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Jüdischer Weltkongress:Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch

Jüdischer Friedhof Kröpelin geschändet

Antisemitische Schmierereien an Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof in Kröpelin (Landkreis Rostock).

(Foto: dpa)
  • Der Antisemitismus breitet sich in Deutschland aus. Laut einer Studie des Jüdischen Weltkongresses hat jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken, 41 Prozent meinen, Juden redeten zu viel über den Holocaust.
  • Auch unter Hochschulabsolventen sind antisemitische Stereotypen verbreitet.
  • Es sei Zeit, "dass die gesamte deutsche Gesellschaft Position bezieht", sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses.

Antisemitismus ist in Deutschland weit verbreitet. 27 Prozent aller Deutschen und 18 Prozent einer als "Elite" kategorisierten Bevölkerungsgruppe hegen antisemitische Gedanken, 41 Prozent der Deutschen sind gar der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust. Die neuen Zahlen stammen aus einer repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses, der Dachorganisation jüdischer Gemeinden und Organisationen aus mehr als 100 Ländern. Die Befragung mit 1300 Teilnehmern fand vor zweieinhalb Monaten statt, also vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle. Ihr Ergebnis liegt jetzt der Süddeutschen Zeitung vor.

Wachsender Antisemitismus wird von einer überwältigenden Mehrheit in der Bevölkerung wahrgenommen und mit dem Erfolg rechtsextremer Parteien in Verbindung gebracht. 65 Prozent der Deutschen und 76 Prozent der sogenannten Elite erkennen einen Zusammenhang an.

Bemerkenswert sind die Umfragewerte unter Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100 000 Euro, die in der Studie als Elite bezeichnet werden. 28 Prozent von ihnen behaupten, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft, 26 Prozent attestieren Juden "zu viel Macht in der Weltpolitik" - Aussagen, die zum klassischen Repertoire des Antisemitismus gehören. Fast die Hälfte von ihnen (48 Prozent) behauptet, Juden verhielten sich loyaler zu Israel als zu Deutschland. Immerhin zwölf Prozent aller Befragten geben an, Juden trügen die Verantwortung für die meisten Kriege auf der Welt. 22 Prozent sagen, Juden würden wegen ihres Verhaltens gehasst.

Während der Antisemitismus also breiten Raum einnimmt, wächst gleichzeitig die Bereitschaft, dagegen vorzugehen. Zwei Drittel der sogenannten Elite würden eine Petition gegen Antisemitismus unterzeichnen, ein Drittel aller Befragten würde gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Etwa 60 Prozent räumen ein, dass Juden einem Gewaltrisiko oder hasserfüllten Verbalangriffen ausgesetzt seien.

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, kommentierte die Studie mit drastischen Worten. Antisemitismus habe in Deutschland einen Krisenpunkt erreicht. "Wir haben gesehen, was passiert, wenn einfache Leute weggeschaut oder geschwiegen haben", sagte er. "Es ist an der Zeit, dass die gesamte deutsche Gesellschaft Position bezieht und Antisemitismus frontal bekämpft." Deutschland habe eine einmalige Verpflichtung, die Rückkehr von Intoleranz und Hass zu verhindern. Wenn sich mehr als ein Viertel der Gesellschaft mit Antisemitismus identifizierte, dann sei es Zeit für die restlichen drei Viertel, Demokratie und tolerante Gesellschaften zu verteidigen.

In der Umfrage räumt ein Drittel der Befragten ein, dass Juden in Deutschland nicht gut behandelt würden. Gleichwohl zeigten sich lediglich 44 Prozent besorgt über Gewalt gegen Juden oder jüdische Einrichtungen. Ein Viertel der Befragten hält es für möglich, dass sich "so etwas wie der Holocaust in Deutschland heute wiederholen kann". Eine Wiederholungsgefahr in einem anderen europäischen Land halten immerhin 38 Prozent für möglich.

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