen die Spuren des Attentäters Gavrilo Princip zu tilgen. Die Serben errichten ihm Denkmäler, feiern ihn als Helden - und preisen seine "Schüsse für die Freiheit".

Hundert Jahre nach dem tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand spaltet die Erinnerung an die Tat die Menschen in Bosnien-Herzegowina. Die Serben boykottierten die offiziellen Gedenkveranstaltungen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, wo die Wiener Philharmoniker am Abend ein Konzert gaben. Stattdessen versammelten sich Hunderte Menschen in Visegrad, um den Attentäter Gavrilo Princip als Freiheitskämpfer zu würdigen.

Das Konzert "für den Frieden" der Wiener Philharmoniker fand in dem imposanten Bau der Nationalbibliothek im neo-maurischen Stil statt. Gespielt wurden Stücke von Franz Schubert, Joseph Haydn und Johannes Brahms. Vor hundert Jahren befand sich in dem Gebäude das Rathaus von Sarajevo - der letzte Ort, den Franz Ferdinand und seine Frau Sophie vor ihrer Ermordung durch den nationalistischen Serben Princip besuchten. Vor dem Konzert protestierte eine kleine Gruppe mit Princip-Masken gegen die "kapitalistische Besatzung".

In Visegrad würdigten führende Politiker der bosnischen Serben den Attentäter als Helden. Die Schüsse von Princip seien "keine Schüsse gegen Europa gewesen, sondern Schüsse für die Freiheit", sagte der Präsident von Bosniens serbischer Teilrepublik, Milorad Dodik.

Die Abgrenzung zu den muslimisch-kroatischen Bürgern Bosniens betonte Dodik in großen Worten: "Wir sind niemals zusammen gewesen, weder in Trauer noch in Freude", zitiertenihn die Medien übereinstimmend. Das sage alles über das heutige Bosnien. Die bosnischen Serben, die rund ein Drittel der Bevölkerung stellen, streben die Abspaltung von Bosnien an. "Auf der Basis der Freiheitsideen Gavrilo Princips" wollen sie unabhängig sein.

Der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic holte gegen diejenigen aus, die den Doppelmord vor 100 Jahren anders werten als er: "Wir werden heute nicht von denjenigen sprechen, die versuchen, unsere Geschichte zu vergiften oder uns zwingen wollen zu vergessen", sagte Vucic vor Hunderten Zuhörern im Herzen von Visegrad unweit der Grenze zu Serbien. Das Motto der serbischen Spitzenpolitiker am Jahrestag: Auf der Grundlage des Patrioten Princip wollen wir uns von Bosnien abspalten, um uns mit dem benachbarten Mutterland Serbien zu vereinen.

Zuvor hatten Vucic und Dodik ein Mosaik enthüllt, das die Gruppe hinter dem Anschlag, allen voran Princip, zeigt. Erst am Freitag war Princip in Sarajevo mit einem Denkmal geehrt worden. Hunderte Menschen kamen zur Einweihung der zwei Meter hohen Bronzestatue. "Wir sind für immer Freiheitskämpfer", rief Nebojsa Radmanovic, der als Vertreter der bosnischen Serben im Staatspräsidium von Bosnien-Herzegowina sitzt.

Princip hatte am 28. Juni 1914 in Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand erschossen, als dieser im offenen Wagen durch die Stadt fuhr. Das Attentat führte zu einer internationalen Krise, die fünf Wochen später in den Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen von Todesopfern mündete.

Seit dem Ende des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren versucht das überwiegend muslimisch bewohnte Sarajevo möglichst vollständig die Erinnerung an Princip zu tilgen. So lassen die Bosnier die in Beton gegossenen Fußabdrücke des serbischen Attentäters verschwinden und nennen die Princip-Brücke jetzt wieder Lateinerbrücke. Für viele Bosnier ist Princip ein Terrorist und das damalige Serbien mit dem heutigen Iran vergleichbar.

Sie ziehen eine direkte Linie von damals über die serbische Dominanz im Vielvölkerstaat Jugoslawien bis zum Bürgerkrieg (1992-1995) mit 100000 Toten, an dem einzig und allein der "serbische Aggressor" Schuld trage.

Zu Zeiten Jugoslawiens wurde Princip weithin verehrt; in Sarajevo waren eine Straße und eine Brücke nach ihm benannt. Der Bosnienkrieg (1992-1995) hat die Wahrnehmung jedoch deutlich verändert. Während der jahrelangen, brutalen Belagerung Sarajevos war Princip ein Held der bosnisch-serbischen Streitkräfte. Bosnien-Herzegowina ist seit dem Krieg in zwei Entitäten aufgespalten, eine serbische und eine muslimisch-kroatische.

Wenigstens scheinen die Österreicher an diesem Gedenkwochenende ihren Frieden mit der Geschichte gemacht zu haben. Die Wiener Philharmoniker eröffneten unter ihrem Dirigenten Franz Welser-Möst das Konzert mit der bosnischen Nationalhymne und schlossen es mit der Europahymne Ludwig van Beethovens ab. Unter den wenigen Staatsgästen, die gekommen haben, war immerhin auch der Mann, der heute Franz Ferdinands Nachfolger wäre, hätte der Erzherzog den Thron bestiegen: der österreichische Staatschef Heinz Fischer.

© SZ.de/dpa/AFP/odg/segi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB