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Asylbewerber in Schwäbisch Gmünd:"Wir waren keine Sklaven"

Am Dienstag häuften sich auf der Facebook-Seite der Stadt und in anderen sozialen Netzwerken erst empörte Kommentare, dann böse, die meisten von auswärts. Und dann hob der Sturm richtig an. Einen "Schritt zurück in die Kolonialzeit" erkannte die Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke. Auf "Irrsinn" entschied die linke Zeitung Junge Welt: Die Asylbewerber müssten "buckeln, damit das Flüchtlingsheim nicht abgefackelt wird". Wütende Internetuser nannten OB Arnold einen Rassisten und Ausbeuter, einen deutschen "Onkel Tom". Zu einem Bild, auf dem Arnold Strohhüte als Sonnenschutz an die Asylbewerber verteilt, schrieb jemand: "Massa Arnold begutachtet seine Ware." Das mit den Hüten, sagt Arnold, habe doof ausgesehen, das wisse er selbst.

Der Sturm blies die Bahn sofort um. Die "konkreten Beschäftigungsbedingungen" der Freiwilligen, teilte der Konzern am Mittwoch mit, seien ihm "erst jetzt bekannt geworden".

"Die Bahn hätte uns mal fragen sollen"

Christopher Igbinomwanhia sagt: "Die Bahn hätte uns mal fragen sollen. Uns ging es doch nicht ums Geld. Wir waren keine Sklaven, wir haben das gern gemacht. Uns wurde eine große Chance geraubt."

Igbinomwanhia trägt sein rotes T-Shirt, obwohl es Donnerstagabend ist und die Aktion längst vorbei. Er zeigt auf sein Zimmer im Gmünder Asylbewerberheim, das aus nicht viel mehr besteht als aus einer Couch und drei Betten, auf jedem liegt eine Bibel. Er sagt: "Ich bin 43 Jahre alt, ich lebe hier seit mehr als zwei Jahren mit zwei anderen Männern. Ich habe keine Arbeitserlaubnis, ich kann nur schlafen und essen. Und jetzt hatte ich endlich das Gefühl, gebraucht zu werden." Ein älterer Herr, dem er den Koffer trug, habe auf ein Foto mit ihm bestanden. Eine Frau habe ihm Wasser gekauft und gesagt: "Ich werde an Sie denken." Eine junge Mutter habe ihm ihr Baby in die Hand gedrückt, ihm, "dem schwarzen Mann, wegen dem viele sonst die Straßenseite wechseln". In zwei Jahren in Deutschland, sagt der Nigerianer Igbinomwanhia, sei ihm "nichts Schöneres" passiert.

Ein-Euro-Jobs und Schauspielrollen für Asylbewerber

Igbinomwanhia lotst durch das Heim, zu anderen Freiwilligen vom Bahnhof. Alle sagen, "Mayor Arnold" habe ihnen immer schon geholfen, nicht erst jetzt. Habe ihnen Ein-Euro-Jobs bei der Stadt vermittelt, sie beim Theater-Spektakel zum Staufer-Jubiläum mitspielen lassen. Kolade Ajibola, auch aus Nigeria, macht gerade ein Praktikum in der IT-Abteilung des Rathauses. Er hat gehört, dass eine Schweizer Zeitung das "Massa"-Zitat druckte. Er ruft: "Was erlauben sich die Schweizer?"

Am Ende des Rundgangs sitzt der blutjunge Muhamad aus Gambia auf einem fransigen Sofa unter einer deutschen Fahne. Er kapiere da etwas nicht, sagt er: "Was ist schlimm daran, wenn ein Schwarzer einem Weißen den Koffer trägt?"

Überkorrektheit führt zu Handlungsunfähigkeit

Wer versteht da also wen nicht, in Gmünd und im Internet? OB Arnold sagt: "Gutmenschentum darf nicht in Bevormundung umschlagen. Diese politische Überkorrektheit führt nur dazu, dass sich niemand mehr traut, etwas für die Asylbewerber zu tun." Klar, die Bundesrepublik brauche neue, liberalere Einwanderungsgesetze. "Aber die kann ich nicht machen."

Draußen vor dem Heim soll Christopher Igbinomwanhia für ein Foto posieren, er hat extra ein gutes Hemd übers rote T-Shirt gezogen, Kragen aufrecht, Knöpfe zu. Er lächelt für die Kamera, dann sagt er plötzlich: "Stopp." Er zieht das Hemd wieder aus und zupft das rote T-Shirt zurecht, den Schriftzug "Service", das Schild mit seinem Namen und dem Gmünder Einhorn daneben. Es sei, sagt er, "das beste Hemd, das ich habe".