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Right Livelihood Award:"Alternativer Nobelpreis" geht an vier Demokratieaktivisten

Ales Bialiatski, Lottie Cunningham Wren, Bryan Stevenson und Nasrin Sotudeh(v.l.n.r.)

(Foto: imago(3); PBI PR)

Sie alle vereine, so die Begründung für die Auszeichnung, der "Kampf für Gleichberechtigung, Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit". Eine der Preisträgerinnen sitzt wegen dieses Kampfs gerade im Gefängnis.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Letztes Jahr stand die Klimakrise im Mittelpunkt der Verleihung des Right Livelihood Award, der auch als "Alternativer Nobelpreis" bekannt ist, in diesem Jahr soll der Kampf für die belagerte Demokratie gewürdigt werden. Bei der Bekanntgabe der vier Preisträger am Donnerstagmorgen in Stockholm sagte Ole von Uexküll, Direktor der Right Livelihood Foundation, man wolle ein "Schlaglicht auf die weltweite Bedrohung der Demokratie" werfen.

Ausgezeichnet werden ein Demokratieaktivist aus Belarus (Ales Bjaljazki), ein Bürgerrechtsanwalt aus den USA (Bryan Stevenson), eine iranische Menschenrechtsanwältin (Nasrin Sotudeh) und eine Aktivistin für die Rechte der indigenen Menschen in Nicaragua (Lottie Cunningham Wren). "Was die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger vereint, ist ihr Kampf für Gleichberechtigung, Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit", sagte Ole von Uexküll.

Die Right-Livelihood-Award-Stiftung war einst von dem schwedisch-deutschen Philanthropen und Briefmarkensammler Jakob von Uexküll gegründet worden, dem Onkel des heutigen Stiftungsdirektors. Er hatte zuvor 1979 erfolglos versucht, die Nobelstiftung zur Verleihung eines Umweltpreises zu bewegen. Erklärtes Ziel der Stiftung ist es nicht nur, den Preisträgern weltweite Aufmerksamkeit zu verschaffen, sie möchte ihnen gleichzeitig ein Netzwerk bieten und versteht sich laut Eigenauskunft als ihr "Megafon und Schutzschild".

Dass viele von ihnen Schutz dringend nötig hätten, zeigt das Beispiel der ersten iranischen Preisträgerin, Nasrin Sotoudeh, die als Anwältin für die Rechte von Frauen, Jugendlichen und Kindern ebenso kämpfte wie für politisch Verfolgte, und die dafür im Gefängnis sitzt. "Unsere Familie macht schwierige Zeiten durch", teilte Sotudehs Ehemann Reza Khandan der Stiftung in seiner Danksagung mit: "Nasrins Bankkonten wurden gesperrt, unsere Tochter Mehraveh wurde festgenommen, ich wurde festgenommen, Nasrin zu schwindelerregenden 38,5 Jahren Gefängnis und Peitschenhieben verurteilt. Die iranische Regierung glaubt, sie könne unsere Familie durch noch schlimmere Übergriffe zerstören."

Schon viele Male Bekanntschaft mit Gefängnis und Misshandlung musste auch Ales Bjaljazki machen, der Aktivist aus Minsk. Er begann 1988, für demokratische Freiheiten zu kämpfen, da war Belarus noch Teil der Sowjetunion. Bjaljazki teilt sich den Preis mit dem von ihm 1996 gegründeten Menschenrechtszentrum "Wjasna". Sein jahrzehntelanges Ringen für Demokratie habe jener unabhängigen Zivilgesellschaft den Weg geebnet, teilte die Stifung mit, die schließlich die Demokratiebewegung des Jahres 2020 hervorbrachte. Bjaljazki ist im Moment Mitglied des oppositionellen Koordinierungsrates, der den Widerstand gegen Machthaber Lukaschenko organisiert.

Der Preis an den Bürgerrechtsanwalt Bryan Stevenson ist eine Hommage an die Bewegung für Rassengleichheit in den USA. Stevenson hat sich sein Leben lang für die Erinnerung an die Sklaverei ebenso eingesetzt wie gegen Ungerechtigkeit im amerikanischen Justiz- und Gefängnissystem, das überproportional arme Afroamerikaner bestraft. Fünfmal brachte Stevenson Fälle an den Obersten Gerichtshof der USA, fünf Mal gewann er. Unter anderem errang er 2012 ein Urteil, das es US-Gerichten seither verbietet, Kinder zu lebenslangen Haftstrafen ohne Bewährung zu verurteilen.

Die vierte Preisträgerin Lottie Cunningham Wren ist eine Rechtsanwältin in Nicaragua, die selbst aus dem indigenen Volk der Miskito stammt. Sie kämpft gegen die Vertreibung indigener Familien von ihrem Land und organisiert den Widerstand gegen den von China geplanten und finanzierten gewaltigen Grand Canal durch Nicaragua. Der Kanal soll als Konkurrenz zum Panamakanal einmal Atlantik und Pazifik verbinden, der Bau bedroht allerdings wertvolle Ökosysteme und die Heimat vieler Menschen.

Verliehen werden die Preise am 3. Dezember in einer virtuellen Veranstaltung in Stockholm. Das Preisgeld für die von einer internationalen Jury ausgewählten Preisträger beträgt eine Million schwedische Kronen, umgerechnet etwa 90 000 Euro.

© SZ.de/jsa
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