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Angriffe auf US-Botschaft:Koordinierte Randale im Irak

Nach US-Luftangriff auf schiitische Miliz im Irak

Demonstranten haben auf dem Gelände der US-Botschaft Feuer gelegt.

(Foto: Khalid Mohammed/AP/dpa)
  • Nach gewaltsamen Angriffen auf die US-Botschaft in Bagdad ziehen sich die wütenden Demonstranten zurück, wenn auch nur teilweise.
  • Iran will mit den Ausschreitungen nichts zu tun haben - die Attacken wurden allerdings von ausgebildeten Kämpfern angeführt.

Von Moritz Baumstieger

Wie eine Festung liegt die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika im Herzen Bagdads. Der Komplex, der unter größter Geheimhaltung für 750 Millionen Dollar errichtet wurde, gilt als der am besten gesicherte seiner Art. Dass die hier arbeitenden und lebenden US-Bürger jemals in ernste Bedrängnis geraten würden, galt eigentlich als ausgeschlossen - bis zum Dienstag.

Am Vormittag des 31. Dezember marschierten Hunderte wütende Demonstranten auf das fast 42 Hektar große Areal zu. "Tod den USA" skandierten sie, Steine prasselten gegen die Mauern. Bald gelang es den ersten, diese zu erklettern und Fahnen zu hissen. Andere bearbeiteten Scheiben aus Sicherheitsglas mit Vorschlaghämmern, sprühten Parolen an die Wände, warfen Brandsätze. Auch mit dem massiven Einsatz von Tränengas konnte die Menge nicht auseinandergetrieben werden. Als die ersten Wachhäuschen und dann der Empfangsbereich der Botschaft in Flammen aufgingen, stiegen Apache-Kampfhubschrauber auf und feuerten Signalraketen zur Abschreckung ab.

Auch am Tag danach ist der Angriff zunächst nicht ausgestanden. Erneut fliegen Steine auf den Komplex, vor dem immer noch Hunderte wütende Iraker versammelt sind. Viele hatten die Nacht dort verbracht. Während irakische Offiziere versuchten, die Angreifer mit Worten zum Abzug zu überreden, errichteten diese nach Augenzeugenberichten Zelte, schleppten Matratzen und Kochgelegenheiten an. Aus dem Angriff, der scheinbar aus dem Nichts kam, sollte eine Belagerung werden. Sie wollten bleiben, bis die USA komplett aus dem Land abziehen, sagten Demonstranten. Am Nachmittag jedoch zogen einige von ihnen ab, nachdem die Volksmobilisierungseinheiten, ein Verband schiitischer Milizen, "aus Respekt vor der irakischen Regierung" dazu aufgerufen hatten.

Am Mittwochabend meldet dann das irakische Militär, die Demonstranten seien vollständig abgerückt. Sie folgten offenbar dem Aufruf der Volksmobilisierungseinheiten.

Diese erklärte, die "Botschaft ist angekommen". In Washington werden die Bilder noch lange Wirkung entfalten. Dem Regime in Iran, dem größten Rivalen der USA in der Region, dürften sie hingegen Genugtuung verschaffen. Seit Anfang Oktober bringt eine Protestbewegung im Irak Hunderttausende auf die Straße, die ebenfalls ein Ende ausländischer Einflussnahme fordern - dabei aber eher Iran im Blick haben, den mächtigen Nachbarn, der seine Kontrolle im Irak seit 2003 stetig ausbaut. Selbst im schiitischen Süden des Irak hatten Demonstranten zuletzt iranische Konsulate gestürmt und in Brand gesetzt. Als sich Ende November der mächtige Kleriker Ali al-Sistani für eine von ausländischen Mächten unabhängige Regierung aussprach, trat Premier Adel Abdul Mahdi zurück.

Dies alles mag in Teheran den Wunsch nach einer Revanche befördert haben - Auslöser für die Tumulte in Bagdad waren jedoch Ereignisse in der irakischen Provinz: Am Wochenende flog die US-Luftwaffe Angriffe auf Stellungen der proiranischen Miliz Kataib Hisbollah, die nach Überzeugung der USA für den Raketenbeschuss einer ihrer Basen im Nordirak verantwortlich war. Wie andere schiitische Milizen kämpfte die Gruppe auch gegen die Terrormiliz IS und blieb nach der Befreiung Mossuls 2017 bestehen. Sie dient Iran seither als bewaffneter Arm im Nachbarland. Die Vergeltungsmaßnahme vom Wochenende hinterließ 50 Verletzte und 25 Tote - und aufgebrachte proiranische Demonstranten, die nach der Beisetzung der Toten mit oder ohne direkte Anweisungen aus Teheran in Richtung US-Botschaft marschierten.

Irans Oberster Führer jedenfalls bestritt am Neujahrstag erwartungsgemäß, dass sein Land irgendetwas mit den Vorfällen in Bagdad zu tun habe. "Fakt ist, dass die Völker in dieser Region die USA wegen ihrer Verbrechen hassen", sagte Ayatollah Ali Chamenei. Fakt ist jedoch auch, dass der Botschaftssturm von Bagdad keinesfalls von aufgebrachten Zivilisten angeführt wurde, sondern von ausgebildeten Kämpfern. Auf vielen Bildern wehen die Fahnen proiranischer Milizen, Videos zeigen Kommandeure der bewaffneten Gruppen, die zufrieden durch das Chaos vor dem Botschaftsgelände flanieren.

Dass die Menschenmassen den Gebäudekomplex in der hochgesicherten sogenannten Grünen Zone in Bagdad überhaupt erreichen konnten, deutet zudem darauf hin, dass einflussreiche Mächte im Hintergrund koordiniert haben: Als in den vergangenen Monaten Demonstranten vom Bagdader Tahrirplatz die Grüne Zone zu erreichen versuchten, schossen die Sicherheitskräfte kompromisslos in die Menge. Am Dienstag hingegen ließen die Wachen die Anti-USA-Demonstranten nach Berichten von Augenzeugen einfach passieren und griffen auch dann kaum ein, als diese begannen, Steine zu werfen und Überwachungskameras an den Mauern zu demolieren. Manche derer, die später Feuer legten, trugen dabei sogar ihre irakischen Uniformen - ihre wirklichen Dienstherren sitzen nach Überzeugung der USA jedoch in Teheran.

© SZ vom 02.01.2020/sebi
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