Amnesty-Menschenrechtspreisträger Henri Tiphagne:"Niemand hat uns beigebracht, die Vielfalt zu feiern"

Menschenrechtsaktivist Henri Tiphagne

Er selber weiß nicht, zu welcher Kaste er gehört, weil er als Baby von einer Französin adoptiert wurde: Henri Tiphagne.

(Foto: Oliver Wolff/dpa)

Henri Tiphagne, 60, ist Anwalt aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. 1995 gründete er die Menschenrechtsorganisation "People's Watch". Seitdem dokumentiert Tiphagne Menschenrechtsverletzungen und vertritt Betroffene vor Gericht. Außerdem organisiert Tiphagnes Team Weiterbildungen für Lehrer und Schulprogramme. Bislang wurde etwa einer halben Million Kinder beigebracht, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben und niemand wegen seiner Herkunft, Hautfarbe und Religion diskriminiert werden darf.

Amnesty International Deutschland zeichnet Henri Tiphagne mit dem Menschenrechtspreis aus, auch Bundespräsident Joachim Gauck wird bei der Verleihung in Berlin anwesend sein. Im Vorfeld sprach der Inder mit der SZ über sein Engagement.

Interview von Oliver Das Gupta, Berlin

Herr Tiphagne, Ihre Familie und Ihre Mitstreiter stehen wegen Ihrer Arbeit unter massivem Druck. Warum nehmen Sie das alles auf sich?

Natürlich könnte ich als normaler Anwalt arbeiten und das Leben genießen. Aber das würde mich nicht erfüllen. Wer für die Menschenrechte eintritt, muss bereit sein, einen Preis zu bezahlen. Meine Adoptivmutter kam aus Frankreich und hat Ihr Leben lang Leprakranken geholfen. Das hat mich tief geprägt. Ich hatte von Beginn an das Bedürfnis, Armen zu helfen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Gab es Schlüsselerlebnisse in Ihrer Jugend?

Es gab mehrere. In meiner Zeit auf dem College habe ich von einem christlichen Friedhof gehört, auf dem eine Mauer die Gräber der "Unberührbaren" trennte von denen der Gläubigen aus den höheren Kasten.

Einen Moment: Wie kommt hinduistisches Kasten-Denken auf einen christlichen Friedhof?

Es war sogar ein katholischer Friedhof. Die Missionare haben manche Hindu-Traditionen übernommen, sonst hätte das Christentum in Indien nicht Fuß fassen können. Das Kasten-Denken kennt keine religiöse Barriere. Ein Mensch kann seinen Glauben wechseln oder ablegen. Aber er wird bis zu seinem Lebensende in seiner Kaste bleiben - nach Ansicht derjenigen zumindest, die an das Kasten-System glauben. Als ich damals von dem Friedhof hörte, wurde ich besonders wütend, weil die Kirche sich zum Handlanger der Diskriminierung gemacht hatte. Ich borgte mir eine Brechstange und einen Hammer und zog mitten nach der Nacht mit einem Mitstreiter los.

Sie haben die Mauer eingerissen?

Diese dumme Mauer war so morsch, dass man ein Loch hineintreten konnte. Wir haben sie komplett umgehauen, sie war etwa 50 Meter lang. Es fühlte sich an wie ein großer Sieg über ein unmenschliches System. Doch wenig später haben sie die Mauer wieder aufgebaut. Sie steht noch heute. Wir haben eine Lehre daraus gezogen: Der Kampf für Gleichberechtigung und die Menschenrechte ist eine lebenslange Aufgabe.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Situation der mehr als 180 Millionen Dalits, der so genannten "Unberührbaren", die Mahatma Gandhi die "Kinder Gottes" nannte. In der indischen Verfassung von 1950 ist Diskriminierung aufgrund des Kasten-Systems verboten...

... und es folgten noch weitere Anti-Diskriminierungs-Gesetze, das jüngste ist von 2016. Sie sind zum Teil sehr gut und progressiv. Bestraft werden diejenigen, die diskriminieren. Der Staat ist verpflichtet, die Diskriminierten zu entschädigen.

Warum bessert sich die Situation der Dalits in Indien dann nicht grundsätzlich?

Weil gute Gesetze nichts nutzen, wenn Gesetzesbruch nicht bestraft wird. Bei den Richtern, den Staatsanwälten, den Sicherheitskräften, den Verteidigern, in den Gefängnissen: Überall herrscht Langsamkeit, Parteilichkeit, Willkür, Ignoranz - oft auch Brutalität. Alles hängt mit allem zusammen, deshalb ist es auch so schwer, etwas zum Besseren zu verändern. Wir pochen darauf, dass Gesetze endlich durchgesetzt und angewandt werden. Aber auch Strafen allein werden natürlich nicht das Phänomen der "Unberührbarkeit" beenden. In der indischen Gesellschaft muss ein Verständnis dafür wachsen, dass alle Menschen dieselben Rechte haben.

Hilft Ihnen der indische Staat bei Ihrer Arbeit?

Leider ist das Gegenteil der Fall. Indische Menschenrechtler sehen sich wachsender Repression ausgesetzt. Die Behörden machen das sehr geschickt: Sie stoppen unsere Arbeit, indem Sie unsere Konten einfrieren. So können wir unsere Mitarbeiter nicht mehr bezahlen.

Nach all den Jahren Ihres Engagements hat sich wenig zum Positiven verändert. Macht Sie das traurig?

Ja, ich bin aus mehreren Gründen traurig. Es macht mich traurig, wie man versucht, meine Mitstreiter und mich zum Schweigen zu bringen. Manchmal sind es Anrufe, manchmal sind es Besuche in meinem Haus. Und wenn das nichts nutzt, werden falsche Anschuldigungen konstruiert. Wissen Sie, ich liebe meine Heimat sehr. Indien ist ein reiches Land, reich an Vielfalt der Menschen. Leider hat uns niemand beigebracht, diesen Reichtum zu feiern, wie es andere Länder tun. Wenn wir es schaffen, eine Gesellschaft von gleichberechtigten Menschen zu sein, wird Indien schöner denn je strahlen.

© SZ.de/pamu
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