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Rassismus in der arabischen Welt:Von Dienern und Sklavinnen

Die Bewegung Black Lives Matter hat die arabische Welt erreicht: Auch in Tunis protestierte man gegen die Tötung des Amerikaners George Floyd. Doch für die Schwarzen in Tunesien hat sich wenig geändert.

(Foto: Hassene Dridi/AP)

Die meisten Schwarzen stecken fest in einem Kreislauf aus Diskriminierung und Armut. Doch es gibt auch Hoffnung.

Von Dunja Ramadan

Sprache kann verletzen und entlarven. Aber Sprache kann auch verändert werden, wie ein Urteil aus Tunesien zeigt. Dort gelang es Hamden Dali vor wenigen Tagen, den Zusatz "atiq" aus seinem Namen zu streichen. Das Wort steht für "befreit von" und ist ein Relikt aus der Sklavenzeit. Drei Jahre lang musste der 81-Jährige auf dieses Urteil warten.

Zwar hat das nordafrikanische Land die Sklaverei 1846 abgeschafft und, auch als Folge des Arabischen Frühlings, 2018 das erste Anti-Rassismus-Gesetz in der Region verabschiedet, doch im Alltag ist Rassismus gegen schwarze Tunesier und Tunesierinnen weiterhin salonfähig. Zehn bis 15 Prozent der tunesischen Bevölkerung sind schwarz. Sie haben es schwerer, einen Job zu finden und sind häufiger von Armut betroffen.

Khawla Ksiksi ist Mitbegründerin des Kollektivs "Voices of Tunisian Black Women", das es seit Anfang 2020 gibt. Gemeinsam mit 500 anderen Frauen versucht Ksiksi, das Bewusstsein in der tunesischen Gesellschaft zu verändern. Die Frauen gehen an Universitäten, starten Kampagnen und organisieren Demos. Wie die meisten Schwarzen stammt die 28-Jährige aus dem Süden des Landes. Doch die längste Zeit ihres Lebens verbrachte sie in der Hauptstadt Tunis, da ihre Mutter nach dem Sturz des Langzeitdiktators Ben Ali eine politische Karriere anstrebte.

"Manchmal glaube ich, dass ich eine wirkliche Veränderung nicht mehr miterleben werde": Khawla Ksiksi, 28, Aktivistin.

(Foto: oh)

Mittlerweile arbeitet Khawla Ksiski als Programm-Managerin für die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tunis. Ihre Mutter, Jamila Ksiksi, sitzt seit 2014 als einzige schwarze Tunesierin im Parlament. Politisch könnten die beiden kaum weiter auseinanderliegen - sie, die Linke, und ihre Mutter, die selbsternannte Muslimdemokratin der Ennahda-Partei. Doch bei einem Thema sind sich die beiden einig: dass Tunesien ein ausgewachsenes Rassismusproblem hat.

Auf Facebook mit einem Gorilla verglichen

Im vergangenen Jahr wurde Jamila Ksiksi von einem Politiker auf Facebook rassistisch beleidigt, er verglich sie in einem Beitrag mit einem Gorilla und nannte sie "Sklavin". Der Fall sorgte für Schlagzeilen in Tunesien, doch juristische Folgen blieben bislang aus, wie ihre Tochter der SZ am Telefon erzählt: "Und das, obwohl meine Mutter eine Abgeordnete ist. Man muss sich nur vorstellen, wie mit Schwarzen umgegangen wird, die keinen politischen Posten haben und keine finanziellen Mittel, um zu klagen."

In der Schule und an der Universität, wo sie Jura studierte, war Khawla Ksiksi die einzige Schwarze. Die meisten Schwarzen, die sie kennt, landen im Arbeitermilieu, jobben in Restaurants und Bars oder arbeiten auf dem Bau. "Sie stecken ein Leben lang in einem Kreis aus Diskriminierung und Armut fest und kommen da nicht raus." Und die Mehrheitsgesellschaft habe kein Interesse daran, ihnen zu helfen.

So werden Schwarze in Tunesien immer noch "wassif" genannt, Diener. Es ist kein Wort, das nur unter Gleichgesinnten und mit einem Anflug von schlechtem Gewissen ausgesprochen wird, sondern eine alltagsübliche Bezeichnung für Schwarze.

Syrische Künstler in Idlib erinnern an das Schicksal von George Floyd.

