Attentäter von Stockholm:Unauffällig bis zuletzt

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Der Attentäter von Stockholm kam als Kind mit seinen Eltern aus dem Irak nach Schweden. Er ist dem Geheimdienst nicht aufgefallen, auch seine Familie ahnte nichts. Am Tag vor den Explosionen hat er sich noch mit Freunden getroffen.

Gunnar Herrmann, Stockholm

Auf den Schulfotos des Holavedsgymnasiums in Småland wirkt Taimour Abdulwahab so freundlich. Der hübsche junge Mann lächelt sanft, er trägt eine Krawatte und eine dieser typisch schwedischen Abiturienten-Mützen mit schwarzem Schirm. Es sieht aus, wie junge Schweden eben aussehen, wenn sie die Schule verlassen. Das Foto ist neun Jahre alt, und nun ist es in allen Zeitungen zu sehen. Denn Abdulwahab hat sich am Samstagabend mitten in Stockholms Innenstadt ein Loch in den Bauch gesprengt.

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Der Attentäter von Stockholm, Taimour Abdulwahab - nach Informationen der Website Shumukh al-Islam.

(Foto: AFP)

Passanten versuchten, den schwerverletzten Terroristen noch zu retten, doch es war zu spät. Nach ein paar Atemzügen starb Taimour Abdulwahab kurz nach 17 Uhr. Zuvor hatte er eine Autobombe gezündet und mit dem Mobiltelefon ein Bekennerschreiben an Polizei und Medien verschickt.

Zwei Tage nach den Explosionen wird immer deutlicher, wie knapp die Stadt einem Blutbad entronnen ist. Der Polizei zufolge hatte Abdulwahab sich gleich mit mehreren Bomben beladen. Um den Bauch trug er einen Sprengstoffgürtel, in den Stahlkugeln eingearbeitet waren. Einen Rucksack hatte er mit Nägeln und mit einem weiteren Sprengsatz gefüllt. In der Hand habe er noch eine Bombe getragen, die "aussah wie ein Druckkochtopf", sagte Staatsanwalt Tomas Lindstrand am Montag.

Wäre alles mitten im Adventstrubel explodiert, es hätte wohl ein Massaker mit Hunderten Toten gegeben. Möglicherweise plante Abdulwahab, die Bomben zu verteilen und an verschiedenen Stellen zu zünden, etwa mit einem per Handy gesteuerten Fernauslöser. Dass am Ende nur eine kleine Ladung hochging, die außer dem 28-Jährigen niemanden tötete, war wohl nur Zufall.

Taimour Abdulwahab zieht 1992 im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie aus dem Irak nach Småland. Ehemalige Klassenkameraden beschreiben ihn in der Zeitung Aftonbladet als "normale, anständige Person". In seiner Jugend spielt er Basketball, geht auf Partys, hat Freundinnen. Manchmal ist er in Raufereien verwickelt. "Aber unter der harten Schale war er ein dufter Kumpel", sagt ein früherer Freund.

Nach dem Abitur zieht er nach England, wo er in Luton die Universität Bedfordshire besucht und sich zum Physiotherapeuten ausbildet. Die Kleinstadt nördlich von London ist fortan sein Zuhause, nur ab und zu besucht er Schweden. Den Bekannten zufolge verändert Abdulwahab sich nach dem Umzug. Er wird religiöser und bricht alte Kontakte ab.

Internetsuche nach einer Zweitfrau

Dennoch scheint er auch in England ein ganz normales Leben zu führen. 2004, nach seinem Uni-Examen, heiratet er. Seine Frau stammt ebenfalls aus dem Nahen Osten und ist in Schweden aufgewachsen. Das Paar bekommt drei Kinder, das jüngste wird erst in diesem Sommer geboren.

Die Nachbarn in Luton schätzen das Paar als freundlich und hilfsbereit. Doch hinter der Fassade scheint der künftige Attentäter immer radikaler zu werden. Im Internet vertritt er extreme Ansichten, sucht auf einer islamischen Dating-Seite sogar eine zweite Frau, eine "praktizierende Muslimin, Sunni, die Kinder liebt". Seine erste Frau sei mit der Vielehe einverstanden, heißt es in der Anzeige.

Abdulwahab unternimmt auch Reisen in den Nahen Osten. In seinem Bekennerschreiben entschuldigt er sich jetzt bei seiner Familie dafür, dass er ihnen über diese Ausflüge nicht die Wahrheit gesagt habe. "Ich bin nie in den Nahen Osten gefahren, um dort zu arbeiten oder Geld zu verdienen. Ich war dort für den Dschihad." Soweit man weiß, bleiben die Verwandten bis zum Schluss völlig ahnungslos.

Als die Polizei am Wochenende die Wohnung in Luton ebenso wie jene der Eltern und der Schwiegereltern durchsucht, finden die Beamten nichts Verdächtiges. Ob Abdulwahab andere Helfer hatte, die er möglicherweise bei seinen Nahostreisen kennenlernte, darüber kann nur spekuliert werden. Der Verdacht der Ermittler, dass jemand assistierte, gründet sich bislang nur auf Erfahrungswerte.

Bis zuletzt unauffällig

Es sei bei dieser Art von Verbrechen ungewöhnlich, dass der Täter völlig ohne Unterstützung agiere, erklärt Staatsanwalt Lindstrand. Bei der eigentlichen Tat sei Abdulwahab nach bisherigem Kenntnisstand jedenfalls alleine gewesen, sagt Anders Thornberg, der beim Geheimdienst Säpo die Ermittlungen leitet.

In den schwedischen Medien wird inzwischen auch Kritik an den Sicherheitsbehörden laut. Warum haben sie nicht schon früher bemerkt, was sich da zusammenbraute? Taimour Abdulwahab ist dem Geheimdienst vor Samstag noch nie aufgefallen. Säpo-Mitarbeiter Thornberg sagte, in einer offenen Gesellschaft könne man eben nicht alles und jeden überwachen. Deswegen sei es schwer, solche Verbrechen vorauszusehen.

Taimour Abdulwahab benimmt sich bis zuletzt unauffällig. Vor vier Wochen kommt er aus England nach Schweden auf Besuch. Er wohnt bei seinen Eltern. Ende November kauft er einen Gebrauchtwagen. Es ist jener weiße Audi, der später in Flammen aufgeht. Noch am Freitag trifft sich der Attentäter mit Freunden. Einer lädt ihn zum Kaffeetrinken ein, denn er will dann Geburtstag vorfeiern - er wäre am dritten Advent 29 Jahre alt geworden.

"Geburtstagsfeiern sind doch nichts für Erwachsene", scherzt Abdulwahab, als er die Einladung bekommt. Alle lachen. Dann sitzen die Freunde ein letztes Mal in Tranås beisammen. Am Morgen darauf steigt er, ohne sich von irgendwem zu verabschieden, in seinen weißen Audi, und fährt mit der tödlichen Ladung nach Stockholm.

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