(Foto: OMAR HAJ KADOUR/AFP)

Das Urteil, das nun Hamden Dali erwirkte, um das Erbe der Sklavenzeit aus seinem Namen zu tilgen, sieht Ksiksi nicht nur positiv. Klar, es sei ein erster Schritt, aber die lange Wartezeit spreche für sich. Zwar gäbe es seit 2018 keinen legalen Rahmen mehr für Rassismus in Tunesien, doch die Regierung interessiere sich für die Belange der schwarzen Bevölkerung nicht. Auch die Justiz und die Sicherheitsbehörden seien von rassistischen Strukturen geprägt und verfolgten Straftaten gegen Schwarze nicht konsequent. Besonders hart treffe es schwarze Frauen, sagt Ksiksi. "Wir werden hypersexualisiert und sind deshalb mit einer ganz anderen Form der Belästigung konfrontiert." Immerhin sehe es in Tunesien noch besser aus als in anderen arabischen Ländern.

Sie werden immer noch "Abd", also Sklave, genannt

Im Zuge der weltweiten "Black Lives Matter"-Bewegung ergriffen zahlreiche Afro-Araber das Wort und erzählten von ihrem Alltag, vor allem in den sozialen Netzwerken. Sie berichten von struktureller und verbaler Diskriminierung, davon, dass sie immer noch Sklave ("Abd") genannt würden, sei es auf der Straße oder in Film und Fernsehen. Vor allem in ägyptischen Filmen treten Schwarze meist als Diener auf, und Blackfacing - das Schwärzen des Gesichts - gilt als legitime Praxis, um Zuschauer zum Lachen zu bringen. Im Libanon etwa ist der Ausdruck "meine Sri-Lankanerin" ein Synonym für ein schwarzes Hausmädchen, in syrischen Kochshows wird die Zubereitung von Schokoküssen mit Kokosflocken auf Arabisch erklärt mit dem Wort: Sklavenkopf.

Afro-Araber, also Araber mit subsaharischer Herkunft, leben nicht nur in den Maghrebstaaten, sondern auch in weiten Teilen der arabischen Welt, etwa in Ägypten, Irak, Jordanien, Saudi-Arabien oder Oman. Viele arabische Länder schafften die Sklaverei erst vor wenigen Jahrzehnten offiziell ab: im Jemen und im Oman im Jahr 1970, in Mauretanien 1981. Häufig kommen afrikanische Migranten auch als Arbeitskräfte in die arabische Welt.

Eine selbstkritische Reflexion des eigenen Rassismus sei nach der weltweit beachteten Tötung des schwarzen US-Amerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten ausgeblieben, findet Ksiksi. Zwar seien Afro-Araber seitdem besser vernetzt, und viele Muslime erinnerten in den vergangenen Wochen an den Ausspruch des Propheten Mohammed: Kein Araber sei besser als ein Nicht-Araber und kein Nicht-Araber sei besser als ein Araber - doch im Alltag vieler Afro-Araber sei davon wenig zu spüren.

Vor allem ein Video der palästinesischen Schauspielerin Maryam Abou Khaled sorgte für Diskussionen, mehr als zwei Millionen Menschen sahen es. Abou Khaled griff ein Argument auf, das viele Araber gerne benutzen: Der Westen sei rassistischer als man selbst. Sie hält wenig von diesem Argument des "harmloseren Rassismus", berichtete von Erfahrungen, die sie als Kind gemacht habe. So warnten Mütter ihrer Freunde, sie dürften nicht zu lange in der Sonne bleiben, sonst würden sie so aussehen wie Maryam. Ein Vater beantwortete die Frage seines Kindes, woher Maryams Hautfarbe komme, man habe schwarze Kinder im Ofen vergessen. Viel zu häufig sei die Schönheit eines Mädchens an ihr Weiß-Sein geknüpft, kritisiert die Schauspielerin und plädiert dafür, zumindest die neue Generation rassismuskritischer zu erziehen.

Khawla Ksiksi hätte ein paar Ideen, wie das funktionieren könnte: Mehr Repräsentation von Schwarzen in arabischen Parlamenten, Talkshows, Filmen. Gezielte strafrechtliche Verfolgung von Rassismus. Politische Programme, die der Marginalisierung von Schwarzen ein Ende bereitet. Doch optimistisch klingt sie nicht. "Manchmal glaube ich, dass ich eine wirkliche Veränderung nicht mehr miterleben werde", sagt die Frau, die erst 28 Jahre alt ist.

© SZ/jok/kit
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